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Interview   Matthieu RicardInterview Matthieu RicardBuchbesprechung Michael TomaselloBuchbesprechung Michael Tomasello
Gemeinschaftsbildung über Sprache, Kultur und Moral - wir haben die Fahigkeiten dazu.
Kolumne: Die These vom egoistischen Gen
Gert Scobels Gedanken zu "Die Kraft des Guten"
Manchmal sind Vorstellungen extrem mächtig. Sie legen sich wie ein Nebel über die Wirklichkeit und verhindern, dass man gewisse Dinge wahrnimmt. Als 1976 „Das egoistische Gen“ erschien – ein Weltbestseller des Evolutionsbiologen Richard Dawkins – schien alles klar zu sein. Nicht nur Lebewesen selektieren, sondern die Gene selbst „handeln“ auf diese Weise. Sie kämpfen bereits auf dem Niveau der Biochemie um die besten Plätze auf den Chromosomen.
Und später konkurrieren dann auch die ausgewachsenen Lebewesen um Ressourcen, weil sie die ausgebrüteten Anhängsel ihrer Gene sind, die das Verhaltensprogramm vorgeben. Auf diese Weise optimiert sich das System. Vor allem Lebewesen, sie sich sexuell fortpflanzen, geben diese die verbesserte, optimierte Anpassung an ihre Nachkommen weiter. Es kämpfen also nicht nur individuelle Tiere oder ganze Arten um das Überleben in ihrer Nische – auch die Gene „kämpfen“ bereits um ihre optimale Stelle im Chromosomensatz. Soweit, sehr vereinfacht, die These vom egoistischen Gen.

Diese These haben sich neoliberale Banker an der Wallstreet, Diktatoren und Machtmenschen aller Art zu eigen gemacht. Sie passt perfekt zu ihrem Verhalten und bietet noch vor jeder Moral und philosophischen Reflexion eine perfekte Legitimation für ihr Handeln. Neoliberale sind die wahrhaft konsequenten, aufgeklärten Menschen: Sie unterwerfen sich der Macht der Gene. Wenn Menschen heute weiter so handeln, mögen sie dies tun. Allerdings können sie nicht weiter auf eine quasi-naturwissenschaftliche Begründung verweisen. Denn die These vom egoistischen Gen ist falsch.

Im Nachhinein muss man sagen, dass sie auf geradezu absurde Weise mißbraucht wurde. In den Genen steckt zwar ein Programm zur Vermehrung, aber erstens entwickeln und verändern sie dieses Programm in Interaktion mit der Umwelt, zweitens tun sie dies umso mehr, je komplexer sie sind. Wäre ein adaptives Verhalten tatsächlich vorprogrammiert, könnte es wohl kaum zu einer schnellen Anpassung kommen. Drittens liegen, und das wurde lange Zeit übersehen, auch Fähigkeiten zu weitreichender Kooperation in den Genen. Anthropologen, Neurowissenschaftler und zunehmend auch Evolutionsbiologen gehen heute davon aus, dass es vor allem die Fähigkeit zur Kooperation war, die letztlich zur Trennung von Menschenaffen und Homo Sapiens führte. Die Entwicklung des Gehirns beim Menschen hat entscheidend mit der Anpassung dieses Steuerungsorgans für die Zwecke der optimalen Kooperation zu tun – eine Anpassung, die sehr weitreichend und komplex ist. Heute mag der Mensch egoistisch handeln; aber er kann auch altruistisch, d.h. selbstlos für andere, handeln. Und diese Fähigkeit kann man systematisch kultivieren.

Menschen kooperieren auf vielfältige Weise
Aus heutiger Sicht erscheint es merkwürdig anzunehmen, komplexe Sozialsysteme würden in erster Linie durch eine Art von deterministischen Egoismus aufrecht erhalten und optimiert – nicht aber durch kooperatives und sogar altruistisches Handeln. Ohne kooperatives Verhalten würde die egoistische, geradezu mechanistische Ausrichtung biologischer Lebewesen auf sich selbst das Leben in größeren Gemeinschaften unmöglich machen. Vor allem beim Menschen wären Phänomene wie die Gemeinschaftsbildung über Sprache, Kultur und Moral, d.h. unterschiedliche Prozesse der Kooperation, kaum verständlich. Inzwischen haben viele Evolutionsbiologen aufgrund der Daten nicht nur aus den Neurowissenschaften, sondern auch aus der Primatologie und der Paläoanthropologie dazu geführt, weitgehend die These zu akzeptieren, dass entscheidende Entwicklungen des Menschen gerade mit Blick auf die Evolution seines Gehirns dadurch eingeleitet wurde, dass Menschen auf vielfältige Weise miteinander kooperieren mussten um zu überleben.

Gemeinsam Ziele erarbeiten
Der Verhaltensforscher, Anthropologe und Evolutionsbiologe Michael Tomasello hat diese Prozesse in einer Reihe von Büchern detailliert beschrieben und durch eine Vielzahl von Studien mit Affen und Kleinkindern belegen können. Was Menschen auszeichnet, ist ihr Vermögen, eine Vogelperspektive einzunehmen und sich selbst, aber auch andere Menschen, aus einer übergeordneten Perspektive wahrzunehmen. Auf diese Weise können Menschen gemeinsam Ziele erarbeiten und sich an sozialen Regeln orientieren. Letztlich ist, wie Tomasello in seinem neusten Buch beschreibt, daraus Moral entstanden.

Menschliches Verhalten durch mentales Training beeinflussen
Matthieu Ricard macht in dem Interview, dass Sie auf unserer Internetseite finden, sehr deutlich klar, dass wir altruistisches Verhalten kultivieren können. Noch steht die Veröffentlichung der Auswertungen des ReSource Projektes der Neurowissenschaftlerin Tania Singer aus. Aber auch diese Untersuchungen belegen, vereinfacht gesagt, den Effekt, den bestimmte Formen der Meditation auf die Fähigkeit zu altruistischem Handeln haben. Wenn menschliches Verhalten durch ein spezielles mentales Training positiv beeinflusst werden kann – stellt dies nicht die bisherige Weltsicht - und insbesondere die neoliberale Wirtschaftsordnung - auf den Kopf? Welche Argumente könnte es geben, ein solches Training – das an keine Religion gebunden ist und auch keine religiösen Vorstellungen bedient – zu verhindern?

Vielleicht steht, allen Widerwärtigkeiten und Brutalitäten unserer Zeit zum Trotz eine altruistische Revolution, eine Revolution der Kooperation bevor. Vielleicht ist sie der entscheidende Faktor der dazu beiträgt, weltweite Kriege und mit Blick auf die egoistische Ausbeutung von Ressourcen ein objektiv unsinniges Verhalten zu verändern und abzustellen.







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