Deutschland im Krimifieber. Jedes vierte verkaufte Buch ist ein Krimi.
Kolumne: Die Lust am Mord ist ungebrochen, bringt Auflage und Quote
Gert Scobels Gedanken zu "Lust am Krimi "
Vermutlich hat es in den letzten Jahren mit Blick auf das ernsthaftere Nachdenken über Krimis - ein Nachdenken, das über das Tagesgeschäft einer Rezension zu einem einzelnen Krimi oder einer Serie hinausreicht – kein Buch mit größerer Resonanz gegeben als Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft des französischen Soziologen Luc Boltanski.
Worum geht es? Nach Boltanski sind Krimis Fiktionen, das heißt literarische Inszenierungen, die von Verbrechen und ihrer Aufklärung handeln. Sie stellen Zusammenhänge zwischen einem rätselhaften Ereignis (dem Verbrechen) und seinen Ursachen (den Tätern oder Verbrechern) her. In der Regel beschreiben Krimis, wie eine Einzelperson oder eine Gruppe von Menschen, die eine in der Regel moralisch verwerfliche Tat begangen hat, diese mehr oder minder geschickt zu verschleiern oder beinahe vollständig zu verbergen versteht, im Laufe der Geschehnisse aber vom Ermittler als Täter und damit als Verbrecher überführt wird. Dass dies gelingt, ist der straffen Anwendung von Methoden der Aufklärung zu verdanken, etwa dem Aufspüren von Indizien (die beschafft werden müssen), der Verfolgung von Spuren (darunter vielen falschen) oder der Analyse von Beziehungen. Die Methode, die zur Entlarvung des Täters oder der Täterin führt, lässt sich beschreiben als eine nicht selten mit dem Widerstand wachsende, sich stabilisierende Mischung aus Hartnäckigkeit, Intuition, Spürsinn, Erfahrung, Wissenschaft und Bauernschläue, die zuweilen paranoide Züge hat.

Fasst man es zusammen, dann geht es in Krimis darum, mithilfe eines Verfahrens von Trial and Error, das dem der Naturwissenschaften sehr ähnelt, die Kausalitäten eines Ereignisses lückenlos zu ermitteln. In Krimis geht es folglich darum, in den laufenden Ereignissen eine versteckte, tiefere Dynamik ausfindig zu machen. Nach Luc Boltanski sind es gerade die Krimis, die mit Verfahren der Kunst, Literatur, des Fernsehens oder Films die Fragilität und Brüchigkeit der Realität ausloten um auf diese Weise eine (andere) Realität hinter der Realitätsoberfläche erkennen zu lassen. Damit spiegeln Krimis einen Prozess der Aufklärung wieder, der sich als konsequente Anwendung (mehr oder minder) wissenschaftlicher Verfahren realisiert. Indem man einem Rätsel folgt, das die Normalität des Alltags verletzt, kommt man durch Anwendung von kritischen Methoden schließlich dem auf die Spur dessen, was das Gewebe der Realität (und nicht nur Moral und Ethik) verletzt hat und bedroht.

Fragilität und Brüchigkeit des Lebens
Mord, Totschlag, Brutalität und Perversion dienen dabei nur als Köder, um möglichst viele Menschen an der Geschichte der Aufdeckung teilnehmen zu lassen, die sich wie etwa in den "Schwedenkrimis" von Henning Mankell auf soziale Verhältnisse bezieht. Krimis sind gewissermaßen Wissenschaft mit den Lockmitteln von Kunst und wirken, weil sie mit starken Emotionen wie Angst, Abscheu oder Schuld arbeiten, auf viele Menschen. Paradoxerweise dient dabei die Kunst der Unterhaltung – von der man meist sagt, sie lenke von der eigentlichen Realität ab – einem ernsthaften Erkenntnisziel. Denn die Unterhaltung in Krimiform schärft das kritische Bewusstsein und hilft, in den sozialen Beziehungen eine Realität zu entdecken, die es nicht nur im Roman, sondern durchaus auch im "richtigen" Leben, im Alltag der Rezipientin oder des Rezipienten durchscheint.

