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Daten - wie auch immer gesammelt - ermöglichen, den Einzelnen immer feiner zu erfassen.
Kolumne: Daten sind das neue symbolische Kapital
Gert Scobels Gedanken zu "Der Ego-Kult"
Nicht nur Lifestylemagazine berichten mit großer Begeisterung über die neusten Gadgets wie Uhren, die Schritte und Kalorien zählen, oder neue Apps, die helfen die eigene Fitness zu beurteilen - oder den Grad der inneren Entspanntheit. Solche Geräte sind der Trend auf der International Consumer Electronics Show in Las Vegas, die gerade stattfindet – allen voran Self-Tracking-Geräte.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Gerät, das bemerkt wie mein Blutdruck fällt, weil ich müde, sich über das Internet der Dinge mit der Heizung verbindet und sie hochreguliert - denn wer müde ist wird eher frieren. Ich muss gestehen, dass mir trotz vieler Berichte über diese und andere neue Geräte, erst allmählich die Dimension der sozialen und kulturellen Revolution aufgeht, die durch die technischen Fortschritte ermöglicht wird.

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Wissenschaftsdoku:
Das Ende des Zufalls
Doch wie bei jeder Revolution enthält das Gesamtbild Licht und Schatten. Das Licht ist einfach erklärt: Objektives Vermessen des Menschen war seit jeher ein großes Ziel - scheint doch eine Beurteilung nach Zahlen - genauso wie das Leben nach Zahlen - möglichst große Transparenz und Fairness zu bieten. Leider werden durch die technischen Möglichkeiten Schlüsse gezogen, die alles andere als fair sind. Über die IP Adresse ist beispielsweise klar, dass ich in einem einkommensschwachen Gebiet wohne. Also wird die Frage nach der Beurteilung finanzieller Möglichkeiten eher negativ ausfallen: Warum sollte ich sonst da wohnen wo ich wohne? Es ist die Verbindung und Überlappung von Daten aus verschiedenen Kontexten, die in der Mischung gefährlich und unfair ist.

Aber nicht nur das. Predictive Analytics scheint die wissenschaftlich begründete Antwort auf alle Fragen der Beurteilung zukünftigen Verhaltens zu werden - vom "wenn sie A gemocht haben werden Sie auch B mögen"-Tipp, bis hin zur präventiven Verbrechensbekämpfung nach einen Algorithmus, wie bereits in einigen Städten in den USA Praxis. Was nach Minority Report klingt, ist wie die Wissenschaftsdoku "Das Ende des Zufalls" zeigt, bereits soziale Wirklichkeit. Jede digitale Online-Würstchenbude bemüht sich heute darum, unsere Daten weiter zu verkaufen und sie gleichzeitig auszuwerten, um beim nächsten Besuch der Seite mehr Geld aus uns zu quetschen. Denn wer Würstchen kauft, will später vielleicht das ganze Schwein - oder zumindest ein Bier zur (natürlich veganen) Wurst.

Zahlen erweisen sich als verdeckte Werte
© suhrkamp
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Buchtipp: "Das metrische Wir"
Die Augen geöffnet hat mir allerdings nicht Ironie, sondern das hervorragende Buch "Das metrische Wir". Über die Quantifizierung des Sozialen". Autor der im Suhrkamp Verlag erschienen Studie ist der Makro-Soziologe Steffen Mau, der an der Humboldt-Universität Berlin forscht. Er hat die unterschiedlichsten Phänomene der Vermessung des Sozialen untersucht, die mit der Erfassung eigener Leistungen im Sport beginnen und beim flächendeckenden social scoring nach chinesischem Vorbild enden. Die angeblich neutralen Zahlen erweisen sich dabei als verdeckte Werte - man könnte geradezu von einer normativen Kraft des Mathematischen sprechen. Bestenlisten und Rankings, Kurven, Statuspunkte und Sterne hierarchisieren unser Leben durch - und das spielt nicht nur Potentaten, Machthabern und Organisationen wie der NSA in die Hand, sondern auch unverdächtigen Behörden, Versicherungen und vielen Unternehmen.

Acxicom ist eines dieser Unternehmen, auf das Mau eingeht. Für die meisten unbekannt, hat Acxicom Daten von mehreren hundert Millionen Menschen aufbereitet, darunter etwa von der Hälfte der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands. Zahlen bieten nur auf den ersten Blick eine faire und gute Vergleichsbasis, die aus der Wirtschaft nicht mehr wegzudenken ist. Aber Zahlen schaffen eben auch Erwartungen, die über Rückkopplung alle kollektiv unter Druck setzen. Der Einzelne wird auf eine noch nie dagewesene Weise erfasst und auf übergriffige Weise vergleichbar gemacht. Paradoxerweise liefert die genaue Messung des Einzelnen allerdings nur dann gute Erkenntnisse, wenn sie mit den Daten Aller verglichen werden kann. Die Folge ist ein wechselseitiger und steigender Druck durch die Digitalisierung – und eine Verschiebung der Ungleichheit in der Gesellschaft weg von den Klassen, von denen Marx noch sprach, hin zu den unzähligen vereinzelten Individuen, die im Dauerwettbewerb um gute Zahlen und Rankings stehen.

