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Wird es uns gelingen, eigene Erfahrung und Weltbild miteinander zu versöhnen?
Kolumne: Die Wende hin zur eigenen Erfahrung
Gert Scobels Gedanken zu "Die kirchliche Leere"
Die Gründe für die Erosionen und Unterspülungen "des" Religiösen in den industrialisierten westlichen Ländern sind vielfältig wie die Formen religiösen Lebens selbst es sind - und waren.
Der Hauptgrund für das von vielen empfundene Zurückdrängen der Religionen, die an anderer Stelle mit zum Teil gewalttätigen, rücksichtslosen und eruptiven Einbrüchen in bestehende Ordnungen kompensiert werden, lässt sich auf einer systemtheoretischen Ebene mit der Komplexität religiöser Systeme erklären. Religiöse Lebensformen stehen in einer Vielzahl von Wechselwirkungen mit anderen Systemen wie Politik, Kultur, Militär, Werbung, Ökonomie und vielen anderen Aspekten und Ordnungen, die das menschliche Leben prägen. Diese Wechselwirkungen sind ein offener, evolutiver Prozess, in dem Religionen je neu ihren Platz finden müssen.

Religionen einer anderen Dimension an als Autos
Es greift zu kurz, die vielfältige Dynamik dieser Wechselwirkungen und Rückkopplungen nur "kompliziert" zu nennen. Der Begriff "kompliziert" legt nahe, dass es mit Religionen so sei wie mit Autos, die man in ihre Einzelteile zerlegen, neu ordnen und wieder zusammenbauen könnte - mit oder ohne die vorgeschriebenen Filter.

In Wahrheit gehören Religionen einer völlig anderen Dimension an als Autos - der hoch komplexer und nichtlinearer Systeme (darin eher dem Verkehr selbst oder einem Ökosystem ähnlich als einem einzelnen Auto). Zuweilen durchdringen sich die Prozesse, die zu den wechselnden Gestalten und Formen des Religiösen gehören, auf eine chaotische, nicht vorhersehbare Weise.

Diese Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Prozessen, die in ihrer Vielzahl "die" Säkularisierung ausmachen, lassen einen Raum der Beziehungen entstehen, der die Einflussmöglichkeiten der einzelnen Elemente bei Weitem übersteigt. Dennoch besteht die Versuchung, die Komplexität der Säkularisierungsprozesse mit einfachen Begriffen wie "Entfremdung" oder "Entzauberung" zu deuten und zu glauben, man hätte damit das Problem hinreichend beschrieben oder gar erklärt.

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Das Leben verstehen
Der Philosoph Charles Taylor
Zu den vielen Aspekten, die zur Situation der Religionen in der Gegenwart gehören und als "Säkularisierung" bezeichnet werden, gehören eine Reihe unterschiedlicher und weit in die Geschichte zurückreichender Prozesse, etwa der Trennung von Kirche und Staat oder der Gewaltenteilung, die sich auch ansatzweise in der moderneren institutionellen Gestaltungen religiöser Lebensformen wiederspiegelt.

Zu den weiteren Prozessen zählt, die etwa der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor in "Ein säkulares Zeitalter" analysiert hat, gehören die geradezu explosionsartige Zunahme der Vielfalt von Perspektiven, Lebensformen und Handlungsweisen sowie der Siegeszug wissenschaftlicher Methoden und technischer Prozesse im alltäglichen Leben oder die steigende Komplexität der Interaktionen von Strukturen, Menschen, Wissen und Handeln durch Globalisierung und Internet - um nur einige Aspekte zu nennen.


Spiritualität - der Gegenpol zur Religion
Und doch lässt sich, zumindest für die westlichen Formen des Christentums, in meinen Augen ein weiterer Trend ausmachen, den man in Anlehnung an den "linguistic" oder "iconic turn" in den Kulturwissenschaften als "experiential turn" der Religionen bezeichnen könnte. Religiöse Praxis löst sich zunehmend von dogmatischen Fixierungen, wird "lockerer" und "entspannter" - und erhält zugleich mehr Konkurrenz durch spirituelle Alternativen, die dem Geist des wissenschaftlichen Experiments und der kritischen Überprüfung verwandter sind als der religiösen Suche.

Spiritualität bietet, wie der Philosoph Thomas Metzinger zeigte, den eigentlichen Gegenpol zur Religion, die sich, sobald sie sich in institutionalisierter Form verwirklicht, notwendig Lehrinhalte und dogmatische Positionen verfestigen muss. Derzeit lässt sich jedoch erkennen, dass Menschen zunehmend damit beginnen, ihre eigenen, zum Teil höchst individuellen Erklärungen für religiöse Zusammenhänge zu (er)finden, die mit den etablierten klassischen Strukturen der Dogmatik nicht mehr übereinstimmen. Vor allem aber geht es ihnen weniger um Theorie und Sätze, sondern um (neue) Erfahrungen mit ihrer eigenen Lebenserfahrung.

