Frage: Braucht der Mensch in Wahrheit überhaupt Fleisch?
Kolumne: "Fleisch ist ein Stück Lebenskraft"
Gert Scobels Gedanken zu "Gier auf Tier"
Ich versuche es mal mit einer einfachen Frage: Brauchen wir Fleisch? Ich meine, abgesehen von karnivoren Heißhungerattacken? Viele werden sagen: Ja, natürlich.
Und haben dabei einen erfolgreichen Slogan der Agrarmarketing Gesellschaft CMA im Kopf, die im Flower-Power-Jahr 1967 eine Idee hatte. Sie spukt bis heute in unseren Köpfen herum - ist aber leider falsch. Die Marketing-Strategen entwickelten damals den Slogan: "Fleisch ist ein Stück Lebenskraft", den Sie vermutlich kennen.

Fleisch hat Null Kraft
Richtig ist, dass in Fleisch Energie steckt - genau so, wie in jeder Karotte, in jedem Plastikeimer und selbst in jedem Stein ein gewisses Maß an Energie steckt. Denn Materie ist Energie. Diese Energie wird aber nur frei gesetzt, also brauchbar, wenn man sie "verwertet". Genauer: wenn unser Körper sie umsetzt und aus dem, was man ihm zuführt, also aus der Nahrung, etwas macht. Fleisch an sich aber ist und bleibt mausetot und hat Null Kraft. Oder hat sich Ihr Steak schon mal kraftstrotzend und aus lauter Lebensenergie von alleine erhoben? Es ist zwar richtig, dass Fleisch - so wie Bohnen - Eiweiß enthält, und dass Proteine wichtig sind um Muskeln und Zellen aufzubauen. Wie aber steht es um die Energie und die Kraft, die Fleisch angeblich in so großem Maße liefert? Ein Gramm Kraftfleisch, sprich Eiweiß, bringt ungefähr vier Kilokalorien Energie. Genau soviel bringt aber auch ein Gramm Kohlenhydrate, Nudeln etwa. Ein Gramm Fett bringt jedoch neun Kilokalorien. Alkohol übrigens sieben. Heißt das jetzt, "Alkohol ist ein Stück Lebenskraft"? Falls Sie auf Energiewert aus sind, sollten Sie gleich Fett essen. Sie sehen: Der Slogan ist eine geschickte Lüge. Was zur Frage führt ob der Mensch in Wahrheit überhaupt Fleisch braucht.

Weniger Fleisch essen - große Wirkung
Die Antwort lautet, wie die Sendung "Gier auf Tier" zeigt, (und das bedeutet: jede Menge Fachleute, die die Frage untersucht haben) nein. Allerdings gibt es beim Nicht-Essen von Fleisch gewisse Mängel, die entstehen - der gravierendste davon ist der B 12 Mangel. Also muss man Vitamin B 12 und andere Stoffe wie Eisen sehr gezielt und bewusst zusätzlich (und in größerem Maße als zuvor) zu sich nehmen. Dann kann man Fleisch völlig ersetzen. Wenn man will. Wenn man nicht will, gibt es die Möglichkeit wenigstens seinen Nachfahren, den Tieren und der Umwelt einen kleinen Gefallen zu tun und weniger Fleisch zu essen. Auch das würde, wenn wir es alle tun, in großem Stil helfen, Natur zu bewahren und Leid zu verringern.

Das System ist nicht zukunftsfähig
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Nicht überzeugt? Matthias Wolfschmidt, Veterinärmediziner mit Spezialausbildung in Pharmazeutischer Medizin und inzwischen stellvertretender Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, weist in seinem Buch "Das Schweinesystem" auf etwas hin, das wirklich erstaunlich ist: auf ein Zitat aus dem Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Dort heißt es: "Die derzeitige Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere sind nicht zukunftsfähig." Damit nicht genug. Sie sind nicht nur nicht zukunftsfähig: sie sind auch nicht mehr tragbar. Das Perfide ist, dass jeder das weiß im Ministerium - oder zumindest wissen kann. Allein das Nicht-Reagieren des Systems zeigt, dass das System nicht zukunftsfähig ist. In der Evolutionsgeschichte, die sich auch auf Ministerien anwenden lässt, fallen die Affen vom Baum, die an den eigenen Ästen sägen. Wenn sie dann auch noch das Pech haben, aus großer Höhe in die Tiefe zu stürzen, sterben sie. Aus mit Nachkommen. Aus mit der weiteren Karriere.

Antibiotika in der Landwirtschaft mit fatalen Folgen
Eine Studie in Brandenburg zeigte, dass die Anzahl der gesunden Milchkühe pro Jahr im Schnitt einen Maximalwert von 8,6 bis 13 Prozent erreicht. Diese Zahlen beziehen sich nicht etwas auf die kranken, sondern auf die gesunden Tiere. Nur maximal 13 Prozent der Tiere waren ein Jahr lang durchgehend gesund! Warum? Weil der Rest an sogenannten Produktionskrankheiten leidet. Und das bedeutet: Sie leiden an den Zwängen, die Geldvorgaben diktieren - und vermeidbar wären. Ich will Sie nicht weiter belästigen mit den Hinweisen auf die Umweltschäden oder die Folgen des illegalen und missbräuchlichen Gebrauchs von Antibiotika in der Landwirtschaft. Sie kennen die Folgen. Es ist regelrecht absurd, wenn man an Antibiotika im Trinkwasser und im Fleisch denkt - und gleichzeitig zur Kenntnis nehmen muss, dass inzwischen mehrere zehntausend Menschen alleine in Deutschland an antibiotikaresistenten Keimen sterben.

Im Grunde ist es ganz einfach
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Wir sollten aufhören soviel Fleisch zu essen, vielleicht sogar ganz aufhören damit. Unmöglich? In seinem Buch "Tiere denken" zitiert Richard David Precht den Philosophen John Steward Mill, der bemerkte, Zitat: "... dass ein universaler Glaube, von dem niemand frei war und von dem sich niemand befreien konnte, in einem späteren Zeitalter so greifbar zur Absurdität wird, dass die einzige Schwierigkeit darin besteht zu verstehen, wie eine solche Idee jemals glaubwürdig erscheinen konnte".



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