Erst prüfen! Denn: Selbsttäuschung ist sehr leicht geworden.
Kolumne: Auf!Klärung! Machen Sie sich auf!
Gert Scobels Gedanken zu "Fakes & Fakten"
Diederik Stapel, ein niederländischer Sozialpsychologe und Autor vieler wissenschaftlicher Paper, gab 2011 zu, die Daten für zahlreiche in renommierten Fachzeitschriften erschienenen Veröffentlichungen erfunden zu haben.
Eine PR-Agentur erstellte im Auftrag eines Tochterunternehmens des Pharma-Konzerns Pfizer Werbetexte für deren Medikamente, unter die Mediziner ihre Namen setzen ließen. Diese Texte gelangten zwischen 1997 und 2003 durch das Peer-Review-System bekannter Fachzeitschriften, wo sie daraufhin beschönigende Angaben zu Therapieerfolgen und Nebenwirkungen der besprochenen Hormon-Medikamente machten. Die Pfizer-Tochter Wyeth konnte mit zwei von diesen Medikamenten allein 2001 einen Umsatz von zwei Milliarden US-Dollar erwirtschaften. Als eine öffentlich finanzierte Großuntersuchung die Fälschung aufdeckte, verklagten über 14.000 Frauen das Pharmaunternehmen auf Schadensersatz, da sie nach Hormonbehandlungen mit den beworbenen Präparaten an Brustkrebs erkrankt waren. Dieser Fall löste eine Debatte über Wissenschafts-Ghostwriting aus.

Fälschungen kann man auch selber schreiben
Woo Suk Hwang machte vor kurzem Schlagzeilen, als er zugab, dass wichtige Daten aus seiner Stammzellforschung gefälscht waren. Hwang hatte in "Science" berichtet, dass es seiner Gruppe gelungen sei erfolgreich elf Embryonale Stammzell-Linien aus der DNA von Patienten zu erzeugen. Eine Untersuchung der Seoul National University kam zu dem Schluss, dass die Daten nicht verifiziert werden konnten. "Science" zog seitdem zwei seiner Papers zurück - und "Nature" hat die Genauigkeit eines weiteren Papers neu prüfen lassen. Doch das ist eine teure Angelegenheit. Es hat sich gezeigt, dass viele Experimente aus der Psychologie nicht reproduziert werden können. Was nicht notwendig auch den Schluss zulässt, dass das, was man damals als Ergebnis herausbekam, in dieser Situation tatsächlich so war. Und dennoch könnte es sein, dass solche Ergebnisse - und insbesondere die, die etwas "Neues" beweisen, schlicht und einfach Fälschungen sind - so wie bislang alle Berichte über den Erfolg der sogenannten "kalten Kernfusion".

All dies führt ins Herz der Debatte über die Wissenschaften
Drei Dinge erscheinen mir dabei wesentlich:
  • Erstens haben es die Wissenschaften versäumt, bei Ihrer durchaus verständlichen Jagd nach Geldern und Anerkennung der Öffentlichkeit klar zu machen, was für Wissenschaftstheoretiker geradezu banal ist: das es keine reinen Fakten gibt. Fakten sind Tat-Sachen. Die Tat, die zur Sache hinzu kommt, ist die der Deutung von Dingen, Daten und deren Beobachtung. Dies ist an sich weder schlecht noch gut, sondern dem Umstand geschuldet, dass wir nie einen direkten Zugang zur Wirklichkeit haben. Dies heißt jedoch keineswegs, dass es keine Wirklichkeit gibt. Es heißt nur, genauer zu unterscheiden.

  • Zweitens scheint sich die Aufgabe, die eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler zu erfüllen hat, zumindest psychologisch widersprüchlich zu sein. Ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin, der oder die Karriere machen will, muss etwas vorweisen. Wie sonst gäbe es dafür eine Doktorarbeit oder Professur! Dabei ist es die eigentliche Aufgabe der Wissenschaften nicht Gewissheiten herzustellen (denn die lassen sich bekanntlich beliebig herstellen, man muss nur einfach aufhören weiter zu fragen und zu prüfen), sondern im Gegenteil, sie unter die Lupe zu nehmen und zu prüfen. Ein guter Wissenschaftler arbeitet also an der Falsifikation dessen, was er oder sie zuvor voller Stolz hergestellt hat. Das ist, zumindest psychologisch, viel verlangt, birgt hohes Korruptionsrisiko (vor allem das Risiko der Korruption durch die eigenen Wünsche und den eigenen Ehrgeiz) und bedarf daher besonderen Trainings, das jedoch kaum erfolgt.

  • Drittens muss darauf hingewiesen werden, dass komplexe Sachverhalte selten völlig einfache und klare Erklärungen finden. Das gelingt hier und da - aber es wäre vermessen zu behaupten, es wäre die Regel. Je mehr Daten wir haben, je komplexer (und unnachvollziehbarer) Theorien und Instrumente der Messung werden, umso schwerer wird es auch von eindeutigen Wahrheiten zu sprechen. Die Idee, das Ganze doch an Computer zu delegieren, die intelligent genug sind, für uns ihre Schlüsse zu ziehen, kann kein Ausweg aus dem prinzipiellen Dilemma sein. Denn auch für sie muss sich die Frage stellen, wie sie mit prinzipiell unberechenbaren, eben nichtlinearen, dynamischen und komplexen Systemen umgehen wollen. zumal sie im Zweifel selbst ein solches System sind: ein System, das sich nicht mehr verstehen lässt.


  • Vereinfachung der komplexen Welt
    Eve Marder, Chefeditor des "Journal of Neurophysiology" gab unlängst zu bedenken, dass Selbsttäuschung sehr leicht geworden ist - geht sie doch äußerst gut zusammen mit unserer zunehmenden Abhängigkeit von Image-Processing, also der Analyse und Darstellung von Bildern. Wissenschaftler könnten, so Marder, leicht zu der Annahme verführt werden, dass Ihnen der Nachweis eines spezifischen Resultates gelungen sei.

    Was bleibt, ist am Ende nur eines: der mühsame und steinige Weg der Aufklärung. Und doch wäre es völlig fehl am Platz und geradezu Selbstmord, wenn man jetzt, ausgerechnet, auf Aufklärung verzichten wollte, weil sie angeblich immer wieder scheitert. Man geht ja auch jeden Abend schlafen - und das ist wahrlich kein Argument dagegen am nächsten Tag wieder aufzustehen. Im Gegenteil.

    Daher mein Fazit, nicht nur angesichts der Wahlen: Wo auch immer Sie sind, ob Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin, Handwerker oder Handwerkerin, Bürger und Bürgerin: Machen Sie sich auf, greifen sie ein und klären Sie auf wo sie können. Der Imperativ der Gegenwart, das Mittel gegen Fakes und Abschottung lautet einfach, aber sehr wirkungsvoll: Auf! Klärung! Der Wunsch nach Vereinfachung der komplexen Welt, in der wir leben, ist groß. Probleme gibt es viele, klar. Aber das heißt nicht aufzugeben, sondern aufzuklären. Machen Sie sich auf! Es ist unsere Aufgabe als Brüger und Bürgerinnen - und erst Recht als Journalisten oder Wissenschaftler überall in der Gesellschaft - Fakten und Zusammenhänge zu klären, Urteilskraft zu bilden und zum besseren und genaueren Verständnis unserer Zeit beizutragen. Denn Populismus und Lüge untergräbt nicht nur Wahrheit, sondern auch die Grundlage unserer Gemeinschaft. Treten Sie ein für Auf-Klärung. Denn wir haben es in der Hand. Auf! Denn Klärung tut not.





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