© colourbox.de
Die Planung der Zukunft erfordert viel Phantasie von uns.
Kolumne: Im Verstehen komplexer Systeme stehen wir erst am Anfang
Gert Scobels Gedanken zu "Schöne schreckliche Zukunft"
Kann der Mensch seine Zukunft überhaupt planen? Soll er es? Über Fragen wie diese wird seit Jahrhunderten nachgedacht. So ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung im Umfeld philosophischer Spekulationen entstanden.
Wenn sich an den Fragen überhaupt etwas geändert hat, dann lediglich eines: in der Moderne ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass die Frage nach der Zukunft und der Planbarkeit des vielfältigen, immer wieder überraschend anders verlaufenden Lebens - auf ein sehr grundlegendes Problem verweist, das bislang wenig in den Blick geriet. Genauer gesagt: Es konnte nicht präziser in den Blick geraten, weil die Mittel fehlten, dieses Problem deutlicher zu definieren, geschweige denn zu lösen. Ich meine das Problem der Komplexität der Welt.

Komplexität ist etwas völlig anderes als Kompliziertheit
Eine mechanische Uhr kann kompliziert sein, ein Fernseher oder ein Auto. Aber all diese Systeme sind, für sich betrachtet, lineare Systeme, die nach einem geeigneten Input (ich ziehe die Uhr auf) immer denselben Output bieten (die Uhr zeigt mir die Zeit korrekt an). Komplexe Systeme aber zeichnen sich nicht nur durch eine große Vielzahl einzelner, miteinander vernetzter Elemente aus, sie haben vor allem auch die Eigenschaft, sich dynamisch und nicht-linear zu entwickeln.

Anders ausgedrückt: während ein Auto als System einzelner Teile sich nur wenig verändert (beispielsweise indem es rostet oder Teile abnutzen), verändert sich das Auto samt Fahrer als Einheit im Verkehr laufend. Auto und Fahrer interagieren mit der Umwelt, die sie durch das eigene Verhalten (rücksichtsloses Überholen) verändern (andere werden gezwungen, zu bremsen). Komplexe Systeme sind interaktiv - und sie reagieren (wie beispielsweise in Prozessen des ökologischen Gleichgewichts) bereits dann als System, wenn eine Vielzahl ihrer einzelnen Elemente noch in einem unverändert gleichförmigen Zustand verharrt.

Es ist die Komplexität dynamischer Systeme, die die Planung der Zukunft so erschwert. Auf einer sehr grundsätzlichen Ebene kann man sagen, dass selbst die Physik mechanischer - und damit berechenbarer Systeme - auf einer unberechenbaren Bewegung beruht. Und selbst einfache Systeme wie ein sogenanntes Doppelpendel sind bereits prinzipiell unberechenbare Systeme: der genaue Verlauf der Schwingungen (und damit die Zukunft des Schwingungsverhaltens) lässt sich nicht im voraus berechnen.

Unser Bewusstsein für die Komplexität der Welt wächst
Für die Frage nach dem Umgang mit der Zukunft, ergibt sich daraus meines Erachtens eine weitere Frage: Sind wir in der Lage, die Komplexität der realen Welt, die die Komplexität unserer "künstlichen" Systeme - wie etwa das Bank- und Finanzsystem - weit übertrifft, zu verstehen und gegebenenfalls nachhaltig zu steuern? In meinen Augen ist die Moderne die Zeit der gesteigerten Komplexität. Damit ist nicht notwendig gemeint, dass die Komplexität der Welt in allem zunimmt (unsere Zellen funktionieren so wie schon vor Tausenden von Jahren) - wohl aber, dass unser Bewusstsein für die Komplexität der Welt wächst.

Fazit: Es müsste ein Anliegen von Wissenschaft, Bildung und Politik sein, das Problem der Komplexität der Welt, das sich in allen Bereichen des Lebens findet, in vollem Umfang in den Blick zu bekommen. Auch wenn viele Politiker es nicht bemerken: auch Politik ist ein komplexes System, das einer Dynamik folgt, die längst noch nicht verstanden ist. Der Grund dafür ist aber nicht schlichtes Unwissen, sondern die Dynamik des Komplexen.

Können wir also die Zukunft planen?
Vieles spricht dafür, dass wir es nicht in gewünschter Weise können. Ist es möglich, ein Endlager zu finden, in dem der für 30.000 Generationen tödlich gefährliche radioaktive Abfall sicher gelagert werden kann? Ein Blick auf den bisherigen Verlauf der (bewussten) Geschichte des Menschen zeigt, dass diese Erwartung sehr unwahrscheinlich ist.

Bis wir weiter sind, wird es also dabei bleiben, dass bereits der Erhalt der Gegenwart, insbesondere aber die Planung der Zukunft, viel Phantasie von uns erfordert. Wir müssen sie systematisch entwickeln und schulen. Nur so können wir den neuen Herausforderungen begegnen - insbesondere denen, die noch unausdenkbar sind. Aber der Möglichkeitssinn ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen müssen wir einen mindestens ebenso guten Wirklichkeitssinn entwickeln: ein Gespür für Genauigkeit und Realität. Erst wenn wir beides zusammenbringen, haben wir Chancen, dem, was auf uns zukommt, angemessen und nachhaltig zu begegnen.

In früheren Zeiten gab es für den flexiblen Umgang mit der Komplexität des Lebens einen guten Begriff. Jemand, der sich wach und klar der vielfältigen Komplexität des Lebens zu stellen vermochte und in der Lage war, andere und sich selbst lange durch die Untiefen und Stürme des Lebens zu tragen, galt als weise. Es ist nicht zuletzt die Kultivierung von Weisheit, die heute fehlt.






Sendedaten
"scobel"
Wissensmagazin immer donnerstags um 21.00 Uhr
Sendung zum Thema
Schöne schreckliche Zukunft
Nicht nur die Atommüll-Entsorgung führt zu düsteren Prognosen
Innenansichten
Noch mehr Kolumnen
Warum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was ist genau an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Gedanken dazu niedergeschrieben.