Medizinische und ethische Entscheidungen werden aufgrund ökonomischer Überlegungen getroffen.
Kolumne: Ein gutes System, das man verbessern kann
Gert Scobels Gedanken zu "Krankheit als Geschäft"
Das Grundproblem ist einfach und leicht zu verstehen. Es gibt Kriterien, nach denen man gewinnorientierte Firmen und Unternehmen ausrichtet; und es gibt Kriterien, die man braucht um zu entscheiden, welche Diagnose oder Therapie für welchen Typ von Krankheit am besten geeignet ist.
Aufgrund des Umstandes, dass Diagnose und Therapie kosten und sich darüber hinaus die Medizin ständig in Entwicklung befindet, entsteht eine Verquickung von Unternehmen, d.h. Ökonomie und Medizin. Ein weiteres Kriterium, das bei der medizinischen Betreuung zu berücksichtigen ist, ist die ethische Dimension - etwa die Frage, inwieweit eine Gesellschaft denen, die schwächer oder krank sind, solidarisch helfen sollte. Was man feststellen kann ist, dass die ökonomische Denkweise, um eine medizinische Metapher zu bemühen, tief in alle anderen Bereiche hinein metastasiert. Überall schafft sie kleine Herde von Profit-Centern und Kunden. Und überall werden immer mehr medizinische und ethische Entscheidungen aufgrund ökonomischer Überlegungen getroffen.

Verfahrensweisen nach bestimmten Regeln implementieren
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Buch: "Gerechtigkeit im Gesundheitswesen" von Nikolaus Knoepffer und Frank Daumann
Befasst man sich mit den Argumenten für eine "Durchökonomisierung" des Gesundheitssystems, stellt man mit Erstaunen erstens fest, dass diese meist mit der Werbung für einen bestimmten Konzern verbunden sind (und es gibt im Gesundheitswesen, ähnlich wie in der Lebensmittelbrache, nur einige wenige Großkonzerne, die den Kuchen unter sich aufteilen). Zweitens aber bemerkt man, wie ungenau die Argumente sitzen. Natürlich ist ökonomische Effizienz ein Kriterium, das in die Gesamtentscheidung für oder gegen eine Behandlung einfließen sollte. Doch selbst wenn die pure ökonomische Ausrichtung, etwa der Gebrauch von Benchmarks, zu einer auch nach medizinischen Kriterien effizienteren Entwicklung führen sollte, kann Wirtschaft alleine nie diesen Erfolg garantieren. Warum? Weil Verfahrensweisen umgesetzt und nach bestimmten Regeln implementiert werden müssen.

Doch diese Regeln sind selber nicht ökonomisch. Und zudem sind sie, wie Untersuchungen zeigen, selten optimal und verhindern deshalb Effizienz. Der Einfluß der Organisationsform und des gesamten Systems spielt daher eine wichtige Rolle. Das Gesundheitssystem versagt in vielen Fällen faktisch nicht aufgrund zu geringer ökonomischer Effizienz, sondern weil es "auf der Ebene des Regelfindungs- und Regelsetzungsdiskurses und der daraus folgenden Regelungen" Probleme gibt (Nikolaus Knoepffer und Frank Daumann, Gerechtigkeit im Gesundheitswesen, Freiburg/München 2017, S. 100). Solche Probleme lassen sich aber keineswegs allein durch Ökonomie verbessern.

In dem eben zitierten Buch findet sich ein Bände sprechender Diskurs zwischen einem Chefarzt und einem kaufmännischen Direktor. Der fordert den Arzt auf, den Erlös seiner Abteilung um fünf Prozent zu steigern. Leider müssen deshalb Sachmittel reduziert und Personal abgebaut werden. Der Chefarzt protestiert. Worauf der kaufmännische Direktor sagt: "Sie schaffen das schon. Ach ja: Bei Nichterreichen der Vorgaben muss leider Ihr variabler Gehaltsanteil gekürzt werden." Ausgehandelte Verträge werden umgangen, systemische Verantwortung auf Einzelne und schließlich auf den "Endkunden“ abgewälzt."

Es gibt viele Argument gegen die Durchökonomisierung des Gesundheitssystems. Viele von ihnen sind nicht einmal medizinischer oder ethischer Art, sondern systemisch. Das Fazit aber scheint mir eindeutig: So intransparent und komplex das deutsche Gesundheitssystem auch sein mag (und daran lässt sich nur bedingt etwas ändern aufgrund des demokratischen Zusammenspiels sehr vieler Akteure mit höchst unterschiedlichen Interessen): es ist ein gutes System, das man zum Wohl aller Menschen verbessern kann - und immer wieder weiter verbessern muss. Solche Verbesserungen können aber nur geschehen, wenn es Bereiche gibt, die ausdrücklich von der Ökonomisierung ausgenommen werden.

Man kann das Gesundheitssystem an dieser Stelle mit den öffentlichen Schulen oder Hospizen vergleichen: Beide sollen und dürfen keine Profite machen. Beide Einrichtungen existieren, um Menschen im einen Fall Bildung, im anderen Fall menschliches Sterben zu ermöglichen. Eine allein am Profit orientierte Ausrichtung würde beides verhindern. Dass es Privatschulen gibt, wird dabei ebenso wenig ausgeschlossen, wie die Tatsache, dass ein Unternehmen, das Schulhefte herstellt, am Verkauf dieser Hefte verdienen kann und soll. Wer jedoch keinen Profit machen darf ist die Schule selbst, deren Ziel einzig und allein Bildung ist. Warum sollte es ausgerechnet in einem Bereich, in dem es immer wieder um Leben und Tod, zumindest aber um die Frage der Lebensqualität geht, anders sein?






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