Der Krimi zeigt, so Boltanski, die Fragilität und Brüchigkeit des Lebens auf. Damit das funktioniert, müssen sich die Fiktionen auf eine stabilisierende Realität – etwa einen funktionierenden Staat mit funktionierenden Institutionen – stützen, vor deren Hintergrund sich das Rätsel (die ungewöhnliche Tat) deutlich abheben kann. Würde es nur Mord und Totschlag um einen herumgeben, wäre das Rätsel, das ein Krimi aufwirft, kein Rätsel, sondern Alltag. Diktaturen sind demnach kein gutes Umfeld für die Entstehung von Krimis. Ihr Wille, die Realität durch und durch zu formen, lässt für die Entwicklung nur eine einzige Möglichkeit zu. Insofern ist immer klar, wer oder was der Schuldige ist, der hinter allem steckt. Diese Realität in eine Krise zu stürzen – und genau das würde ein Krimi erforderlich machen – ist nur möglich vor dem Hintergrund einer mehr oder minder demokratischen Gesellschaft, die das literarische Spiel und die Infragestellung der Welt zulässt. Aufgabe des Krimis ist es ja, die tieferen Schichten und damit auch die Widersprüche der sozialen Konstruktion freizulegen – und damit auf die Widersprüche zwischen einer "reellen" oder Tiefen-Realität und der Oberflächenrealität aufmerksam zu machen.

Frage nach der Realität
Mit der Geschichte, die ein Krimi erzählt, geht es also um die Frage nach der Realität. In letzter Zeit geschieht dies im ARD-Tatort recht explizit – allem voran im Berliner Tatort "Meta" vom 18. Februar 2018. Das hervorragende Drehbuch von Erol Yesikaya, das Regisseur Sebastian Marka ebenso hervorragend umgesetzt hat, hinterfragt immer wieder neu die Realität dessen, was geschieht. Immer wieder werden die Zuschauerinnen und Zuschauer gefragt, auf welcher Ebene der Realität sie sich befinden. Es ist nur scheinbar paradox, dass diese Infragestellung der Realität, die sich explizit auch auf die "reale Realität" beziehen soll, mit den Mitteln der Fiktion erzeugt wird. Es sind vor allem Fiktionen, die es ermöglichen, Wahrheit zu erkennen, indem sie verschiedene Ebenen der Realität zu unterscheiden lehren. Auf diese Weise wird sichtbar, dass auch die tatsächliche Welt der sozialen Beziehungen und der Fakten mithilfe der Imagination, durch politische Vorstellungen oder Versprechungen etwa, geplant, strukturiert und umgesetzt wird. Auf diese Weise tragen Werke der Fiktion nicht nur dazu bei, die Fiktionalität des Realen zu erkennen – sondern auch seine Fragilität. Das Reale ist keineswegs so sicher und fest, wie es scheint. Krimis funktionieren nicht zuletzt auch deshalb, weil sie die Gesetze der Konstruktion der Welt sichtbar machen. Es ist so, als bewundere man mit einem Mal nicht mehr den gotischen Dom, in dem man sitzt, sondern betrachte das System der Pfeiler, das ihn stützt und den gewagten Bau überhaupt erst möglich macht.

Mir scheint, dass Boltanski in diesem Punkt recht hat. Krimis werden nicht nur gerne gelesen und gesehen, weil sie gewissermaßen niedrige Instinkte ansprechen und uns unterhalten (was natürlich auch der Fall ist und sein muss). Das ist falsch, wie die weltweite Verbreitung von Krimis und ihre Akzeptanz bis in die Hochliteratur hinein zeigt. Krimis sind kein "Unterschichtphänomen", sondern haben flächendeckenden Erfolg, weil sie etwas leisten können, dass immer seltener wird: Kritik. Sie stellen die Frage nach der Haltbarkeit sozialer Beziehungen und nach der Realität der Realität: Denn sie wollen herausfinden, was „hinter“ der Oberfläche steckt, die wir wahrnehmen. Krimis können vom Dieselskandal erzählen noch, ehe er stattfindet, weil die Strukturen, die zum Verbrechen führen, als Fiktion bereits klar sind und offen zutage treten. Das Ärgerliche ist nur, dass viele denken, ein Krimi sei eben einfach nur eine Erfindung – und Erfindungen, Literatur, könne ja nicht zugleich auch wahr sein. Gegenwärtig werden Fake News eingesetzt, um Macht zu erhalten. Gleichzeitig entstehen Gegenbewegungen und Institution, die den Fake entlarven (auch wenn sie von Verschwörungstheoretikern gerne Lügenpresse genannt werden). Es ist einer der größten Irrtümer eines "postfaktischen" Zeitalters zu glauben, es ginge immer nur um Fiktionen und ihre Wirksamkeit - nie aber um die Wirklichkeit selbst, in der sie entstehen und in der wir leben. Es könnte sein, dass ausgerechnet Fiktionen dazu beitragen, die Fiktionalität fiktiver Welten zu zerschlagen, um die Realität hervortreten zu lassen.





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