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Ein Klavier kaufen ist kein Problem. Spielen lernen und es dauerhaft nutzen aber schon...
Kolumne: Wie wäre es, wenn ich Dinge, die ich besitze, wirklich nutze?
Gert Scobels Gedanken zu "Konsum: Ich kaufe, also bin ich"
Im Grunde hören wir alle seit mehr als einem Jahrzehnt dieselben Analysen und Sätze. Wir nehmen dieselben Erkenntnisse immer wieder in uns auf und kommen zu denselben Schlussfolgerungen - ohne dass sich viel ändern würde.
Doch die Annahme, dass sich Veränderungen allein durch Appelle durchsetzen lassen, wenn sie nur häufig genug wiederholt werden, ist allein medientheoretisch gewagt. Denn auch derjenige, der appelliert, etwa nur Biomilch zu kaufen, tut dies aus guten, höchst rationalen Gründen. Und doch steckt derjenige in einem widersprüchlichen, kollektiven Lebensstil. Beispielsweise kauft er nicht immer Biomilch, weil am Ende des Monats das Geld knapper wird. Oder er kauft zwar Biomilch, aber billige, durch Ausbeutung zustande gekommene Hemden und Unterhosen.

Vielfältige Phänomene des Konsums
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Die Verführung zum Konsum
Fallen lauern überall - und sie sind geplant.
Wendet man Beobachtungen dieser Art über den Konsum in die Sprache des Konsums, dann ließe sich guten Gewissens behaupten, dass es keine neuen Erkenntnisprodukte gibt, die wir "kaufen" und "konsumieren" könnten – so vielfältig die Phänomene des Konsums auch sein mögen. Die seit Jahren heruntergeleierte Erkenntnismühle der Konsumanalyse klingt ungefähr folgendermaßen: Wir können immer mehr von immer komplexeren Waren herstellen, die immer mehr Menschen bei stetig fallenden Preisen (Ausnahmen bestätigen die Regel) konsumieren können.

Da die Wirtschaft auf Wachstum ausgelegt ist, müssen wir zunehmend mehr konsumieren, um selbst mehr oder zumindest auf gleichem Niveau verdienen (und dann wieder mehr kaufen) zu können. Der Grund dafür liegt darin, dass unser Verdienst ebenso wie das Steueraufkommen von den Gewinnen der Unternehmen abhängt. Am Ende verbrauchen wir auf diese Weise immer mehr Ressourcen und sind, allem Gerede über Grüne Punkte, Duales System, Mülltrennung und Recyling zum trotz, faktisch nicht in der Lage, die konsumierten Stoffe - sprich: den Abfall - tatsächlich in neue, verwertbare Wertstoffe zu überführen, die wir weiter verwenden.

Ich nehme an, diese Kette von Gedanken kommt Ihnen äußerst bekannt vor. Ähnlich lauten dann auch die Ratschläge, die in Variationen immer wieder zu hören sind: Downsizing, simplify your life, Verzicht oder einfacher leben. Man verschafft sich ein gutes Gewissen durch strikte Mülltrennung - und das ist für die belastete Psyche eine Hilfe: aber faktisch hilft der Umwelt diese Trennung nur bedingt.

Neue Erkenntnis in Sachen Konsum und Konsumbewältigung?
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Müll-Meister Deutschland
In unserer Dokumentation "Müll-Meister Deutschland", sagte Helmut Schmidt von der Abfallwirtschaft München: "Ich nenne das ganze System auch das Recyclingmärchen, man hat den Bürgern suggeriert,ihr könnt weiterhin Verpackungen kaufen, unendlich, es wird ja dann recycelt, tatsächlich wird aber sehr wenig recycelt, zumindest was Kunststoffe angeht. Das Märchen ist eben, dass wir nicht Prozent Verwertung haben, sondern, dass wir, wenn wir uns die Recyclingquoten anschauen, tatsächlich am Ende nur 15 Prozent haben, die tatsächlich als Sekundärrohstoff wieder in neue Produkte eingebaut werden.

