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Formen von Missachtung, mangelnder Anerkennung und Gewalt trifft am Ende alle.
Kolumne: Es lebt sich besser, wenn es überall fair zugeht
Gert Scobels Gedanken zu "Tod des Feminismus"
Wenn ich überlege, welchen Wirbel eine Sendung über Emanzipation bereits Tage vor ihrer Ausstrahlung in den Köpfen mancher Männer auslöst, dann scheint eigentlich nur eine Schlussfolgerung möglich: Es müsste jeder Tag Weltfrauentag sein.
Ein Blogger beispielsweise fordert, dass ich mich mit meinen einseitigen - und daher faschistoid-stalinistischen Ideen - doch endlich an den Rundfunkstaatsvertrag halten solle. In seinen Augen bedeutet das: Wenn eine Frau, die für die Emanzipation ist, in die Sendung eingeladen wird, muss gleichermaßen auch ein Mann eingeladen werden, der gegen die Emanzipation ist. Ich vermute, das bedeutet in der Vorstellung des Bloggers, dass es sich um jemanden handeln sollte, der Sexismus gut findet und - das war die Forderung - zeigen kann, dass Frauen nicht nur absolut dieselben Rechte haben (was weitgehend stimmt), sondern diese Rechte auch verwirklicht sind (was, Stichwort Gender Pay Gap, nicht stimmt).

Es kann nur einen Sieger geben
Was diesen Blogger und andere Antifeministen auszeichnet, ist die Idee, dass die Welt nach dem Grundgedanken der manichäischen Lehre funktioniert: das Reich des Lichts (in dem Fall: der armen Männer) steht in Opposition zum Reich der Finsternis (in diesem Fall: der Frauen und der Männer, die sie unterstützen).

Die Welt ist ein Kampf zwischen diesen beiden Polen – und es kann nur einen Sieger geben. Daraus folgt, dass jede Form von Unterhaltung - oder, im Sinne eines Argumentes - jeder Austausch von Argumenten, sich grundsätzlich im Modus des Streites zu vollziehen hat. Auch im Fernsehen. Was diese und andere Blogger zweitens auszeichnet, ist die seltsame Vorstellung, dass der Rundfunkstaatsvertrag, sowie die journalistische Pflicht, es erforderlich machen, zu jeder Stimme eine entsprechende Gegenstimme einzuladen.

Manchmal muss man eben warten
Richtig daran ist, dass man Argument und Gegenargument kennen und häufig auch darstellen muss. Es ist jedoch keineswegs immer notwendig. Wenn ich davon ausgehe, dass die Erde eine Kugel ist, muss ich keineswegs - um der Ausgewogenheit willen - auch all die zu Wort kommen lassen, die immer noch der Ansicht sind, es handele sich um eine Scheibe.

Das Bild aus dem Weltall reicht. Es zeigt die Erde als runden Planeten – und ich bin weder aus einer journalistischen Logik heraus, noch juristisch aufgrund des Rundfunkstaatsvertrages verpflichtet, Anhänger der "die-Erde-ist-aber-eine-Scheibe"-Weltsicht zu Wort kommen zu lassen. Wer in einem solchen Fall von Lügenpresse, Unterdrückung, Stalinismus etc. redet, mag das tun. Antworten muss man darauf nicht zwingend, allein schon deshalb nicht, weil Menschen, die sich so verhalten, als ob die Erde eine Scheibe wäre - und Angst vor dem Sturz ins Nichts, oder den großen Wasserfällen an den Rändern dieser Scheibe haben, schlicht in ein oder zwei Generationen ausgestorben sein werden. Manchmal muss man eben warten.

Gleicher Lohn für noch mehr Konsum
Das Problem beim Thema Feminismus, um das es ja geht, sind allerdings nicht nur (wenn auch überwiegend) die Männer. Delia Fischer, ehemals Redakteurin bei ELLE und ELLE Dekoration, ist Gründerin des Unternehmens Westwing. 1500 Angestellte, rund 220 Millionen Umsatz - und echte Frauenpower. Gestern traf dann passend zum Weltfrauentag per Email die Message ihres hippen & stylischen Wohn-, Deko- und Living-Frauen-Konsum-Internet-Unternehmens ein. Wörtlich hieß es: "Weltfrauentag: Der Traum vom begehbaren Kleiderschrank". Eine solche Nachricht ist ebenso beschränkt, wie der Aufruf, die Welt als einen großen begehbaren Kleiderschrank zu sehen, in den man möglichst viele Konsumartikel hängt.

Ähnlich verdummend war die Werbung einer bekannten Kosmetikkaufkette, die den Weltfrauentag mit 20 Prozent Rabatt auf dekorative Beauty Produkte feiert und mit einem Gratis Statement-Schlüsselanhänger, auf dem die geradezu unglaubliche Message steht: "I am a Woman." <

Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer: so wird es leider nichts. Weder ist Kosmetik der Kosmos der Frau, wie Karl Kraus bemerkte, noch ist Konsum ihre einzige Bestimmung. Und wenn, müssten sie dann nicht alle für gleichen Lohn von Männern und Frauen eintreten, damit Frauen auch mehr konsumieren können?

Ich empfehle, den direkten Ausweg aus dem Kleiderschrank zu suchen und stattdessen - als Antidummheitstonikum und Türöffner zur Welt - den zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung zu lesen. Das mag unsexy klingen, hat aber nicht nur den Vorteil gratis zu sein, sondern auch aufzuklären und zu bilden. Bei Licht besehen, ist der Bericht eher erschreckend – so hoch sind die Diskrepanzen zwischen dem, was theoretisch gleichberechtigte Männer und Frauen tatsächlich tun und was sie verdienen (ein Umstand, den der geschätzte Blogger selbstverständlich als Lügenpressenstatememt - und in dem Fall als Propagada des politischen Establishments ablehnen würde).

Schluss mit begehbaren Kleiderschränken
Weniger Lohn, Auswege aus dem Mindestlohn und infolge der Minijobs am Ende auch deutlich schlechtere Renten: diese und andere Verzerrungen sind schlecht für uns alle. Dasselbe gilt für Sexismus, Vergewaltigung und alle anderen Formen von verbaler, psychischer und physischer Gewalt gegen Frauen. All diese Formen von Missachtung, mangelnder Anerkennung und Gewalt trifft am Ende alle. Es lebt sich für uns (und unsere Kinder) besser, wenn es – überall! - fair zugeht. Ich denke, es ist an der Zeit dass wir aufhören, ein rückständiges Emanzipations-Entwicklungsland mit begehbaren Kleiderschränken zu sein.



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