Was wir nicht für möglich halten, beziehen wir auch in unsere Entscheidungsprozesse nicht mit ein.
Kolumne: Die gute alte Tradition der Aufklärung
Gert Scobels Gedanken zu "Die Macht der Deutung"
In der sogenannten künstlichen Intelligenz Forschung - einem Zweig, der Forschung, der Robotik, Mathematik, Informatik, Technik, Biologie und andere Disziplinen zusammen bringt - stellte vor mehr als einem Jahrzehnt die so genannte "embodied cognition" die entscheidende Wende dar.
Nachdem man Jahrzehntelang auf der Stelle getreten und so gut wie keine der vollmundigen Versprechungen eingelöst hatte, weil man davon überzeugt war, dass sich "Intelligenz" (was auch immer man darunter verstehen will) letztlich allein durch klare Regeln her- und ableiten ließ- und nichts anderes als ein Algorithmus sei, begann man sich, sich von dieser Form der KI-Forschung abzuwenden.

Neue Fragen waren aufgetaucht
Wie steuert man beispielsweise die Bewegungen eines Roboters, der sich aufrecht bewegt? Ziel der Forschung war es nun, statt intelligente Superroboter zu konstruieren, sich praktischen Aufgaben zuzuwenden. Wie konstruiert man beispielsweise autonom agierende Roboter für die Kanalreinigung - oder, was leider immer eng mit solcher Forschung verbunden ist, für den Kriegseinsatz? Man begann, verschiedene Tiere und Insekten zu untersuchen um herauszufinden, wie sich diese effizient und stabil bewegen.

Erst durch diesen Schritt hin zur Biologie des Bewegungsapparates und zum Körper, begann man zu verstehen, dass nicht nur richtige Bewegung und Orientierung, sondern auch Denken und Intelligenz, Gefühle, Verstehen und Kreativität in direkter, unmittelbarer Weise mit dem Körper zusammen hängen. Es kann nicht gelingen, den Geist aus seiner "Schale" heraus zu lösen, ohne ihn zu töten. Es ist, als wollte man mitten aus einem Stück Steak das Fettauge herauslösen, ohne etwas vom umliegenden Gewebe zu verletzten. Kognition ist - nicht nur über das Gehirn - in direkter Weise mit körperlichen Vorgängen verbunden.

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Buchbesprechung:
"Leben in Methaphern" und
"Auf leisen Sohnen ins Gehirn"
Das Erstaunliche ist, dass dieser Zusammenhang auch für sehr abstrakte Begriffe und Metaphern gilt. In ihrem Buch über Metaphern und in ihrem Klassiker "Philosophy in the Flesh" erklären der Neurolinguist George Lakoff und der Kognitionswissenschaftler Mark Johnson, warum und wie Metaphern mit körperlichen Wahrnehmungen zusammen hängen. Das mag man auf den ersten Blick für die Erkenntnis einer Orchideenwissenschaft halten, ist aber auf den zweiten Blick eine fundamentale Erkenntnis mit großen Auswirkungen auf unseren Alltag und das politische Leben. Metaphern bestimmen nicht nur die Richtung in die wir denken, sie verengen immer auch den Blick für andere Möglichkeiten. Was wir nicht für möglich oder gegeben halten, das beziehen wir auch in unsere Entscheidungsprozesse nicht mit ein. Insofern beeinflussen mentale Bilder ganz reale politische Entscheidungen - und in der Folge auch Handlungen.

Dieser Zusammenhang ist nicht nur vor Wahlen von großer Bedeutung. Er hat grundlegende Bedeutung für jede Demokratie - insbesondere in Zeiten, in denen Rechtsradikalismus wieder salonfähig geworden ist. Doch was weiß man über den Zusammenhang von Politik und Metaphern, über das so genannte "politische Framing"? Fest steht, dass wir immer von Deutungsrahmen Gebrauch machen müssen, um die Welt zu verstehen. Was nicht fest steht ist, welche Rahmen unser Verständnis leiten sollten - und wie wir sie gegebenenfalls austauschen können.

Komplexe Probleme richtig verstehen
© Suhrkamp <b>Buchbesprechung:<br /></b> "Wozu Theorie?"
Buchbesprechung:
"Wozu Theorie?"
Elisabeth Wehling ist eine der wenigen Forscherinnen weltweit, die das so genannte "politische Framing" erforscht. Sie arbeitet in Berkeley zusammen mit George Lakoff - und man kann ihrer Erkenntnis und den Einsichten der Systemtheorie, die Dirk Baecker auf kreative Art und Weise vertritt, nicht genug Raum geben. Denn nur wenn man die Beschränktheit der eigenen Brille(n) erkennt, hat man eine Chance, die Vielgestaltigkeit einer ungleich komplexeren Welt zu erkennen und in seine Handlungsoptionen einzubeziehen. Insofern ist die Sendung "Die Macht der Deutung" über "politisches Rahmen" ein notwendiges, wenn auch nicht ganz einfaches Stück Aufklärung. Die Warnung gilt dabei nicht der Wahl einer einzelnen Partei: sie gilt vielmehr der geistigen Abschottung und den falschen Vereinfachungen, die häufig dann zum Einsatz kommen, wenn das eigene Unwissen und die Unfähigkeit, komplexe Probleme richtig zu verstehen und nachhaltig zu lösen, versteckt werden.

Aber wozu gibt es schließlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Während Rechts gerne von Staatsfernsehen und Lügenpresse redet und manche Politikerin und mancher Politiker sich große Mühe machen, Fakten als Fiktionen zu diffamieren, um auf diese Weise unbemerkt hinter dem Rücken der Öffentlichkeit Fakten zu schaffen, wollen wir unbeirrt von all dem, die gute alte Tradition der Aufklärung fortsetzen, zu der, zugegeben, immer auch die Aufklärung über sich selbst gehört. Aber das versteht sich unter Freunden einer demokratischen und offenen Gesellschaft von selbst.






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Die Macht der Deutung
Wie beeinflussen die verinnerlichten Deutungsrahmen unsere Wahrnehmung und Wissensstrukturen?
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Warum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was ist genau an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Gedanken dazu niedergeschrieben.