15 Prozent ist besser als nichts, zugegeben. Aber es ist, gemessen an den hohen Ansprüchen beschämend wenig. Bleibt die Frage, ob es nicht doch eine neue Erkenntnis in Sachen Konsum und Konsumbewältigung gibt. Mir scheint ja peinlich genug, dass sich der entscheidende Hinweis in einer 2011 erschienen Analyse des bekannten Soziologen und Politikwissenschaftlers Hartmut Rosa findet mit dem Titel "Über die Verwechslung von Kauf und Konsum: Paradoxien der spätmodernen Konsumkultur". Vereinfacht gesagt, zeigt Rosa zunächst, dass die gekauften Waren im Zuge der Digitalisierungsprozesse immer mehr entmaterialisieren. Das gilt selbst für Häuser und Wohnungen, die vererbt werden, inzwischen aber eine Verfallszeit von 40 Jahren haben statt, wie früher, von Generation zu Generation weiter gegeben zu werden. Selbst Häuser dematerialisieren zu abstrakten Vermögen.

Kaufen weil's billig ist - man weiß ja nie...
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Warum wir was kaufen
Kaufen wir ein Lebensgefühl, Ware oder ein bisschen Glück?
Paradigmatisch für eine solche Dematerialisierung von Dingen ist der Brockhaus. Das einst in ihm gespeicherte Wissen, kommt heute nicht mehr in erster Linie als objektiviertes kulturelles Kapital in Frage, das ein entsprechendes ökonomisches Investment erfordert, sondern wird frei Haus durch Wikipedia geliefert. Nicht mehr das Objekt selbst, sondern der Zugang zu ihm ist deshalb von entscheidender Bedeutung. Konsum besteht daher in zunehmender Weise in einer vorsorglichen Erweiterung des Options- und Potenzraumes.

Ich habe deshalb deutlich mehr Hemden als ich tragen kann, weil ich mir die Option offen halten möchte, bei einem bestimmten Anlass eben genau dieses Hemd zu tragen, das ich jetzt mit Blick auf diese Möglichkeit kaufe. Ein geschätztes Drittel gekaufter Kleidung verlässt den Kleiderschrank nie. Und weil die Produkte immer billiger werden - und ich mir den gesamten Mozart oder Shakespeare`s Werke bereits für 9,90 Euto gekauft habe, kaufe ich nun noch den gesamten "essential Beethoven" und "Best of Schiller" dazu. Man weiß ja nie. Für den Fall der Fälle. Ähnliches gilt für viele andere Produkte wie Filme, Daten, Programme, Fernsehen, Bilder, Musik etc.

Und was fange ich nun mit dem Klavier an?
Seltsamerweise lässt sich aber feststellen, dass trotz der Dematerialisierung des Konsums, dennoch immer mehr Dinge gekauft werden. Rosa erläutert das Prinzip zum einen am immer mehr in den Brennpunkt des Konsums gerückten eigenen Körper und Körperkult (mit den unaufhörlichen, immer neuen Konsumoptionen von Mode, Fitness, Gesundheit, Parfum, Studio, Sportart oder Kurs) unter anderem an einem bekannten, klassisch-bildungsbürgerlichen Exzellenz-Objekt: an den immer preiswerten Flügeln.

Indem man derartige Objekte kauft, entspricht man der verheißenen bürgerlichen Potenzerweiterung. Denn nun, da man ein Klavier besitzt, könnte man ja auch Klavier spielen und alle Musik der Welt machen, wenn man nur wollte. Tatsächlich ist es aber heute wie vor 200 Jahren genauso schwer und mühselig geblieben, Klavierspielen wirklich zu erlernen. Unsere Fähigkeit zur Konsumption, also zum Gebrauch oder Nutzen dessen, was wir gekauft haben, unterliegt aller Digitalisierung zum trotz denselben (vielleicht sogar einer stärkeren) Zeitbegrenzungen wie in der Vergangenheit.

Entsprechend hat man zwar immer mehr Dinge (im Schnitt besitzt jeder Deutsche 10.000 Dinge) - benutzt sie aber immer weniger. "Weil durch das Kaufen sich immer Optionsräume erweitern lassen", schreibt Rosa, "und weil der Kaufakt fast keine Zeitressourcen bindet, kaufen wir immer mehr Dinge, während wir die Realkonsumption kaum zu steigern vermögen". Man könnte diese Entwicklung paradox so formulieren: Der scheinbar unbegrenzte Konsum - die Konsumsteigerung durch immer mehr Dinge - wird heute von innen begrenzt durch die immer weiter abnehmende Konsumption (den Gebrauch der Dinge).

