Psychische Gewalt, zu der emotionale Vernachlässigung gehört, ist grausam.
Kolumne: Psychische Gewalt verursacht keine blauen Flecken
Gert Scobels Gedanken zu "Psychische Gewalt"
Selbst wenn man nur ein wenig in Sigrid Chamberlains Buch "Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Über zwei NS-Erziehungsbücher" liest - 2010 in der 5. Auflage im Gießener Psychosozial-Verlag erschienen: die Wirkung ist unmittelbar. In dem Buch geht es um zwei Klassiker der Erziehungsliteratur des Dritten Reichs, die die Autorin kritisch untersucht und den Ergebnissen neuerer Kinderforschung gegenüber stellt.
Hitlers Slogan "Jedes Kind ist eine Schlacht" trifft den Kern der Sache ganz gut. Zumal auch Mütter - Soldatinnen der Brutpflege gleichsam-- hart bleiben sollten, wie in der Schlacht. Sie sollen ihre Kinder ruhig weinen lassen und nicht aus Liebe oder Unverstand heraus handeln. Das Buch zeigt sehr direkt, wie sich eine weithin akzeptierte Form der emotionalen Vernachlässigung kollektiv auswirkt - bis heute.

Zweifelhafte Erziehungs- und Umgangsratgeber
Tatsächlich erschien Johanna Haarers Buch "Die Mutter und ihr erstes Kind" auch nach dem Krieg zunächst unverändert - denn an der Kindererziehung hatte sich ja nichts geändert, die war ewig - und war dann, mit kleinen Veränderungen, bis 1987 lieferbar. Auch die Rabenmütter haben in dem Erziehungs- und Umgangsratgeber, der einer autoritären Betriebsanleitung gleicht, ihren Platz. Dass Kinderfeindlichkeit (auch ein Begriff aus dem militärischen Bereich) der Bundesrepublik gut zu den deftigen Ratschlägen der Haarer-Bücher passt, liegt auf der Hand. Daran ändert sich wenig, wenn man bedenkt, dass die nationalsozialistische Gesellschaft zwar wenig kinderfreundlich war, dafür aber für Volk und Führer hohe Geburtenraten propagierte. Auch dieses Argument wird, insbesondere von rechten Neu-Rechten, heute wieder ins Feld geführt um im militärischen Jargon zu bleiben.

Psychische Gewalt ist grausam
Wenn man sich auch nur oberflächlich mit dem Thema "psychische Gewalt" befasst, erkennt man schnell zwei Dinge: Erstens erweist sich die häufig angeführte Unterscheidung zwischen psychischer und körperlicher Gewalt - wozu auch sexueller Mißbrauch gehört - als grundfalsch. Aus der Sicht der Neurobiologie lässt sich ein solcher Unterschied nicht feststellen: beide Formen von Gewalt sowie alle Zwischenformen benutzen dasselbe "Schmerznetzwerk". Und beide Formen von Gewalt führen leicht zu einer Veränderung des Gehirns, die unter Umständen irreversibel ist. Durch den Dauerstress wird, bildhaft gesprochen, Nervengewebe regelrecht verätzt. Folter, Schläge, Mißbrauch - all das lässt sich bis auf die Ebene des Körpers herunter nachweisen, von den den seelischen Schäden gar nicht zu sprechen.

Die zweite Einsicht: Psychische Gewalt, zu der emotionale Vernachlässigung gehört, ist grausam und - leider - höchst wirksam. Sie kann unter Umständen mehr verletzen und traumatisieren, als körperliche. Psychische Gewalt verursacht zwar keine blauen Flecken oder offene Wunden - ist aber gerade deshalb weit verbreitet. Sie verletzt im Verborgenen. Gerade das macht sie so gefährlich - und kaum nachweisbar. Entsprechend schwer ist es, sie juristisch zu ahnden. Dennoch gehört sie zum Alltag in Deutschland - und findet überall statt: in Familien, in der Schule, im Pflegeheim, am Arbeitsplatz, im Netz und in Beziehungen, als strukturelle Gewalt in der Gesellschaft und als Foltermethode, nicht nur in Unrechtsregimen.

Angela Horstmann fasste im Oktober 2017 den Stand der Dinge auf der Online Seite der Frankfurter Rundschau so zusammen:
"2013 ergab eine Gesundheitsstudie im Auftrag des Robert-Koch-Instituts, dass psychische Gewalt in Deutschland viermal so häufig vorkommt wie körperliche Gewalt. In der Befragung von knapp 6000 Frauen und Männern gab jeder Fünfte an, in den letzten zwölf Monaten gemobbt, bedroht oder schikaniert worden zu sein. Opfer körperlicher Gewalt wurde nur jeder 20."


Psychische Gewalt darf in keiner Weise geduldet werden
Angesichts der erschreckenden Erkenntnisse und Zahlen, und das bedeutet eben angesichts der Verbreitung von psychischer Gewalt - und den vielen davon Betroffenen, auch in unserer Gesellschaft, bleibt nur der Appell, sich selbst und andere zu schulen, um Verletzungen der Würde, des Selbstwertgefühls und des "Kerns" anderer Menschen klarer und bewusster wahrzunehmen und eindeutig Stellung zu beziehen. Psychische Gewalt darf in keiner Weise geduldet werden - ebenso wenig wie Folter oder körperliche Gewalt.


Infobox
Johanna Haarer, geborene Barsch, (* 3. Oktober 1900 in Tetschen; † 30. April 1988 in München) war eine österreichisch-deutsche Ärztin und Autorin von auflagenstarken Erziehungsratgebern im Dritten Reich, die eng an die Ideologie des Nationalsozialismus angelehnt waren. Haarer war seit 1937 Mitglied der NSDAP und zeitweise "Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen" der NS-Frauenschaft in München. Auch nach 1945 wurden ihre Bücher in der Bundesrepublik Deutschland in formal von nationalsozialistischer Terminologie bereinigter Form wieder aufgelegt und beeinflussten somit die Mütter der Kriegs- und der Nachkriegsgenerationen.





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