In Wahrheit ist die scheinbar objektive Zuschreibung von Daten, die Sicherheit durch Objektivität schaffen und Demokratie fördern soll, daher zugleich immer auch eine versteckte Zuschreibung von Werten und getarnten Verhaltensanweisungen. Warum? Weil schon die nackten Zahlen in der Smartwatch durch Vergleich nahe legen, was man tun muss: seinen Score verbessern, um weiter mithalten und "oben" sein zu können. Daten sind das neue symbolische Kapital - und sie ermöglichen es, den Einzelnen immer feiner zu erfassen und damit herauszulösen aus der Gemeinschaft und zu manipulieren. Mau zeigt, dass die Verdatung und Metrisierung des kompletten sozialen Lebens in Wahrheit nichts anderes, als eine alle Menschen erfassende versteckte Durchkapitalisierung der Lebenswelt darstellt, die zu einer umfassenden digitalen Konkurrenzgesellschaft führt.

Narzissmus ist immer weiter verbreitet
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Buchtipp: "Narzissmus, Verführung und Macht"
Und noch etwas bewirkt die permanente digitale Selbstbeobachtung und Selbstbewertung: einen steigenden Narzissmus. Die Gedanken narzisstischer Menschen, die im Fall einer Persönlichkeitsstörung nicht nur immer unempathischer werden (und möglicherweise damit auch soziopathischer), kreisen scheinbar auf natürliche Weise immer mehr um das eigene Ich und dessen (scheinbare oder erträumte) Überlegenheit. Im internationalen Klassifikationssystem von Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation, dem sogenannten ICD-10, wird unter F60.80 auch Narzissmus aufgelistet. Narzissmus hat keinen speziellen eigenen Eintrag wie beispielsweise Depression, läuft aber unter "spezifische Persönlichkeitsstörungen".

Schlägt man nach, dann findet man durchaus konkrete Verweise. Um ein guter Narzisst zu sein, sollte man mindestens fünf der folgenden Merkmale erfüllen:

- Größengefühl in Bezug auf die eigene Bedeutung
- Beschäftigung mit Phantasien über unbegrenzten Erfolg, Macht, Glanz, Schönheit
- Überzeugung besonders und einmalig zu sein
- Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung
- Anspruchshaltung und unbegründete Erwartungen
- Ausnutzung zwischenmenschlicher Beziehungen
- Mangel an Empathie
- Neid (häufig) auf andere oder die Überzeugung, andere seien neidisch auf einen

Eine Untersuchung im Journal of Personality Disorders (P. Kanske, M. Sharifi, J. Smallwood, I. Dziobek und T. Singer, Where the narcissistic Mind wanders: Increased self-related Thoughts are more positive and future oriented, Vol. 30, 1-24, 2016) zeigte, dass sich das freie Tagträumen von nicht einmal im klinisch engeren Sinn gestört narzisstischen Menschen deutlich von denen "normaler“ Menschen unterscheidet – unter anderem durch die stärker positiv bewerteten selbstbezogenen Phantasien. Mehrere Bücher haben, nicht nur mit Blick auf Donald Trump, in den letzten Monaten darauf hingewiesen, welche Auswirkungen eine Art von flächendeckendem Narzissmus für unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft, der Familie, aber auch für Politik und Diplomatie haben können.

Fazit: Es gilt, den neuen Ego-Kult kritisch unter die Lupe zu nehmen - vom Self-Tracking bis hin zur Neuroenhancement-Pille, die wie selbstverständlich eingeworfen wird, um leistungsfähiger zu sein. Stimmen auch nur ein Teil der Analysen, dann werden wir wesentlich genauer auf die Effekte steigender Ungleichheit und Ungerechtigkeit achten müssen, die sich durch die digitale Konkurrenzgesellschaft mit ihren narzisstischen Zügen bereits heute zeigen. Auch wenn viel versprochen wird – die überwiegenden Effekte sind eher schädlich als gut. Wer sein Ego permanent vermessen will, sollte bedenken: Es könnte sein, dass man etwas vermessen will, dass sich am Ende nicht vermessen lässt - und das wäre ein fataler Fehler, der zu einer gravierenden und destruktiven Vermessenheit im Umgang mit sich und anderen führt.





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