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Wälder sind Netzwerke von Naturwesen - und das bedeutet Lebewesen.
Kolumne: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus
Gert Scobels Gedanken zu "Patient Wald"
Jeder scheint seine eigene Vorstellung vom Wald zu haben. Solche Vorstellungen sind geprägt von eigenen Erfahrungen - allen voran Kindheitserfahrungen, aber auch von Erzählungen, Mythen und Filmen. In David Lynch´s Kultserie Twin Peaks etwa spielt der Wald im Hintergrund mit - und ist, im wahrsten Sinn des Wortes, ein zwielichtiger, undurchsichtiger und dunkler Ort.
Richtig an solchen Vorstellungen ist, dass es einen "Wald an sich" oder einen "Urzustand des Waldes" nicht gibt. Was wir heute an Wäldern kennen, ist restlos mitgeprägt vom Einwirken des Menschen, und sei es nur indirekt über die Schwebteilchen in der Luft, die den Bäumen inzwischen auch im Regenwald zu schaffen machen. Wald ist kein reines Natur- , sondern immer auch ein Kulturprodukt. Er ist ebenso Gegenwelt zur Zivilisation - nämlich ungebändigte Natur - wie er selbst immer auch Teil der zivilisierten Welt und damit der Kultur ist.

Wälder sind in erster Linie lebendige, dynamische Systeme
Hansjörg Küster macht in seiner großartigen Buch "Geschichte des Waldes" darauf aufmerksam, dass es kein konstantes Wesen des Waldes gibt. Es gibt keine Essenz des Waldes, die sich durch Kunst oder Wissenschaft entdecken ließe. Wälder sind in erster Linie lebendige, dynamische Systeme. Damit ist ihr Hauptkennzeichen der kontinuierliche Wandel und die Veränderung - gleich ob diese Veränderung durch einen Evolutionsprozess ohne menschliches Eingreifen in Gang gesetzt wird, oder erst durch den Menschen selbst. Einen Wald, der unter den Einfluss des Menschen geraten ist, wieder in seinen "Urzustand" versetzen zu wollen, ist reine Fiktion. Denn einen festen Urzustand "des" Waldes gibt es nicht.

Tatsache ist, dass es einen fundamentalen Konflikt zwischen dem Bemühen gibt, den Wald naturnah zu belassen und dem Wunsch, ihn als Ressource auszubeuten und zu Geld zu machen. Es gibt Modelle, die zeigen, dass man beides durchaus zusammenbringen kann - aber es handelt sich dabei doch immer um ein komplexes und sensibles Gleichgewicht, das immer wieder neu austariert werden muss.

Blickt man einige Jahrzehnte zurück, dann kann man mit einem gewissen Stolz feststellen, dass es gelungen ist, den Wald heute wieder gesünder sein zu lassen, als in der Phase des Waldsterbens. Wir können also durchaus etwas tun, wenn wir nachhaltig denken und den komplexen Kreisläufen der Natur gerecht werden. Andererseits zeigt es sich nicht nur im Regenwald, dass wir weiterhin rücksichtslos handeln und bereit sind, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören: Wobei die Ironie darin liegt, dass der Gewinn wie meist nur von einer Elite abschöpft wird, in diesem Fall von der Elite der Waldbesitzer.

Der Allgemeinheit bringt das nichts. Wälder sind Netzwerke von Naturwesen - und das bedeutet Lebewesen, die in komplexen Beziehungen mit sich und ihrer Umwelt leben. Es liegt an uns, wie wir diese Beziehung aufnehmen. Ob wir den Wald naturnah und nachhaltig erhalten, ihn als reine Rohstoffquelle und Gelddruckmaschine sehen oder beides miteinander verbinden. Wir sind widersprüchlich, nicht der Wald selbst. Insofern stimmt es: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus.






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