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Es gibt Fälle eklatanten Mobbings unter Schimpansengruppen.
Kolumne: Wir sind direkte Nachfahren gewalttätiger Affen
Gert Scobels Gedanken zu "Das große Artensterben"
Das schöne, aber auch problematische mit dem richtigen Leben ist, dass es nur einen Versuch gibt. Die Idee, man könne alles auf Anfang stellen und problemlos rebooten ist eine typische moderne Idee aus dem Digitalzeitalter. Sie lässt sich auf biologische Prozesse wie die Evolution nicht anwenden. Eine Art, die ausgerottet worden ist, bleibt ausgerottet. Die Arten, die wir vernichten, ohne sie überhaupt zu kennen, bleiben uns unbekannt: ganz abgesehen von dem potentiellen Nutzen, die sie für unser Überleben haben könnten.
Evolutionsbiologen wie Edward Wilson haben wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass es zwar mehrfach schon in der Geschichte der Erde ein großes Artensterben gibt. Doch das Artensterben, dass wir derzeit beobachten, das sechste insgesamt, ist von einer völlig neuen und anderen Qualität. Erstmals in der Geschichte des Lebens auf der Erde gibt es eine Spezies, die tatsächlich und faktisch alle anderen Lebensformen dominiert, beeinflusst - und nicht selten ausrottet. Das ist neu. Neu ist auch etwas anderes. Während bislang viele Arten nicht mehr existieren, weil sie sich in neue Tochterarten aufgeteilt haben, wird mit der Ausrottung von Arten diese Form des Weiterlebens unmöglich gemacht.

Vieles an diesen Prozessen haben wir noch nicht verstanden
Wir wissen, dass die Evolution ein dynamischer nichtlinearer und deshalb in seinem Ergebnis auch prinzipiell nicht vorhersehbarer Prozess ist - theoretisch. Praktisch handeln wir ständig gegen dieses Wissen. Wenn alles Leben auf der Erde miteinander zusammenhängt - und wir tragen die Merkmale dieses Erbes in uns - dann ist das Verhältnis zwischen den Arten eines der nichtlinearen Interdependenz. Wenn wir einzelne Arten und ganze Gattungen von Pflanzen und Tieren vernichten, während wir andere pampern und pflegen, dann hat all das Einflüsse auf die gesamte Struktur des Planeten: auf sein Leben, aber auch auf Wetter und Klima.

Allein das Unwissen über die Beziehungen der Arten sollte uns schon zur Vorsicht mahnen. Tatsächlich aber ist unser Unwissen weitaus größer, weil wir nicht einmal einen Überblick über alle lebenden Arten haben. Die Fachzeitschrift "Nature" widmete im Juni dieses Jahres dem Thema Biodiversität einen großen Sonderteil (Ausgabe vom 1. Juni 2017, Vol. 546, No. 7656). Betont wurde darin unter anderem, dass bislang viel zu viel Wert auf Messungen der Quantität von Ökosystemen gelegt wurde - und zu wenig auf die Bedeutung und Qualität der Interaktion innerhalb des Ökosystems und zwischen verschiedenen Systemen.

Dies führte zu einer Veränderung des Denkens. Statt bloßer Zahlen, oder dem Einsatz für eine bestimmte Art, geht es heute mehr und mehr um die Frage, welche Rolle diese Art im Zusammenspiel mit einem Ökosystem spielt. Das die Taxonomie der Arten ein Problem darstellt, ist bekannt: denn was nicht als Art gilt, kann auch nicht geschützt werden. Andererseits wird immer klarer, dass die Grenzen zwischen dem, was wir als Arten bezeichnet haben, verschwimmen. Wie groß muss ein genetischer Unterschied sein, um eine andere Art zu definieren? Auch Fragen wie diese sind keineswegs eindeutig zu beantworten.

Fest steht, dass Biodiversitätsforschung globaler Natur ist.
Entsprechend global müssen auch die Vorgehensweisen für eine vernünftige, die Arten bewahrende "Governance-Struktur", d.h. für politisches, gesellschaftliches und institutionelles Vorgehen sein. Fazit der Nature-Untersuchungen: Wir müssen in Zukunft über bloße Daten hinaus die Qualität und Funktion von Arten in Ökosystemen berücksichtigen. Ein großer Teil der Forschung befasst sich leider nach wie vor mit, polemisch formuliert, Erbsenzählerei. Selbst innerhalb eines umrissenen Gebietes, bieten die Beziehungen der Arten untereinander ein komplexeres Bild, als bisher berücksichtigt. Während die phylogenetischen Prioritäten der Arten weitaus ähnlicher sind, als häufig gedacht, unterscheiden sich die Arten in ihren Funktionen innerhalb des Ökosystems und in seiner Beziehung zur weiteren Umwelt. Und noch etwas zeigen die Untersuchungen: Eine Erweiterung des Schutzraumes von nur fünf Prozent hat nicht selten die Funktion, die Zahl der geschützten Arten zu verdreifachen (L. Pollock, W. Thuiller, W. Jetz, Large conservation gains possible for global biodiversity facets, Nature Vol 546 (1. Juni 2017), S. 141-144).

Wir sind Teil eines Ganzen
Und der Ausblick? Die Primatenforscherin und Umweltschützerin Jane Goodall ist unter anderem für zwei Dinge bekannt. Bevor sie über die schützenswerten Schimpanzen, unsere nächste Verwandten sprach, betonte sie erstens immer wieder, wie brutal und gewalttätig Schimpansen sein können. Sie töten nicht nur andere Tiere, sondern auch einander. Es gibt Fälle eklatanten Mobbings unter Schimpansengruppen. Und, kurz gesagt, viel Gewalt. Wir sind und bleiben direkte Nachfahren dieser gewalttätigen Affen. Auch wir haben das in uns.

Wenn wir erst einmal etwas wollen und auf Jagd gehen, und sei es auch auf die nach Geld, dann jagen wir im Milliarden-Rudel ohne Rücksicht auf andere Menschen, aber auch ohne Rücksicht auf andere Verluste. Das sollte man einkalkulieren als sogenannte Krone der Schöpfung. Zweitens sagte Jane Goodall: "Wir müssen uns klarmachen, dass wir jeden Tag aufs Neue Einfluss ausüben. Und wir haben die Wahl, was für ein Einfluss das ist." Wir können können entscheiden: sie und ich. Wir müssen uns keine Pseudo-Sorgen machen, ob wir eine Mücke erschlagen oder nicht. Oder mal ein Stück Schlange essen oder nicht. Anders sieht es schon mit den Haien und Schildkröten und vielen anderen Tieren aus, die wir aufgrund ihres Aussehens oder Geschmacks töten. Sorgen machen sollten wir uns vor allem auch um unsere Ökosysteme. Um die Dominanz unsere Landwirtschaft. Um Düngen, Rohstoffabbau, Fischvernichtung und Meeresverschmutzung. Mit dem all dem ist unsere Lebensstil verbunden. Und bleibt das entscheidende Problem - nicht nur für uns. Also: Üben wir Einfluss aus. Guten Einfluss. Aufgeklärten Einfluss.

Wir sind zwar Pioniere einer völlig neuen Art zu leben: aber wir haben leider auch nur einen Versuch. Wenn es schief geht mit der Erde, gibt es anders als in Science-Fiction Filmen, keine zweite. Wir haben keine Sonderrechte, denn wir sind Teil eines Ganzen – eines Ganzen, das wir nicht einmal verstehen. Wenn wir uns schon Homo Sapiens nennen, sollten wir auch so leben: sapienter, also - weise.






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