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Fest steht, dass Fiktionen unsere Wahrnehmung des Alltags steuern.
Kolumne: Nach welchen Mythen wollen wir leben?
Gert Scobels Gedanken zu "Die Unsterblichkeit der Mythen"
Machen Sie mal ein Experiment: Gehen Sie durch eine Stadt. Ihre Aufgabe ist es, zu beobachten, d.h. zu schauen und zu betrachten - sonst nichts. Sie werden feststellen, dass Sie statt lediglich etwas zu sehen, unentwegt in Gedankenwolken und Vorstellungen versinken. Und Sie werden feststellen, dass diese Gedanken mehr Macht haben, als Sie vermutet hätten.
Sie lenken ihren Blick und verändern das, was Sie sehen. Konsumgüter sind nicht (nur) deshalb erstrebenswert, weil Sie das "Ding an sich" haben wollen, etwa weil Sie endlich wieder eine Uhr oder ein Telefon brauchen (viele Menschen haben bereits mehrere davon). Sie wollen etwas haben, weil es ein Versprechen beinhaltet.

Sie sehen also die Dinge plus dem, was Sie in die Dinge projizieren und als Versprechen wahrnehmen. Erfüllen Sie sich den Wunsch, dann - so das (in 99 % falsche) Versprechen - werden Sie nach dem Kauf glücklicher sein. Das Ergebnis Ihres Experimentes in der Stadt: Sie müssen feststellen, dass Sie zwar in der Wirklichkeit leben, aber zugleich auch mehr oder minder stark im Fiktiven verankert sind. Sie leben in der Wirklichkeit und in der Welt der Vorstellungen, der Tagträume und im Raum der Mythen.

Wir leben in der Matrix
Damit ist die zentrale Frage gegeben, vor die die Auseinandersetzung mit Mythen führt: was ist Wirklichkeit, was Fiktion - und wo genau verläuft die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit? Im Wesentlichen gibt es darauf zwei sich widersprechende Antworten. Auf der einen Seite behauptet der sogenannte radikale Konstruktivismus, dass alles, was wir wahrnehmen und für die Welt halten, reine Konstruktion ist. Wir kennen nicht die Welt (die Dinge an sich) sondern lediglich unsere Wahrnehmungen von ihr. Wir leben in der Matrix. In der idealistischen Variante ist die Welt eine Konstruktion unseres Geistes. In der materialistischen eine Projektion unseres Gehirns. In beiden Fällen aber ist das Prinzip der Konstruktion bestimmend. Was da draußen "wirklich" ist, weiß das Ich nicht.

Auf der anderen Seite steht der neue Realismus. Er behauptet, dass die Wirklichkeit sich natürlich nicht naiv - einfach als das zeigt, was wir wahrnehmen. Aber es gibt eine Wirklichkeit oder genauer: es gibt eine Vielzahl von Realitäten. Wenn man sich seine Hand an der Herdplatte verbrennt, dann verbrennt man seine Hand wirklich an einer wirklichen Herdplatte. Es ist dabei nicht zwingend, dass die verschiedenen Wirklichkeiten alle widerspruchslos zusammenhängen oder in einer einzigen Wirklichkeit (Welt genannt) zusammen laufen müssen. Im Gegenteil. Bleibt die Frage: Was ist das Reale? Wie haben wir Zugang zu ihm?

Fest steht, dass Fiktionen unsere Wahrnehmung des Alltags steuern. Sie sind Koproduzenten der Mythen des Alltags, die der französische Philosoph und Semiotiker Roland Barthes in seinem berühmten Werk "Mythen des Alltags" beschreibt. Doch das ist nur ein Teil dessen, was Fiktionen bewirken. Als Mythen helfen stellen sie Handlungsmodelle bereit und helfen, uns in einer komplexen, oftmals widersprüchlichen Welt zu orientieren. Ein solcher, weltweit verbreiteter und in nahezu allen Kinohits der letzten 20 Jahre eingesetzter, Mythos ist der von der Reise des Helden. Dieser Heldenmythos, der in gewisser Weise das Abenteuer des (eigenen) Lebens strukturiert, ist weltweit als Lebensmodell in Gebrauch. In Dramen und Romane, Computerspielen oder Erfolgsfilmen wie Krieg der Sterne, Titanic, Pulp Fiction oder Herr der Ringe - all diese Filme folgen dem dramaturgischen Muster, dass der Mythenforscher Joseph Campbell 1949 in seinem Buch "Der Held in 1000 Gestalten" erstmals beschrieb.

Wir erzählen unsere eigene Geschichte
Inzwischen hat es in Hollywood die klassisch aristotelische Drei-Akte-Dramaturgie abgelöst und durch die zehn Schritte der Heldenreise ersetzt, die sich nur ansatzweise mit der Vorstellung des Aristoteles verbinden lassen. Campbell korrespondierte zu seiner Zeit mit Thomas Mann und vielen deutschen Gelehrten - und galt als er 1987 starb weltweit als einer der großen Mythenspezialisten. Er war gut mit George Lucas, dem Regisseur der Stars-Wars-Filme befreundet und wohnte längere Zeit auf dessen Skywalker Ranch im kalifornischen Marin County. Nicht nur die Filme von Lucas sind beliebt, weil sie helfen, das Abenteuer unseres eigenen Lebens zu deuten. Menschen sind im Verhältnis zu sich selbst Geschichtenerzähler – genau wie unsere Vorfahren es waren. Die Frage nach uns selbst - danach, wer wir sind - beantworten wir dadurch, dass wir auf die Karte unseres individuellen Genoms zeigen. Wir antworten, indem wir eine Geschichte, unsere Lebensgeschichte, erzählen.  

Die Muster, nach denen wir die Welt interpretieren
In dem berühmten Gedicht "The Speed of Darkness", die Geschwindigkeit der Dunkelheit, schrieb die Schriftstellerin und Aktivistin Muriel Rukeyser: "The world is made of stories, not atoms". Die Welt ist aus Geschichten gemacht, nicht aus Atomen. Nicht aus Atomen, werden Sie fragen? Natürlich ist sie aus Atomen gemacht! Stimmt. Aber nur, weil Atome nach langem hin und her inzwischen zu den wirklich erfolgreichen Geschichten gehören. Denn Atome kann man nicht sehen. Man braucht Fiktionen, Theorien, Geschichten, um die Welt als ein Zusammenspiel von Atomen deuten zu können. Im Alltag haben Fiktionen und Mythen deshalb große Bedeutung für uns, weil sie inmitten der Komplexität unseres Lebens einfache - und häufig leider zu einfache Antworten - bereit halten und für unser den Alltag Lebensmodelle darstellen. Wir sollten daher nicht nur auf Fakten wert legen, sondern auch darauf, gute und packende Geschichten zu erfinden, die von einer positiven Zukunft erzählen, etwa von einem guten, friedlichen Zusammenleben miteinander und mit der Natur. Nur wenn die Fakten und die Geschichten stimmen, können wir etwas ändern. Am Ende aber sind Sie es selbst, der bzw. die entscheidet, nach welchen Mythen Sie leben wollen. Wir sollten daher nicht nur im Umgang mit Fakten und Wissenschaft sorgfältig sein, sondern auch im Umgang mit den Geschichten, durch deren Muster wir die Welt interpretieren.

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