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Fehler und Irrtümer gibt es immer: aber die Chancen auf eine gute Diagnostik sind gestiegen.
Kolumne: Eine durch Wissen und Erfahrung gestützte Entscheidung
Gert Scobels Gedanken zu "Trügerische Diagnosen"
Was ist eine Diagnose? Ursprünglich stammt das Wort aus dem Griechischen: διά (gesprochen diá) bedeutet "für" oder "durch"; und γνώσις (gesprochen Gnósis) kann je nach Zusammenhang mit Wissen, Bekanntsein, Erkenntnis, Kenntnis oder Urteil übersetzt werden.
διάγνωσις (gesprochen Diágnosis) wäre also all das, was durch Wissen und Erfahrung (gut) beurteilt werden kann. Eine Diagnose zu erstellen bedeutet das zu tun, was man tun muss für ein (gutes) Urteil. Insofern ist eine Diagnose ein durch Wissen und Erfahrung gestützte Entscheidung über das, was der Fall ist (und nicht über das, was der Fall sein könnte oder nicht der Fall ist).

Im medizinischen Kontext ist eine Diagnose also dasjenige medizinische Wissen, das zur richtigen Erkenntnissen der Symptome und Ursachen einer Erkrankung führt. Wer in der Lage ist seine Diagnose richtig zu stellen der weiß, mit Blick auf den Kranken, woran dieser bzw. diese leidet. In den meisten Fällen ist die richtige Kenntnis der Tatsachen die einzig verlässliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie. Vor jeder erfolgreichen Therapie steht eine mindestens ebenso erfolgreiche Diagnose (wobei Ausnahmen diese Regel wie üblich nur bestätigen). Wer also blindlings therapiert wird mag hier und da vielleicht Erfolg mit einer solchen Behandlung haben: doch diese Erfolge sind zufällig. Eine gute Therapie baut hingegen auf einer verlässlichen Diagnose auf – und auf einer verlässlichen Therapie.

Auch Untersuchungsmethoden unterliegen Modeerscheinungen
All das wäre nicht weiter problematisch – gäbe es nicht auch in Bezug auf wissenschaftliche Urteile das, was es in Bezug auf ästhetische Urteile gibt: nämlich Moden. Sobald es neue Apparate und somit neue Methoden der Untersuchung gibt, die versprechen einen tieferen Blick in die zu untersuchenden Zusammenhänge werfen zu können, liegt es nahe, diese Apparate auch einzusetzen. Andererseits wird kaum jemand auf die Idee kommen, zur Verbesserung medizinischer Untersuchungen ein Fernrohr zu verwenden. Es kommen also bei weitem nicht alle Neuerung in Betracht nur deshalb, weil es sie gibt.

Anders verhält es sich mit einem Mikroskop. Es liegt nahe, es einzusetzen, wenn man erkennen will, an welcher von außen nicht unmittelbar erkennbaren Erkrankungen jemand leidet. Auf diese Weise gibt es in der "Gerätemedizin" immer wieder "Schübe": Zeiten, in denen bestimmte technische Geräte wie ein Mikroskop, ein Ultraschallgerät, MRT oder Computertomographie sehr häufig oder überwiegend zum Einsatz kommen. Vielleicht kann man das eine Mode nennen. Doch der Einsatz der Geräte ist nicht völlig willkürlich. Im Idealfall entspricht er sogar exakt den besten Möglichkeiten, die wissenschaftlicher Fortschritt zu bieten hat: ein Fortschritt, der mit Hilfe neuer Geräte und theoretischer Konzepte an die "Kunden" weitergegeben wird. Das war bei der Messung des Blutdrucks nicht anders als bei der Bestimmung des Genoms.

