Am Ende bleibt die Erde das unausweichliche Schicksal der Menschen.
Kolumne: Irgendwo zwischen Phantasie, Fiktion und Tatsachen
Gert Scobels Gedanken zu "Aufbruch ins All"
Wir blicken in die Sterne, weil wir uns selbst und unsere Herkunft verstehen wollen. Und wir wollen immer auch zu ihnen hinaus, um von uns selber abzulenken. Am Ende kommen wir, nach den Träumen von fernen Welten - und nach ihrer Beobachtung, dennoch und notgedrungen zur irdischen Realität zurück.
Wir landen von allen Ausflügen der Wissenschaft und des Geistes am Ende dort, wo wir gestartet sind: auf einem Planeten, den wir bislang nur höchst unzureichend und keineswegs vollständig verstanden haben.

Eines der klügsten, ungewöhnlichsten Bücher über die Erforschung des Weltraums und die Bedeutung, die er für unser Denken hat, ist "Die Vollzähligkeit der Sterne" von Hans Blumenberg. Der Philosoph, der u.a. in Münster lehrte, Begründer der Metaphorologie war und philosophische Standardwerke wie "Die kopernikanische Wende" , "Die Legitimität der Neuzeit" oder "Arbeit am Mythos" schrieb, notierte über drei Jahrzehnte hinweg Gedanken zu Weltraumfahrt und Astrophysik - Gedanken, die er selbst, ein wenig ironisch, als Astronoetik beschreibt. Diese fiktive Disziplin war die nicht wirklich erst gemeinte Antwort auf die für Universitätsprofessoren finanziell durchaus bedrängende Frage: "Haben wir Geisteswissenschaftler eigentlich was Ähnliches vorzuweisen, wie die Physiker, die Satelliten um die Erde schicken und auf dem Mond landen?“

Auch im All entkommen wir unserem Abfall nicht
© Suhrkamp <b>"Die Vollzähligkeit der Sterne"</b><br /> Autor: Hans Blumenberg<br /> Verlag: Suhrkamp
"Die Vollzähligkeit der Sterne"
Autor: Hans Blumenberg
Verlag: Suhrkamp
In Kapitel XVII, überschrieben mit "Was bleibt, ist die Umwelt", macht Blumenberg auf einen wenig beachteten Umstand aufmerksam. Als die Besatzung von Apollo 11 die hinter ihr verschwindende Erde fotografieren wollte, hatte sie ein Problem. Das Raumschiff hatte, ganz vorschriftsmäßig, während des Flugs Schmutzwasser ausgestoßen. Dieser Abfall folgte nun dem Raumschiff mit gleicher Geschwindigkeit - ein Umstand, den sich jeder Physiker vorher hätte klar machen können. Blickt man also zurück Richtung Erde, wird die Optik der Kamera notwendig gestört durch die Reflexion der kleinen Kristalle, die mit kleinem Abstand dem Raumschiff folgen. Dieser Umstand ist eine exakte Verdopplung der Realität auf der Erde. Der Mensch entkommt selbst im All nicht dem, was er mit sich schleppt - und buchstäblich hinter sich lassen will, ohne es je loswerden zu können. Der Abfall macht die Bewegung des Ausgangskörpers, des Menschen in seinen Maschinen, synchron mit. Um das Raumschiff bildet sich ein eigenes System von Relikten seiner kurzen Geschichte: Relikte, die zur zunehmenden Undurchsichtigkeit der Sicht führen.


Am Ende bleibt, aller Suche nach Exoplaneten zum Trotz, die Erde nach wie vor das unausweichliche Schicksal der Menschen. Blumenberg schreibt: "Auch wenn er die Erde eines Tages aus der Ferne des Raumes nicht mehr erblicken können sollte: Er macht aus allem, was er bewohnt und befährt, kleine Erden mit ihrer und seiner Geschichte. Es ist, noch auf den höchsten Stufen dessen, was er Kultur nennt, eine Geschichte aus Rückständen. Hat er nur Zeit genug, werden sie zu Schichten, Formationen, Wolken, Gashüllen, Atmossphären, Systemen." Auf diese Weise entkommt der Mensch seinem eigenen Fall Out nicht - so sehr er es sich auch wünscht.

Bei aller Euphorie für Astrophysik und Weltraumfahrt, wäre es daher wünschenswert, wenn der Mensch - und damit sind auch die planenden Politiker, Geldgeber, Visionäre, Physiker und sonstigen Forscher gemeint - strenger zwischen Phantasie bzw. Fiktion und Tatsachen unterscheiden würde. Wer vermeiden will, dass unter dem Namen von Science am Ende nur Fiction durch den imaginären Raum treibt, sollte, bei aller Hochachtung für das Genre Science Fiction, darauf achten, dass Wirklichkeit und Möglichkeit, Traum und Realität, Fiction und Facts auf zwei unterschiedlichen Planeten wohnen - auch wenn es gelingen sollte, den Weltraum zu erobern.

Was nicht zuletzt ein Ergebnis geschickten Marketings sein wird, um die im wahrsten Sinn des Wortes astronomischen Summen zusammen zu bekommen, die nötig sind, um Weltraumfahrt zu betreiben. Es könnte also sein, dass die Wissenschaft vom Weltraum am Ende - zumindest ökonomisch - das Ergebnis einer Verwechslung von Fakt und Fiktion ist. Denn Marketing ist nichts anderes, als die geschickte Inszenierung dieser Verwechslung.





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