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Wenn man es mit unbekannten Steinläusen zu tun hat
Der Weg in den Pschyrembel
Wer eine gute Diagnose erstellen will, muss in der Lage sein, eine Reihe von unterschiedlichen Beobachtungen aufgrund richtiger Unterscheidungen in ein stimmiges Gesamtbild zu überführen - ein Bild, das das, was ist, auf zutreffende Weise analysiert.
Damit aus unterschiedlichen Eindrücken und Erkenntnissen ein solcher Gesamteindruck entsteht, müssen höchst unterschiedliche Prozesse der Urteilsbildung zusammenkommen - beginnend mit einer genauen Beobachtung relevanter Details bis hin zum ausreichenden theoretischen Hintergrundwissen, ohne das eine richtige Einordnung der Beobachtungen nicht erfolgen kann.

Doch was genau ist relevant?
Diese entscheidende Frage stellt sich vor allem, wenn es darum geht, unklare, vielleicht sogar widersprüchliche Eindrücke richtig zu deuten. Richtige Diagnosen zu erstellen ist daher eine Kunst, die viel Erfahrung und Wissen, aber auch gute Bobachtungsgabe voraussetzt - sowie die Fähigkeit, die Vielzahl der anfänglichen Möglichkeiten Schritt um Schritt zu reduzieren, um am Ende die richtige Antwort herauszufiltern.

Nicht selten entstehen falsche Diagnosen, weil Details und Daten im falschen Kontext gesehen und entsprechend falsch eingeordnet werden. Was beispielsweise als Grippe erscheint, könnte in Wahrheit auch eine schwere Verlaufsform eines am Ende harmlosen Schnupfens sein, aber auch der Beginn einer Erkrankung am gefährlichen Dengue-Fieber, das mit grippeähnlichen Symptomen beginnt.

Wie abhängig Diagnosen vom richtig angewandten Wissen sind, zeigt sich in der Praxis immer wieder. Ein Klassiker sind seltene oder tropische Erkrankungen, über die nur wenige Ärztinnen und Ärzte ausreichendes Wissen haben. Doch auch das Wissen selbst, das auf scheinbar sicherem Boden steht, kann Fehler und Unschärfen beinhalten. Besonders interessant sind dabei Fälle von Pseudowissen - ein Wissen, das für Eingeweihte auf selbstverständliche Weise falsch oder unzutreffend ist.

Die Steinlaus im Pschyrembel
In gewisser Weise gehören dazu auch die sogenannten Scherz- oder U-Boot-Artikel, die früher gerne in Lexika eingefügt wurden, um Plagiate zu erkennen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Steinlaus-Eintrag im Pschyrembel, DEM Nachschlagewerk der Medizin, das in seiner Bedeutung und Wirkung vielleicht am ehesten mit dem Duden vergleichbar ist. Seit vielen Jahren gibt es im Pschyrembel einen von Ausgabe zu Ausgabe überarbeiteten Artikel über Petrophaga lorioti - die Steine-fressende Loriot-Laus. Nach der 263. Auflage des Klinischen Wörterbuches ist es eben dieser Steinlaus zu verdanken, dass Tausende von Patienten von ihren quälenden Gallen- bzw. Nierensteinen befreit werden. Der aktuellen Online-Ausgabe zufolge ist Petrophaga lorioti parlamentarii aber auch "Verursacher der elektiven Blaugelbblindheit".

Es wäre durchaus möglich, dass durch einen solchen Lexikoneintrag unerfahrene Studentinnen und Studenten in die Irre geführt werden. Auch um das kodifizierte Wissen einordnen zu können, ist weiteres, umfassenderes Hintergrundwissen nötig. Wem Loriot nichts sagt, könnte also schnell in die Irre geführt werden, so dass die bei der Steinlaus normalerweise einsetzende "Kontraktion des Musculus risorius und Musculus orbicularis oculi (...)" ausbleibt. Anders formuliert: Es könnte sein, dass den Scherz niemand erkennt und daher auch niemand lacht, weil Steinlaus den Lachnerv nicht reizt. Laut Wikipedia ist die Steinlaus oder Petrophaga lorioti "ein von Loriot gezeichnetes, fiktives Nagetier, das dieser 1976 in seinem Sketch 'Die Steinlaus (Prof. Grzimek)' im Rahmen der zweiten Folge der Fernsehsendung Loriot präsentierte".

Die Moral von der Geschichte:
Steinläuse gibt es viele. Heute heißen sie fake facts und sind nicht selten nur Wenigen bekannte Artefakte der Theoriebildung, die aufgrund ihres seriösen Anscheins jedoch dazu beitragen, falsche Diagnosen zu erstellen und bei der Lösung von Problemen auf eine völlig falsche Spur zu geraten. Wer richtige Diagnosen stellen will, muss gegebenenfalls auch den Mut finden, etabliertem Wissen und scheinbaren Tatsachen zu widersprechen - darunter denen, die im Lexikon oder Internet fest verankert sind.

Allerdings sollte man dabei auch die Gefahren nicht unterschätzen, denen man sich aussetzt, wenn man etabliertem (und in der Regel damit auch richtigem) Wissen widerspricht. Denn nicht nur scheinbar richtiges, in Wahrheit aber falsches Wissen kann zu falschen Diagnosen führen, sondern auch richtiges Wissen, das falsch oder gar nicht angewendet wird. Insofern bleibt es schwierig, richtige Diagnosen zu stellen: vor allem, wenn man es mit unbekannten Steinläusen zu tun hat.

Die Steinlaus im Pschyrembel

© dpa Loriot, bürgerlich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow (* 12. November 1923 - † 22. August 2011) etablierte sich von den 1950er Jahren an bis zu seinem Tod in Literatur, Fernsehen, Theater und Film als einer der vielseitigsten deutschen Humoristen.
Loriot, bürgerlich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow (* 12. November 1923 - † 22. August 2011) etablierte sich von den 1950er Jahren an bis zu seinem Tod in Literatur, Fernsehen, Theater und Film als einer der vielseitigsten deutschen Humoristen.
Steinläuse (Petrophaga lorioti) wurden 1983 erstmals von Vicco von Bülow, alias Loriot, beschrieben. Die Nagetiere aus der Familie der Lapivoren ernähren sich ausschließlich von Steinen, wobei diverse Unterarten auf bestimmte Gesteinsarten als Hauptnahrung spezialisiert sind.

Steinläuse werden 0,3 bis 3 Millimeter groß. Männchen vertilgen am Tag etwa 28 Kilogramm Beton und Ziegelsteine. Das größte heimische Habitat der Steinlaus war die Berliner Mauer.

Nieren-, Gallen- und Speichelsteinläuse sind auch wegen ihrer medizinischen Bedeutung bekannt. Typische Symptome bei Steinlaus-Befall ist eine Reizung von Lachmuskeln und Zwerchfell. In der Klinik werden Steinläuse als Therapeutikum gegen Depressionen aber auch vorbeugend gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt.
(Quelle: Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch 2012, 263. Auflage)

Die Steinlaus wurde 1986 erstmals ins Medizinische Wörterbuch Pschyrembel aufgenommen. Ihr Lexikon-Eintrag ist ein sogenannter Nihil-Artikel, also die Beschreibung eines fiktiven Gegenstandes oder Lebewesens.





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© colourbox.deDiagnosen sind nicht immer wissenschaftlich fundiert. Ärzte und Patienten unterliegen ihren subjektiven Eindrücken und neigen manchmal zu voreiligen Schlüssen.