Wir kaufen die Dinge, lassen sie aber liegen
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Konsumopfer und Zeitjunkies
Wir kaufen wahllos - und wissen gar nicht mehr, was uns gut tut.
Indem wir immer mehr konsumieren, üben wir faktisch Konsumptionsverzicht. Wir kaufen die Dinge, lassen sie aber liegen. Die Folien, in die sie eingepackt sind, werfen wir weg. Wir können tausende von Büchern downloaden und tuen es auch. Aber konsumiert und folglich auch "verbraucht" werden diese Bücher erst, wenn wir das Buch tatsächlich lesen: d.h. durch ein Zeitinvestment unsererseits. Dieses Investment leisten wir aber im Unterschied zum geringen Zeitaufwand des Kaufes selbst längst nicht mehr, weil wir in der Zeit, in der wir lesen, auch anderes - und damit potentiell besseres - machen (und kaufen) könnten. Gerade der Konsum eines High-Tech Gerätes, eines Flügels oder eines superleichten Fahrrades machen es erforderlich, dass wir uns auskennen und üben, d.h. das Gekaufte auch verwenden und den entsprechenden Gebrauch zu beherrschen lernen! Faktisch zeigt sich, dass die Anzahl der Dinge steigt - nicht aber unsere Zeitressourcen, die notwendig sind um sie zu "verbrauchen". Je mehr wir konsumieren, umso weniger werden die Ereignisse realer und damit auch geglückter Konsumptionsakte. Wir produzieren also und kaufen, ohne noch im eigentlichen Sinn zu konsumieren.

Und die Moral aus der Analyse?
Statt über Konsum nachzudenken, sollte vielleicht das Augenmerkt stärker auf die Konsumption gerichtet werden. Soll ich wirklich noch mehr kaufen, wenn ich bereits die Dinge, die ich besitze, nicht nutze? Da ich sie aber bereits habe, kann ich sie ja auch tatsächlich nutzen und mich an ihrem erwarteten Nutzen freuen (ohne weiter andere Dinge kaufen zu müssen, die ich dann nicht nutze). Hartmut Rosa plädiert daher dafür, erstens stärker auf die Qualität des Gekauften zu achten und zweitens auf die tatsächlichen Möglichkeiten der Konsumption, die - wenn wir das Gekaufte wirklich einsetzen und gebrauchen - zu einer Reduktion des Konsums führen könnte.

Die Formel dafür lautet "less, but deeper". Statt nur Optionen und Potenz zu vermehren (Möglichkeiten zu kaufen, von denen wir keinen Gebrauch machen) wäre es sinnvoll, unsere Weltbeziehung und die Beziehung zu den Dingen, die wir tatsächlich bereits erworben haben, qualitativ verbessern (etwa indem wir mit Hilfe des Klaviers lernen, Klavier zu spielen und uns die Welt der Musik immer besser und tiefer zu erschließen).

Mit anderen Worten: statt viel zu kaufen sollten wir darauf achten mit dem, was wir kaufen, gut zu leben und somit das Versprechen, das in den Dingen steckt, einzulösen lernen. Es ist in einem hohen Maße unsinnig, seine Zeit für Arbeit oder das Abtragen von Schulden zu nutzen, nur um weitere Dinge zu kaufen (also weitere Lebenszeit, die man durch Arbeit für Geld eingetauscht hat, zu opfern), die man anschließend nie wieder gebraucht. Der Schlüssel liegt also darin, vom Konsum zur Konsumption zu finden. Denn Konsum gelingt, wie das Leben auch, nur dort, wo Konsum zu einem guten Leben beiträgt. Deshalb könnte die Art und Weise, in der wie konsumieren (d.h. das, was wir erworben haben, gebrauchen) dazu beitragen, das Kaufverhalten zu verändern.

Mag sein, dass auch diese Erkenntnis für Sie nicht neu ist. Was mich selbst betrifft, ist mir die Paradoxie - man könnte auch sagen: das Moment der Entfremdung - zwischen Kauf und Konsum bzw. Konsumption nie so klar geworden, wie durch Hartmut Rosas Analyse. Ich bin gespannt, wie sie mein Konsum- und Konsumptionsverhalten verändern wird. Vielleicht versuchen auch Sie einmal ihr Konsumptionsverhalten zu verändern, statt an Ihrem Konsumverhalten zu schrauben. Es könnte sein, dass sich letzteres wie von alleine verändert: und das käme nicht nur Ihnen, sondern uns allen, der Umwelt und den begrenzten Ressourcen der Erde zu gute.

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