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Komplexe Probleme machen nicht an der Haustür einer einzelnen Disziplin halt.
Kolumne: Komplexe Probleme zusammen lösen
Gert Scobels Gedanken zu "Gemeinsam zu neuen Erkenntnissen"
Interdisziplinär zu denken, zu forschen oder gar zu sein (was auch immer ein solches "interdisziplinäres Sein" ist), klingt gut, geradezu cool. Interdisziplinarität ist ein Modewort. Es zeigt die Richtung an, in der die Zukunft der Forschung zu finden sein wird.
Kein großer Forschungsantrag ist heute denkbar, der nicht die interdisziplinäre Perspektive und damit Exzellenz betont. Fragt man jedoch nach, wird man bald enttäuscht feststellen müssen, dass vieles bloße Fassade ist; dass interdisziplinäres Forschen darin besteht, sich hin und wieder eher missgelaunt zu treffen und auszutauschen, wobei man die Paper lieber nicht gemeinsam schreibt, sondern sich die Textmodule per Email schickt. Was unser empirisches Wissen über interdisziplinäres Forschen angeht, sieht es ebenfalls eher bescheiden aus. Warum eigentlich?

Die Erfahrung findet eher nicht statt
Im September 2015 berichtete die Sozialwissenschaftlerin Ana Viseu in "Nature" (Vol 525, 291) von ihren Erfahrungen, als Kulturwissenschaftlerin und Soziologin, eingebunden zu werden in ein (interdisziplinäres) Forschungsprojekt einer technologischen Fakultät an einer US Universität und in der National Nanotechnology Infrastructure Network. Ihr Fazit nach mehreren Jahren der "gemeinsamen" Forschung ist, bei Licht besehen, desaströs. Wenn soziale Perspektiven in empirisch-technologischen Forschungsprojekten aufscheint, dann in Form "der Gesellschaft" außerhalb des Instituts, deren Interessen man (leider) eben auch "bedienen" muss, um erfolgreicher zu sein, als andere. Mehr noch: Soziologie wird statt als empirische Wissenschaft mit eigenen Methoden als Marketingtool gesehen, das dabei helfen soll, am Ende Produkte besser auf dem Markt platzieren zu können. Soziologen sind die, die sich um die Gesellschaft kümmern sollen - aber in der Forschung selbst (die immer eine soziale Dimension hat, Stichwort Verantwortung des Forschers) nichts zu suchen haben. Genuine Integration, so die Erfahrung von Viseu, fand nicht statt.

Misstrauen, Missgunst, Verdächtigungen
Entscheidend waren dabei nicht zuletzt Fragen, die auf den ersten Blick nebensächlich erscheinen- etwa die Frage, wer die Forschung finanziert? Von einer Kollaboration von Gleichen auf Augenhöhe konnte keine Rede sein, so das Fazit von Viseu, die immerhin selbst Professorin in Lissabon ist. Dabei ist für sie klar, dass Komplexität nicht nur ein abstraktes Schlüsselkonzept ist, sondern ein höchst reales und zentrales Problem in jedem Forschungsunternehmen, das umfassenderen Fragestellungen nachgeht. Die Komplexität erhöht sich noch, wenn es um Fragen der praktischen Anwendung und Integration in Gesellschaft und Kultur geht. Faktisch aber ist die Zusammenarbeit von Forscherinnen und Forschern aus unterschiedlichen Disziplinen häufig gekennzeichnet von Misstrauen, Missgunst, Verdächtigungen und einem harten Kampf um Gelder.

Schlusslicht in Sachen interdisziplinäre Forschung
Mit dem Hinweis auf die fünf Prinzipien einer offeneren Ausbildung, eines konstruktiven Dialogs, institutioneller Unterstützung, gemeinsamer Missionen und verstärkter "Bridge Research", also Erforschung von Verbindungen zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Alltagspraxis, mag einiges gewonnen sein ("Nature" Vol 525, 315 f). Doch die alleinige Lösung des Problems ist es nicht. Wenn die Zahlen, die "Nature" präsentiert, auch nur ansatzweise stimmen, bildet Deutschland weit hinter Indien, China, Brasilien, den USA oder Japan das Schlusslicht in Sachen interdisziplinäre Forschung. Eine Auswertung von entsprechenden Veröffentlichungen ergab einen Anteil von etwa 8,5 Proeznt interdisziplinäre Forschung in Deutschland gegenüber 13 Prozent in Indien.

Hier kenne ich mich nicht aus
Es würde daher lohnen, Methoden und Strategien inter- und transdisziplinärer Forschung stärker zu erforschen - und bereits bei der Ausbildung von Studenten zu bedenken. Statt ein cooles, modisches Accessoire der Antragsprosa von Forschungsprojekten zu sein, käme es darauf an, wirkliches Zusammendenken und Multiperspektivität zu fördern. Das kann jedoch nur gelingen, wenn alle Beteiligten mit einem Mindestmaß an Achtung rechnen können. Aus dem Umfeld einiger Forscher, die sich um Interdisziplinarität bemühen, weiß ich, dass das keineswegs eine selbstverständliche Voraussetzung für die Zusammenarbeit ist. Mehrfach habe ich auch gehört, dass Anträge, die "zu" interdisziplinär waren, nicht selten abgelehnt wurden. Der Grund dafür ist klar: Niemand fühlt sich alleine zuständig für das Thema - was eine Umschreibung der Tatsache ist, dass alle nur ungerne zugeben, sich nicht auszukennen. Eigene Unkenntnis einzugestehen, wenn es um den Umgang mit einem komplexen Problem geht, das eher entfernt von der eigenen Kerndisziplin entstanden ist, aber dennoch mit ihr zu tun hat, ist ein no go. "Hier kenne ich mich nicht aus" war nach Ludwig Wittgenstein ein Kernsatz philosophischer Forschung. In vielen empirischen Wissenschaftsbereichen herrscht immer noch die Ansicht vor, solche Zustände müsse man weiträumig umgehen - oder, falls das schwieriger als gedacht ist, verdrängen. Das gelingt immer dann, wenn es keine Forschungsgelder für entsprechende Projekte gibt.

Es wird Zeit, dass sich das ändert. Denn komplexe Probleme machen, vor allem wenn sie mit unserer alltäglichen Lebenspraxis zu tun haben, nicht an der Haustür einer einzelnen Disziplin halt. Sie verfallen nicht an der Disziplinenschranke in Schockstarre bis man sich ihrer erbarmt und jemand sie dort abholt, wo andere sie stehen gelassen haben. Komplexe Probleme erfordern ein inter- und transdisziplinäres Denken: erfordern den Mut, ernsthaft zusammen zu arbeiten und sich aus unterschiedlichen Perspektiven einem Problem zu nähern – auch auf die Gefahr hin aus dem Weg dahin nicht nur einmal sondern immer wieder für dumm gehalten zu werden.

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