"Wer Glück verstehen will, muss wissen was Unglück ist."
Kolumne: Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt
Gert Scobels Gedanken zu "Das Versprechen vom Glück"
Vor wenigen Jahren noch war Glück ein regelrechtes Modethema. Es war, als sei die Frage, was glücklich macht und zum guten Leben beiträgt, gerade neu entdeckt worden. Dabei gab es schon lange eine Reihe von wissenschaftlichen Erkenntnissen, von denen jedoch überraschend wenig Kenntnis genommen wurde. Inzwischen ist die Welle deutlich abgeebbt.
Erstaunlicherweise liegt das nicht daran, dass die Deutschen weniger glücklich sind und daher das Interesse an der Frage nach Glück verloren haben. Vertraut man dem Glücksatlas der Deutschen Post - seit Jahren lässt sie die Frage nach Lebenszufriedenheit und Glück wissenschaftlich valide erheben und auswerten - dann hat der Glücksindex sogar 2016 zum ersten mal seit Jahren zugenommen. Erstaunlich, da gerade 2016 ein eher krisengeplagtes Jahr war.

"Nur wer tugendhaft lebt, kann auch glücklich werden"
Fragt man Fachleute - und insbesondere Philosophen - nach dem Glück und seiner Bedeutung, erhält man derzeit eher abweisende Antworten - vielleicht als Reaktion auf die Glücks-Modewelle. Glück sei philosophisch eher ein Randthema und interessiere nicht wirklich, heißt es. Diese Reaktion erinnert an die Äußerung des Philosophen und Ökonomen John Stewart Mill, der gemeint hatte, man könne auch gut ohne Glück auskommen: denn 19 Zwanzigstel der Menschheit würden ohnehin genau das tun - sie müssten faktisch ohne jedes Glück auskommen.

Trotz gewisser struktureller Ähnlichkeiten variieren die Definitionen von Glück im Detail erheblich. Im Groben lassen sich hedonistische Varianten - Glück als Glücksgefühl und Genuss - von Glück im Sinne von einem - zufälligerweise für mich guten Ereignis - unterscheiden. Die dritte große Richtung, zumindest im westlichen Sprachraum, folgt dem Glücksverständnis des Aristoteles: nur wer tugendhaft lebt, kann auch glücklich werden. Glück war für Aristoteles eine Qualität bzw. Eigenschaft des Lebens, die sich genauer beschreiben und durch entsprechende Übung auch erreichen lässt. Glück wäre demnach die Folge einer bestimmten Einstellung und eines entsprechenden Verhaltens. Einen gemeinsamen Nenner gibt es bei allen Definitionen von Glück: zu leiden ist schlecht. Nicht zu leiden oder sogar glücklich zu sein ist in jedem Fall vorzuziehen.

Glück erfordert ein hohes Maß an Realitätssinn
Ich selber neige zu der Ansicht, dass die Fähigkeit glücklich zu sein, kaum Beachtung finden würde, wenn sie sich nur unter günstige Umständen einstellen kann. Mit der Frage nach dem Glück ist daher immer auch eine weiter Frage verbunden: die Frage, wie man glücklich sein kann wenn es doch offensichtlich soviel Leid in der Welt gibt: das Leid der anderen wie das eigene, das zumindest mit Blick auf den Tod unabwendbar ist.

Weil die Natur des Glücks jedoch einem dialektischen Prinzip folgt (wer Glück verstehen will, muss wissen was Unglück ist), hat es mir immer eingeleuchtet, dass eine Analyse des Gegenteils - der Natur des Leides - hilfreich ist. Der buddhistischen Lehre zufolge hängt die Fähigkeit, glücklich zu sein, nur wenig von den äußeren Lebensumständen ab. Eine Bedingung für Glück ist vielmehr die Fähigkeit, die wirkliche und damit wandelbare Natur der Dinge bis auf den Grund zu erkennen. Glück erfordert daher ein hohes Maß an Realitätssinn.

In jedem Augenblick das Leben schätzen
Ein Glück, das sich nur durch Weltflucht einstellen würde - oder dadurch, dass man überwiegend im Fiktiven und in Vorstellungswelten lebt, ist illusionär. Solches Glück bewirkt auf Dauer, dass Gegenteil von dem, was es zu sein vorgibt. Aus diesem Grund wird im Buddhismus wie in vielen anderen spirituellen Traditionen ein großes Gewicht auf die Klärung des Geistes und auf Realitätssinn und Pragmatismus gelegt. Nur wenn der Geist bzw. das Bewusstsein ruhig sind, lassen sich die beunruhigenden und leidvollen Bewegungen der Welt so bewältigen, dass sie nicht alles mit sich reißen. Was das im einzelnen bedeutet, darüber lässt sich lange diskutieren.

Immerhin haben die Neurowissenschaften mit der Erforschung von Meditation und Achtsamkeit zumindest Anhaltspunkte geliefert für ein empirisch fundiertes Verständnis der Übungen, mit deren Hilfe der Geist beruhigt werden kann. Es ist hilfreich, in jedem Augenblick die Fülle des Lebens - das Leben selbst - zu schätzen, obwohl man weiß, dass sich alles verändert. Diese Haltung ist eng verbunden mit der Kultivierung von Weisheit. Weise Menschen schaffen es, sich unabhängig zu machen und zu lösen von der Angst vor Veränderungen, vor neuem Leid und, in letzter Konsequenz, vor dem Tod. Die Sendung alleine wird Sie sicher nicht weiser machen. Vielleicht finden Sie aber durch sie einen Ansatzpunkt, den sie weiter verfolgen können und einen Anker, der Ihnen Orientierung gibt. Ansonsten gilt, was immer gilt: auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Aber den kann man sich nicht vorstellen, man muss ihn machen, um von der Stelle zu kommen.






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