Das Prinzip der Vernetzung und Ergänzung von Lebensfunktionen gilt nicht nur für Pilze und Baumwurzeln.
Komplexe Systeme verlangen ein hohes Maß an Aufmerksamkeit
Kolumne: Gert Scobels Gedanken zu "Die Macht des Miteinander"
Dass Symbiose einen schlechten Ruf hat, ist vielleicht den Non-Stop-Diskussionen über allzu symbiotische Paarbeziehungen in vielen Wohngemeinschaften der 70er und 80er Jahre zu verdanken. Zu Recht machen Psycholog/Innen und Paartherapeut/Innen darauf aufmerksam, dass symbiotische Beziehungen zur Verwischung der Identität und zur Auflösung der Selbstständigkeit führen können.
Allzu große Enge führt nicht nur beim Wohnen zu Stress - und zuweilen zu weitreichenden Störungen. So richtig die Kritik an dem Wunsch von Erwachsenen ist, in ihrer Beziehung wieder zu einer frühkindlichen (sogenannten dyadischen) und damit unreifen Mutter-Kind Beziehung zurückzufinden, so wenig verdient es der Begriff "Symbiose" in anderen Bereichen des Lebens - und insbesondere in der Biologie und Ökologie - abgewertet zu werden.

Es hat sich ein Wandel vollzogen
Obwohl es ohne Symbiose weder Tiere noch Pflanzen geben würde, hat der Begriff einen schlechten Ruf und ist weitgehend aus den Lehrbüchern – zumindest an Schulen – verschwunden. Dabei hat sich nahezu unbemerkt - und ein wenig verdrängt durch die Erfolge der Genetik in den Lebenswissenschaften - längst ein Wandel vollzogen, der inzwischen durch die Genetik bestärkt wird.

Dieser Wandel betrifft nicht nur Details der Evolutionslehre Darwins, die mehr als korrekturbedürftig sind, sondern die Entstehung des Lebens überhaupt. Veränderungen in der Theoriebildung spiegeln diesen Wandel wider. Vereinfacht gesagt, gilt es heute als gesichert, dass alle Zellen mit Zellkern und sogenannten Organellen aus Zellen ohne Zellkern entstanden sind – und damit aus Bakterienzellen. Organellen sind die Teile im Zellinneren, die bestimmte Aufgaben übernehmen und wie die Chlorplasten der Pflanzen und die Mitochondrien in Tierzellen beispielsweise für den Energiestoffwechsel verantwortlich sind.

Das Problem der Entstehung neuer Arten
Durch DNA Untersuchungen von Zell-Organellen weiß man, dass deren DNA von der des Kerns der betreffenden Zelle zum Teil stark abweicht. So zeigt die DNA der sogenannten Plastiden von Algenzellen viel größere Übereinstimmungen mit heute noch frei lebenden Cyanobakterien als mit der DNA im Kern ihrer eigenen Algenzellen. Damit ist ein Geheimnis gelüftet, das Darwins Evolutionstheorie nie richtig in den Griff bekam: das Problem der Entstehung neuer Arten.

Sie sind der seriellen Endosymbiontentheorie zufolge durch Verschmelzung unterschiedlicher Lebensformen entstanden – zum wechselseitigen Profit der ursprünglich unabhängig voneinander existierenden Lebensformen. Das Prinzip der intensiven Vernetzung und gegenseitigen Ergänzung von Lebensfunktionen gilt nicht nur für Pilze und Baumwurzeln, für Clownfische und Seeanemone oder Läuse und Ameisen: es gilt auch bis auf die Ebene der Mikroben hinein und hat biochemische Grundlagen.

Ohne unser Mikrobiom - die Gesamtheit der Mikroorganismen in uns und auf unserer Haut, deren Anzahl die unserer körpereigenen Zellen um das zehnfache übersteigt - wäre es weder möglich das zu verdauen, was wir heute essen, noch würde unser Immunsystem funktionieren. In der Ausgabe vom 15. Januar 2018 (Vol. 359 jeweils ab den Seiten 32, 91, 97 und 104) präsentiert "Science" drei Studien, die die Bedeutung von Mikroben und unserem Mikrobiom für die Behandlung von Krebs nachweisen. Entscheidend ist dabei die Wirkung von Darmbakterien auf das Immunsystem und damit für immuntherapeutische Maßnahmen.

