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Es geht längst nicht immer nur um Emotionen, die das Denken blockieren.
Kolumne: Licht in das Dunkel der Verzerrungen bringen
Gert Scobels Gedanken zu "Wie frei sind meine Entscheidungen?"
Die meisten Menschen sind fest davon überzeugt, dass ihr Denken in richtigen Bahnen läuft, wenn sie es nur "logisch" genug anlegen. An dieser Ansicht, die sich im Grunde nur an die viel gepriesene Souveränität der Rationalität hält, wäre nicht viel auszusetzen _- gäbe es nicht ein ganzes Arsenal von sogenannten "kognitiven Verzerrungen".
Darunter versteht man unbemerkte Veränderungen der Rationalität, die häufig zu erheblichen Fehlurteilen und in der Folge auch zu falschen Entscheidungen führen. Ein einfaches Beispiel, das mit Absicht "dröge" ausfällt und keine emotionale Komponente (und damit auch keine Möglichkeit zu einer emotionalen Verzerrung) beinhaltet ist 8! - gesprochen 8 Fakultät. Darunter versteht man die Multiplikation aller Zahlen von 1 bis 8 miteinander. Da die Faktoren vertauscht werden können, ist es mathematisch betrachtet völlig unerheblich ob ich "8 mal 7 mal 6 mal 5 mal 4 mal 3 mal 2 mal 1“ schreibe oder "1 mal 2 mal 3 mal 4 mal 5 mal 6 mal 7 mal 8". Natürlich handelt es sich um dieselbe Zahl und das Ergebnis beider Rechnungen ist identisch.

Lässt man jedoch zwei Gruppen die Zahl schätzen (das Ergebnis ist 40320), dann erhält man völlig verschiedene Schätzungen. Wer mit 8 anfängt schätzt die Zahl weitaus höher als die Gruppe, die mit 1 beginnt. Ergebnis: Selbst bei Zahlen macht die Verpackung unglaublich viel aus. Mit der "großen" 8 hat man einen anderen "Anker" geworfen als mit der "kleinen" 1. Und diese Verankerung verzerrt die weitere Wahrnehmung.

Wir wollen Informationen glauben, die unsere Meinung bestätigen
Wenn Sie bei Wikipedia den einschlägigen Artikel lesen, dann finden sich dort über 20 verschiedene Typen von Verzerrungen. Neben der Ankerheuristik etwa der sehr weit verbreitete "Bestätigungseffekt" oder "confirmation bias".Es ist doch klar, dass es die Klimakatastrophe nicht gibt, weil ein paar findige Geschäftsleute das Märchen vom Klima erfunden haben, um uns Europäer oder uns Amerikaner oder wer immer sich von den "Guten" angesprochen fühlt, in den Ruin zu treiben. Auch die Filterblase ist im Grunde ein gut versteckter, technologisch aufgemotzter Bestätigungseffekt.

Auch wenn viele mit den Achseln zucken werden bei dem Thema "kognitive Verzerrung", ich bin davon überzeugt, dass die Zeiten selten so gut waren wie heute, um damit zu beginnen, sich ausgiebig damit zu befassen. Die politischen Debatten sind voller Bestätigungs- und Framing-Effekte. Es geht längst nicht immer nur um Emotionen, die das Denken blockieren (so häufig das auch der Fall sein mag). Es geht mindestens ebenso sehr um kognitive Verzerrungen, die umso gefährlicher sind, als wir sie nicht wahrnehmen. In das Dunkel der Verzerrungen will die Sendung "Wie frei sind meine Entscheidungen?" ein wenig Licht bringen - damit es im Dialog am Ende vielleicht doch etwas kritischer und am auch menschlicher zugeht.






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