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Entspannen Sie sich und sehen Sie zu, wie sich die Wolke bildet...
Kolumne: Wir leben im Ungewissen und mit Unwissen
Gert Scobels Gedanken zu "Vorsicht Prognose!"
Prognosen bestimmen unser Leben, auch wenn man wir es nicht immer sofort merken. Im Grunde sind Prognosen nichts anderes, als mehr oder minder gut geprüfte Erwartungen: und die haben wir ständig. Ohne Erwartungen (wenn ich jetzt losfahre, werde ich pünktlich sein und gesund am Ziel ankommen) würde unser Leben ständig einen anderen Verlauf nehmen.
Prognosen sind daher für das Leben des Einzelnen entscheidend: haben aber mindestens ebenso großen Einfluss, wenn es um kollektive Veränderungen geht - etwa wenn neue Rentengesetze verabschiedet werden oder über die Entwicklung von Rentenfonds entschieden wird. In solchen Fällen holt man Prognosen ein, die dann maßgeblich in die Entscheidungsfindung einfließen. Prognosen entscheiden über den Ausbau von Krankenhäusern und Flughäfen ebenso wie über die Strategien von Wirtschaftsunternehmen und Banken, Parteien oder die Routen von Verkehrsflugzeugen. Auch die alltägliche Steuerung vom Energiebedarf oder von Datenflüssen samt Vorschlägen für Ihr Kaufverhalten -bis hin zur Planung eines Grillabends mit Hilfe der Wetter-App: All das beruht auf Prognosen und spiegelt ihren Einfluss auf unser Leben wider.

Prognosen haben sich verfeinert
Inzwischen haben sich, im Vergleich zu den letzten hunderten und tausenden von Jahren, Prognosen sichtbar verfeinert - auch in Bereichen, die komplexe politische oder strategische Makro-Prozesse betreffen. ("Though machine learning techniques, such as neural networks, are able to capture nonlinearities in underlying data, geopolitical changes altering the very units of analysis, such as states and their borders, pose a much more fundamental challenge, especially to long-term macro prediction": Lars-Erik Cederman, Nils B. Weidmann, Predicting armed conflict: Time to adjust our expectations?, in: Science 355, 474–476 (2017) 3. February 2017)

Auch kritisch eingestellte Wissenschaftler wie Gerd Gigerenzer machen darauf aufmerksam, dass technologische Veränderungen die Linie zwischen dem Unwissbaren und dem, was wir gerade noch wissen können, durchaus verändert hat. Andere Wissenschafler wie Cederman und Weidmann kommen zu einer positiven Bewertung von Vorhersagen, selbst mit Blick auf schwierige Fragen, wie die der Vorhersage gewalttätiger und kriegerischer Konflikte ("Therefore, the challenge for the field is to find the right balance between the inherent complexity of the social and political world and the associated limitations on our ability to accurately forecast political violence. Within a limited spatiotemporal radius, policy-relevant prediction is feasible and potentially extremely useful, as illustrated by recent efforts to accelerate collection of disaggregated and spatially explicit data on conflict events.")

Es gibt ein Interesse an Nichtwissen
Während vor zehntausenden von Jahren, Muster von Eingeweiden ebenso als verlässliche Daten galten. wie die Formen von Knochen oder Wolken, die Beschaffenheit von Pflanzen, aber auch die vermeintlichen Äußerungen von Göttern und Geistern, werden heute große Anstrengungen unternommen, möglich genau geprüfte Daten zur Grundlage einer Voraussage zu machen.

Doch Empirie alleine ist, abgesehen von allen Möglichkeiten des Irrtums, keineswegs eine solide Grundlage. Denn viele Prognosen beruhen - heute wie damals - entscheidend auf theoretischen Annahmen – die manchmal an Voodoo-Vorstellungen vom Lauf der Welt erinnern. Berühmt ist in dieser Beziehung das als "Voodoo Correlations in Social Neuroscience" bekannt gewordene Paper (Edward Vul, Christine Harris, Piotr Winkielman, Harold Pashler: Puzzlingly High Correlations in fMRI Studies of Emotion, Personality, and Social Cognition, in: Perspectives on Psychological Science, Vol 4 Nr. 3, 274-290).

So schwer es auch ist, nach Prinzipien der Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber auch der allgemein üblichen Datenerhebung korrekt zu arbeiten – so schwer einzuschätzen sind immer wieder die kognitiven Verzerrungen und der bewusste Wille, Tatsachen zu ignorieren. Auch diese Motive fließen in die Möglichkeit der Erstellung von Prognosen ein und können auf paradoxe Weise das eigene Interesse an möglichst genauen Vorhersagen durchkreuzen.

Wie der Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck Institut für Bildungsforschung zusammen mit Rocio Garcia-Retamero von der Universität Granada nachweisen konnten, gibt es ein nicht zu unterschätzendes Interesse an Nichtwissen bzw. an frei gewählter Ignoranz. (Cassandra’s Regret: The Psychology of Not Wanting to Know, in: Psychological Review 2017, Vol. 124, No. 2, 179–196; http://dx.doi.org/10.1037/rev0000055). Während das eine Motiv auf die Vermeidung schlechter Nachrichten zielt (bzw. auf das Vermeiden des Bedauerns das einsetzt, wenn man sie erfahren hat) gründet sich das andere auf den Wunsch, positive Stimmungen und Haltungen beizubehalten.

Komplexe Systeme sind unberechenbar
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BuchtippBuchtipp
Buchtipp "Superforecasting"
Wer sich kritisch mit Prognosen befasst, zu denen vor allem auch Finanzprognosen gehören - (z.B. Frank Riedel, scobel-Sendung "Schulden" vom 15. Mai 2014] oder Bücher von ausgewiesenen Fachleuten liest wie Philip Tetlocks "Superforecasting" liest, kommt notwendig zu der Überzeugung, dass gute Prognosen zu erstellen schwer - und in komplexen, dynamischen Systemen zumindest auf längerfristige Zeitabläufe hin - möglich ist. Dass wir dennoch daran festhalten, sagt mehr über unser Bedürfnis nach Sinn und Ordnung der Dinge, als über Prognosen.

Sinn zu finden, d.h. einen Plan, eine stimmige Logik, eine Absicht, ein Muster: all das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Leider zeigen die Wissenschaften in exakt die entgegen gesetzte Richtung. Sie zeigen, dass es fatal und falsch is,t nach Gewissheiten zu suchen. Alles was wir haben, alle Erkenntnisse, sind Formen des besten zur Zeit verfügbaren Irrtums. Mehr nicht. Wir leben nach wie vor im Ungewissen und mit Unwissen. Punkt. Sie werden das nicht gerne hören, zumal daraus ja folgt, dass wissenschaftliches Denken in gewisser Weise leidvoll ist, weil es unserem Sinn-Impuls widerspricht. Aber es ist so: alles Wissen ist vorläufig. Auch das, was ich gerade gesagt habe. Das Leben birgt Chaos in sich.






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Vorsicht Prognose!
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