Patienten nutzen intensiv das Internet
Soweit zur Diagnose. Untersuchungen wie die der Bertelsmann-Stiftung von 2016 zeigen, dass viele Patientinnen und Patienten das Internet intensiv nutzen. Das Ergebnis der Tiefeninterviews ist, dass sich die generelle Skepsis und die Bedenken gegenüber der zuweilen kaum zu bewältigenden medizinischen Informationsflut im Netz bei näherem Hinsehen häufig auflöst. Das Internet löst nicht nur das Problem des Misstrauens den eigenen Ärztinnen und Ärzten gegenüber – es befriedigt auch das Bedürfnis, kompetenter und informierter "auf Augenhöhe" den Ärzten begegnen zu können.
zur Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung

Bleibt das Problem, die richtigen zu finden. Jameda ist für diese Suche nach Ärzten das, was tripadvisor für Restaurants ist: ein Bewertungsportal, dass es Kunden erlaubt, ihre subjektive Meinung zu hinterlegen, um auf diese Weise Wirkung auf andere Kunden auszuüben. Doch nicht nur diese Meinung ist subjektiv gefärbt: auch die Plattform selbst ist keineswegs neutral. Die Tagesschau-Redaktion notiert zum Fall der Kölner Hautärztin Astrid Eichhorn und dem jüngsten Urteil des Bundesgerichtshofes: "Die Ärzte haben die Möglichkeit, "Premiumkunde" bei jameda zu werden. Das ist kostenpflichtig, dafür können sich diese Ärzte dann ausführlich auf einem aufwändiger gestalteten Profil präsentieren. Und: Jameda schaltet Werbeanzeigen für diese Ärzte. Die erscheinen dann auch im direkten Umfeld der Profile von anderen Ärzten, die nicht Premiumkunde sind. Die eigenen Profile der Premiumkunden bleiben von Anzeigen anderer Ärzte verschont"

Anders formuliert: jameda verzerrt den Wettbewerb zu Gunsten der Ärztinnen und Ärzte, die bereit sind, dafür zu zahlen. Genau diese Verzerrung ist nach dem Gerichtsurteil in hohem Maße problematisch. Wenn ein Vergleichsportal seine Neutralität aufgibt – und das ist der Fall, wenn für Werbung kassiert wird und die Seiten von Anbietern, die nicht zahlen, benachteiligt werden –, dann stellt dieser Eingriff in die Neutralität eine Verschiebung fairer Möglichkeiten dar, Ärzte zu wählen. Diese Arztwahl ist aber für viele Menschen das Eingangstor zur Diagnose.
zum Tagesschau-Artikel

häufig ein Produkt von Unternehmen, deren Interesse der Verkauf ihrer Produkte und Optimierung des Gewinns, nicht aber in erster Linie objektive Information oder die Gesundheit der Nutzer ist.

Fazit:
Eine möglichst objektive Diagnose zu erhalten ist ein mühseliges Geschäft, kann aber ansatzweise durchaus gelingen. Leider ist bereits das Bemühen um eine solche objektive Diagnose selbst mehr oder minder abhängig von Vorlieben, Erfahrungen oder auch von der Weite des theoretischen Wissens. Doch es gibt weitere Einflussgrößen. Denn zu den Verzerrungen im Bereich der Kognition kommen in der realen Welt, in der wir leben, die Verzerrungen durch Machtinteressen hinzu. Es muss also stets mit der Macht des Geldes und der Unternehmen gerechnet werden. Wenn die Auskunft von Investmentfonds heute die ist, dass es kaum ein lukrativeres Geschäft gibt als den Gesundheitsmarkt: dann weiß man, dass man bei der Suche nach einer idealen Diagnose immer wieder mit institutioneller Korruption zu rechnen hat – neben allen anderen Fehlermöglichkeiten.

Bleibt am Ende nur dreierlei: sich so schlau wie möglich zu machen; Wissen und Diagnosen zu vergleichen, in dem man unterschiedliche Seiten nach Rat fragt; und Vertrauen darauf, dass der Weg, den man eingeschlagen hat, am Ende der richtige gewesen sein wird.





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