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Frankenstein lässt sich ganz verschiedene Arten "lesen"
Kolumne: Statt Angst zu haben, sollten wir etwas verändern
Gert Scobels Gedanken zu "Die hysterische Gesellschaft"
Es gibt derzeit kaum einen Artikel oder ein Sachbuch, das ich zur Zeit in die Hand nehme, das keinen Verweis hat auf die Bodenlosigkeit, den Orientierungsverlust, die Komplexität und die mit Chaos und Unübersichtlichkeit verbundenen Erfahrungen der Angst. Tatsächlich ist der sichere Boden, auf dem wir stehen, in meinen Augen eine Täuschung. Absolute Gewissheit, geschweige denn Sicherheit, gibt es nur um den Preis dass wir uns selbst belügen.
Eine solche Vorstellung von Sicherheit ist nicht sicher, sondern eine selbstfabrizierte Illusion. Wie das funktioniert? In der Regel ist es ziemlich einfach. Man hört ab einem bestimmten Punkt einfach auf, weiter zu denken und zu fragen. Das ist der Punkt, den man als absolute Gewissheit setzt und von dem man ausgeht. Am Grunde unseres Zweifelns, sagte der Philosoph Ludwig Wittgenstein, liegt immer ein Handeln.

Leerstellen mit Geschichten füllen
Und die Angst? Sofern sie nicht klinisch oder pathologisch ist, kommuniziert sie auf eine sehr körperliche Weise das Gefühl der Boden- und Grundlosigkeit unseres Daseins. Für Lebewesen mit Bewusstsein kann das kaum anders sein. Wir haben weder eine klare Vorstellung von dem Zustand, in dem unser Leben beginnt, noch von dem Zustand, in dem es endet. Geburt und Tod sind für uns gleichermaßen Leerstellen, die wir nicht füllen können – es sei denn mit Erzählungen, Bildern und Geschichten. Insofern hängt vieles davon ab, welche Geschichten wir uns selbst erzählen. Denn fest steht, dass wir im Verhältnis zu uns selbst Geschichtenerzähler und Erzählerinnen sind – und bleiben werden.

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"Zukunft als Katastrophe"
Spannendes Buch von Eva Horn, das klüger macht.
Eine Reihe dieser Geschichten, die wir erzählen, ängstigen uns. Eine der großen, sehr aktuellen Geschichten ist die von Frankenstein. Eva Horn, Gast in meiner Sendung, erinnerte in einem Interview (FAZ vom 18.11.2015) an die Position des Philosophen und Soziologen Bruno Latour. Dieser habe mit Blick auf den Frankenstein-Mythos bemerkt: "Wir können die Geschichte von Frankensteins Monster auch anders lesen, eben nicht als Geschichte über die Erschaffung einer bösen Kreatur, sondern als Geschichte eines Menschen, der ein Monster baut und dann wegläuft und das von ihm Geschaffene sich selbst überlässt."

Statt die Zukunft sich selbst zu überlassen, können wir sie gestalten – zum Beispiel indem wir dem, was wir (noch) nicht greifen können und was uns Angst macht, zu einem fassbaren Ausdruck, einem Bild oder Begriff verhelfen. Damit können wir weiter arbeiten und das Bild verändern. Wir können auf eine neue Weise handlungsbereit werden - vorausgesetzt wir erkennen unsere Bilder und Fiktionen als das, was sie sind: Fiktionen. Nur dann können wir sie auch richtig verstehen als eine Möglichkeit, in einem gefühlt realistischen (wenn auch in Wahrheit fiktiven) Szenario - als die Katastrophe, vor der wir uns fürchten, wie von innen zu erleben und zu verstehen, was passieren wird, wenn wir die falsche Entscheidung getroffen haben werden. Fiktionen könnten uns also helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und richtig zu handeln: Und zwar genau von jetzt an.

Die Welt ist weiter, als wir denken
Und die Angst? Das Wort leitet sich vom althochdeutschen Wort für Enge ab. Das Gegenteil von Angst, wäre also eine Stimmung, die uns wieder weit und offen macht: Humor beispielsweise. Sie müssen sich keine Sorge machen, geschweige denn Angst haben, dass ich Ihnen zum Abschluß noch einen Witz erzähle. Obwohl gute Geschichten ebenso wie Filme, Gedichte der Kunstwerke den Blick weiten und uns helfen, neue Möglichkeiten, neue Handlungsoptionen zu entdecken. Nicht nur Geschichten, auch die Welt ist weiter, als wir denken. Geschichte ist am Ende nur das Ergebnis all der vielen Geschichten, die wir tagtäglich inszenieren und denen wir folgen. Diese Geschichten können wir ändern. Statt als Couchpotatoes im Kino die Klimakatastrophe in 3 D zu genießen, können wir alle gemeinsam etwas dagegen tun; statt in einen Zustand der Schockstarre zu verfallen, weil wir uns vorstellen, dass wir doch eigentlich Angst haben sollten, können wir uns aufmachen und etwas verändern. Und zwar Jetzt.

Sie werden die erstaunliche Erfahrung machen, dass uns unser gemeinsames Handeln deutlich angstfreier machen wird.





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© ddp images Die hysterische Gesellschaft
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