Bier, Schnaps und Wein können in jeder Tankstelle gekauft werden.
Kolumne: Alkohol ist ein profitables Wirtschaftsgut
Gert Scobels Gedanken zu "Volksdroge Alkohol"
Wer die Widersprüchlichkeit einer Gesellschaft besser verstehen will, muss im Grunde nur ihren Alltag genau beobachten. Der Blick auf das Alltägliche legt dann bald die Unterkonstruktionen frei, die mehr oder minder tragend sind. Dabei fällt auf, dass Deutschland zu den Nationen gehört, die einen konstant hohen Anteil von Alkoholikern und Alkoholikerinnen haben - Menschen, die von Alkohol suchtabhängig sind.
Dennoch gibt es überall Alkoholwerbung, und man kann den Stoff in unterschiedlicher Konzentration besonders gut - und bis spät in die Nacht - in Tankstellen erwerben. Das macht viel Sinn: Denn nach dem Betanken des Autos, kann auch der Mensch ausreichend betankt werden und dann, mehr oder minder betrunken und zuweilen besoffen, Auto fahren. Dass Verkehrstote, Unfälle und Alkohol in einem geradezu absurd hohen direkten Verhältnis stehen, hat bislang keine Regierung dazu bringen können, die idiotisch direkte Verknüpfung von Droge und Straßenverkehr in den Tankstellen abzuschaffen.

Eine unverschämte, tödliche Lüge
Nur zum Vergleich: Inzwischen sind, trotz massiver Tabak Lobby, die Werbe- und Verkaufsmöglichkeiten der Tabakindustrie eingeschränkt worden, nachdem sie jahrzehntelang mit Hilfe bezahlter und, in heutiger Trumpscher Sprechweise, gefakter wissenschaftlicher Untersuchungen die Öffentlichkeit bewusst täuschte - und ihr Handeln politisch lahmgelegte. Die Tabakindustrie hat Millionen von Menschen dazu gebacht, qualvoll und frühzeitig an unterschiedlichsten Erkrankungen zu sterben. Und dennoch dauerte es dauerte Jahre, bis die absurde These vom gesunden Passivrauchen, das angeblich die Widerstand- und Immunkräfte stärkt, als das entlarvt war, was es ist: eine unverschämte, tödliche Lüge.

Es gibt keinen guten Grund, überhaupt Alkohol zu trinken
Die möglichen Krankheitsfolgen beim Alkoholkonsum sind - übrigens auch ohne, dass man abhängig wäre - nicht weniger stark. Es gibt so gut wie kein medizinisches Fachbuch, das nicht erklärt, warum es keinen guten Grund gibt, überhaupt Alkohol zu trinken: sieht man von sozialen, kulturellen und von psychisch motovierten Gründen einmal ab. Aber der Rotwein ist doch gesund? Die roten Farbstoffe, die das Krebsrisiko mindern (während das tägliche Glas oder zwei das Krebsrisiko deutlich steigert) lassen sich auch auf andere Weise, als durch Alkohol zuführen - etwa durch Tomatensuppe (ohne Schuss Vodka).

Unser Verhalten ist zutiefst widersprüchlich, wenn es um Alkohol geht
Immer noch wird - wie seit Jahrhunderten - so getan, als sei Alkoholismus eine moralische Seuchem, aber keine Sucht. Immer noch werden Kinder gewarnt, Alkohol zu trinken, haben aber in jedem Supermarkt nahezu ungehinderten Zugang. Immer wieder passieren schwere Unfälle mit Todesfolge in Folge von Alkoholkonsum: aber Bier, Schnaps und Wein können in jeder Tankstelle gekauft, ins Auto mitgenommen und "vor Ort“ getrunken werden.

Ausweg aus der Abhängigkeit einer Sucht?
Klar ist auch, dass die Folgekosten der Alkoholsucht (ausfallende Arbeitsstunden, Krankheiten und Krankenhausaufenthalte, Unfälle, zerstörte Beziehungen und Familien und vieles andere mehr), die Einnahmen etwa durch die Alkoholsteuer oder den Verkauf von Alkohol, bei weitem übertreffen. Während jeder kleine Bankangestellte entlassen würde, wenn er ständig und bei vollem Bewusstsein immer nur Verluste produziert, geht das großflächige wirtschaftliche Suizidunternehmen "Alkoholwirtschaft" ohne Einschränkung weiter. Wir machen Miese, es sterben Menschen - und doch gibt es keine ausreichend starke und politisch erfolgreiche Gegenbewegung.

Diese Überlegungen betreffen vor allem die systemische Ebene der Gesellschaft und Kultur als Struktur. Also reine Theorie? Geht man tiefer hinein in die von Alkohol geprägten Schicksale betroffener Menschen, färbt sich die politisch-strukturelle Analyse mit einer abgründigen Traurigkeit. Um aus der Abhängigkeit einer Sucht herauszufinden, ist viel Kraft, Mut und Unterstützung notwendig - eine Unterstützung, die unsere Gesellschaft leider nur bedingt zu gewähren bereit ist. Unter dem Strich bleibt die Einsicht, dass Alkoholismus als gesellschaftlich-kultureller Ausweg weitgehend toleriert und Alkohol als profitables Wirtschaftsgut in erstaunlichem Maße uneingeschränkt gewollt wird. Es ist höchste Zeit, das zu ändern.





Sendedaten
"scobel"
Wissensmagazin immer donnerstags um 21.00 Uhr
Sendung zum Thema
© dpaVolksdroge Alkohol
Bis heute gibt Alkoholismus Forschern Rätsel auf
Innenansichten
Noch mehr Kolumnen
Warum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was ist genau an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Gedanken dazu niedergeschrieben.