Alle Lebewesen sind "irgendwie" miteinander vernetzt
So wie die Symbiosetheorie neue Ansätze für die Behandlung schwerwiegender Erkrankungen beinhaltet, so sehr hilft sie auch realistische Modelle für Ökosysteme und deren Verständnis zu bilden. Nicht nur Bäume und Pilze sind miteinander vernetzt – sondern auf die ein oder andere Weise alle Lebewesen, deren Baustoffe sich ein und demselben Ablauf in der kosmologischen Entwicklung von Sternen verdanken. Höhere Elemente des Periodensystems, ohne die kein Leben möglich wäre, sind das Ergebnis von Kernreaktionen, die insbesondere beim Verlöschen von Sternen auftreten. Die Materie, aus der das Leben auf der Erde entsteht, ist ausnahmslos das Produkt dieser Sternentwicklung.

Dass wir in der westlichen Welt ungeachtet dieser zunächst abstrakt erscheinenden - und wenig gefühlten Zusammenhänge- vor allem auf Individualismus und (möglicherweise falsch verstandenen) Freiheitsliebe pochen, mag richtig sein, findet seine Grenze aber da, wo die reale Vernetzung von Lebewesen miteinander - und ihr Zusammenspiel in einem Gesamtsystem Erde - nicht verstanden oder schlicht ignoriert wird.

Die Komplexität der Welt erschließen
Biologische Systeme sind zweifellos - wie gesellschaftliche - in erster Linie komplexe dynamische Systeme. Es ist klar, dass sich die Prinzipien der Dynamik des einen Bereiches nicht ohne Weiteres auf die eines anderen übertragen lassen. Menschen sind keine Bakterien und leben auch nicht wie sie. Und dennoch gibt es in komplexen Systemen allgemeine Prinzipien der Interdependenz und Vernetzung ihrer Elemente, die in noch vielen Bereichen unverstanden sind.

Eines der besten Beispiele dafür ist das Gehirn selbst, das es uns ermöglicht, die Komplexität der Welt zumindest in Teilen zu erschließen. Doch schon bei der Prognose, wie sich die Vernetzung von Millionen von Computern und Smartphones auf uns und unser Zusammenleben auswirken, wird es versagen. Schlimmer noch: die real existierenden Wechselwirkungen und mit ihnen die (meist ungewollten) Nebeneffekte, die unser alltägliches Eingreifen in die Abläufe der Natur zur Folge haben, segeln häufig unter dem Radar unserer Wahrnehmung: bis sie sich explosionsartig bemerkbar machen und dann häufig nicht mehr umzukehren sind.

Mechanismen und Wirkweisen von Symbiosen
Die Steuerung komplexer Systeme verlangt ein hohes Maß an Aufmerksamkeit – eine erst noch zu schulende Achtsamkeit auf kleine, zunächst als unbedeutend abgetane Folgen von Wechselwirkungen, deren Ursachen wir selbst sind. Solche übersehenen Entwicklungen können in eine exponentielle Dynamik übergehen. Genau dafür sensibler zu werden, ist eine der zentralen Aufgaben unserer Zeit. Denn zu überleben, heißt nicht zuletzt auch solche Effekte möglichst frühzeitig zu erkennen, um nachhaltig die Stabilität komplexer biologischer, ökologischer oder auch gesellschaftlicher Systeme zu erhalten.

Insofern könnte eine Beschäftigung mit den Mechanismen und Wirkweisen von Symbiosen und symbiotischen Beziehungen dazu beitragen, uns selbst, unser Zusammenspiel mit Prozessen in der Natur und unser Zusammenleben als Menschen besser zu verstehen - und nachhaltig besser zu gestalten.





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