Etablierten Religionen schreiben feste Umgangsweisen vor
Vielleicht besteht der Hauptunterschied zwischen den etablierten Formen des Christentums und dem Buddhismus, aber auch neuen Formen von christlichen Erweckungskirchen und Pfingstgemeinden daher in folgendem: spirituelle Wege, zu denen etwa manche Formen des Buddhismus, des Yoga oder der säkularen Meditation gehören, laden zu einem völlig offenen Umgang mit der eigenen Erfahrung ein, während die etablierten christlichen Kirchen bzw. die Amtskirchen den Zugang zu Erfahrungen aller Art nur über eine nur Geschichte erlauben. Es ist diese Fixierung auf ein Narrativ - die "amtliche" Version der Geschichte Jesu, die alles Religiöse ordnen, filtern und bestimmen kann.

Während man in spirituellen Bewegungen weitegehend frei ist, eigene Erfahrungen mit der Erfahrung zu sammeln - und frei ist auch darin, mit unterschiedlichen Modi dieser Erfahrungen zu experimentieren, schreiben die etablierten Religionen feste Umgangsweisen vor und verurteilen andere Lebenswege als häretisch und gefährlich. Sie beharren auf Dogmatik - und sehen gleichzeitig die eigene Erfahrung als eine latente Gefährdung des Glaubens: geht es doch im Christentum vor allem darum, die Erfahrung eines Anderen (Jesus) an die Stelle der eigenen Erfahrungen treten zu lassen - und damit das eigene Leben so umzuformen, dass es einzig und allein mit Hilfe der durch die Geschichte Jesu (vor)geprägte Erfahrungen (die nur als narrative Strukturen zugänglich sind) verstanden und sinnvoll werden kann.

Eigene Erfahrungen sind nur dann legitim, wenn sie Erfahrungen in der Nachfolge sind. Die Deutung der eigenen Erfahrungen wird dabei geschickt gekoppelt an die zwar geschichtlich kontingenten, aber in der Kodifizierung für zeitlos und ewig erklärten Erfahrungen der Kirchen, die sich in der Entwicklung von Dogmen niederschlagen. Diese bestimmen nicht nur, was als orthodox (rechtgläubig) und was als Häresie zu gelten hat - sie framen und dirigieren auf Handeln und Verhalten. Das Christentum lebt (darin dem Judentum und Islam sehr ähnlich) von einer reichen Tradition des schriftlich fixierten Weitererzählens, die sich ihrerseits als Rückgriff auf eine ursprüngliche und kanonische Erzählung versteht, deren korrekte Weitergabe einzig und allein durch die geschichtliche Vermittlung der Amtskirchen garantiert wird.

Um es mit einer Analogie zu sagen: Es ist im Christentum so, als hätte man an alle Dinge, Gefühle und Erfahrungen kleine Zettel angebracht, von denen behauptet wird, sie seinen von Gott selbst so angebracht worden und bestünden daher von Ewigkeit her. Es sind diese Zettel - die "erzählten" Dinge und Erfahrungen, nicht aber die Dinge und Erfahrungen selbst, die die wahre, nur im Glauben zu erfassende Natur der Welt ausmachen.

Die Aufgabe des Einzelnen ist es, diese Zettel im eigenen Leben korrekt (nämlich vorschriftsgemäß) zu lesen und ihnen im Leben zu entsprechen, d.h. sie so zu gebrauchen, dass sie richtigen Gedanken (an Gott) gedacht und die richtigen Handlungen getan werden - nicht zuletzt in dem man lernt, das eigene, der Dogmatik widersprechende kritische Denken zu suspendieren und der eigenen Erfahrung zu misstrauen. Man könnte daher sagen, dass das Christentum eine mächtige Form stark fiktionalisierter Erfahrung darstellt (und diese durch Schulung stets aufs Neue fördert): eine Erfahrung, von der behauptet wird, sie sei die einzig richtige (und zugleich katholische, d.h. allumfassende) Form der Erfahrung, bestimmt durch eine richtige Erzählung und ihre dogmatische Auslegung.

Offener Umgang mit der eigenen Erfahrung
Anders in vielen spirituellen Übungswegen, zu denen auch einige Formen des Buddhismus zählen. Sie unterstützen einen (selbst)kritischen, offenen Umgang mit der eigenen Erfahrung. Ein wichtiger Teil des Übungsweges besteht in solchen Übungswegen nicht selten gerade darin, sich von überkommenen Denkweisen und dogmatischen Vorverständnis zu lösen - was ihnen, aus der Sicht der Amtskirchen, den Verdacht der Selbsterlösung einbringt.

Während man im Christentum also versucht, selbst einer vorgegebenen Erzählung möglichst umfassend im Leben zu verwirklichen - und wahrer Glaube eben darin besteht, dieser Erzählung in Fühlen, Denken und Handeln zu entsprechen, machen sich spirituelle Wege davon zunehmend frei. Unterstützt von den Erkenntnissen der Neurowissenschaften - etwa im Bereich der Meditationsforschung - gelingt es dem säkularen Buddhismus zunehmend, sich von religiösen Kategorien und mythologischen Erzählungen frei zu machen, um die Grundlage von Erfahrung selbst erfahrbar zu machen.





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