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Es gibt immer noch viel zu wenig Organspender.
Kolumne: Jedes einzelne Organ hat Interesse am Überleben
Gert Scobels Gedanken zu "Baukasten Mensch"
"Was ist ein Organ?", fragt David Wagner in seinem Buch "Leben". Der bekannte Schriftsteller litt seit seiner Kindheit an einer Autoimmunhepatitis und lebt inzwischen dank einer neuen Leben weiter. Darüber hat er ein Buch geschrieben, zu lesen wie ein Roman, dem er das Motto vorangestellt hat: "Alles war genau so und auch ganz anders." In "Leben" fragt Wagner unter anderem dies: "Was ist das, was dem einen aus dem Leib geschnitten und einem anderen eingepflanzt wird?"
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Er kommt dabei auf die Vorstellung des mittelalterlichen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin zu sprechen, der der Ansicht war, man müsse Organe und Instrumente unterscheiden - denn letztere können unabhängig von einer Seele existieren und vielen zugute kommen. "Um ein transplantiertes Organ in ein aquinisches Instrument zu verwandeln", schreibt Wagner, "das nicht mehr nur von einer Seele, sondern nacheinander von verschiedenen Seelen - oder Immunsystemen - genutzt werden kann, gilt es, sie zu überlisten. Das gelingt mit dem Immunsuppressivum, das ich jeden Tag einnehme, morgens und abends, Kapseln, sie schmecken nach gar nichts."

Das Leben der betroffenen Menschen
Anders als Organe, können Instrumente für sich selber existieren. Organe leben nur in einem Organismus. Ihr Leben ist, wie der Philosoph Friedrich Schelling sagt, bloß geliehen. Organe sind wie Individuen, die nur im Kontext einer Gesellschaft überhaupt in Erscheinung treten können. "Wird ein Organ vom Organismus getrennt, stirbt das Organ; der Organismus stirbt allerdings auch. Es ist nicht ganz einfach: Ich sterbe ohne Leber, die Leber stirbt ohne mich."

Abgesehen von den vielen medizinischen und technischen Problemen, die mit der Organtransplantation verbunden sind, aber auch lange nach der eigentlichen Operation anhalten und das Leben erschweren, ist ein wichtige Frage, wie es um das Gesamtsystem steht: Das Leben der betroffenen Menschen. Damit meine ich nicht nur die vieldiskutierte Seite der Organspender, von denen es nach wie vor deutlich zu wenig gibt. Spenderherzen sind beispielsweise bis heute buchstäblich Mangelware: nur jeder vierte Patient überlebt überhaupt die Wartezeit auf ein passendes Organ. Auch die andere Seite, die der Überlebenden, gilt es genauer in den Blick zu nehmen.

Wie verändert sich das Gesamtsystem und Zusammenspiel der Organe, um Schellings Bild aufzunehmen, im Zusammenhang mit Psyche und Seele? Zusammen mit dem, was wir Leben nennen, bilden sie eine "hybride Versammlung verschiedener Organe", eine "gemeinschaftliche Praxis, ein Konzert, in dem jedes einzelne Organ Interesse am Überleben hat", so David Wagner. Verändern die Instrumente womöglich die Seele dessen, der sie spielt?

Der Mensch als eine Art biologischer Setzkasten
Auch wenn die Frage aus der Perspektive mittelalterlicher Theologie gestellt sein mag - die moderne Transplantationsmedizin befasst sich auch mit dieser psychosomatischen Seite, die darauf aufmerksam macht, dass die moderne, technikaffine Vorstellung vom Menschen als Baukasten vielleicht doch zu kurz greift. Denn zum einen ist der Mensch mehr als die Summe seiner - wenn auch lebensnotwendigen - Teile. Und zum anderen ist - selbst wenn man im Bild bleibt, die Wechselwirkung der "Teile" miteinander- und mit dem Ganzen - immer noch ungeklärt. Wer den Menschen als eine Art biologischen Setzkasten betrachtet, sollte nicht vergessen, dass er oder sie bis heute nicht in der Lage ist, das gesamte System adäquat zu beschreiben - und zu verstehen. Wäre es so, dann hätte die Medizin längst Lösungen für eine Reihe von bislang noch ungelösten Problemen, von denen die Funktionsweise des Immunsystems nur eine ist. Es bleibt also bei der nach wie vor ungelösten Schlüsselfrage Immanuel Kants, was eigentlich der Mensch sei.






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