Immer mehr Menschen, die bei uns leben, werden faktisch einen Migrationshintergrund haben.
Immer mehr Menschen, die bei uns leben, werden faktisch einen Migrationshintergrund haben.
Kolumne: Gemeinsam bestehende Zustände verbessern
Gert Scobels Gedanken zu "Nach dem Trauma"
Viele wollen es vielleicht nicht hören: aber Deutschland war ein "Einwanderungsland" (Stichwort: "geregelte Zufuhr von Gastarbeitern") lange bevor die Flüchtlinge kamen. Und es wird auch weiterhin ein Land sein, das Menschen Asyl gewähren wird. In diesem Jahrhundert werden noch viele Menschen nach Europa und nach Deutschland kommen, die wir aufnehmen, um sie vor Krieg, Gewalt, Folter, Vergewaltigung oder sexuellen Übergriffen zu schützen.
Diese Einsicht, die einerseits auf einer Analyse der Fakten zum Thema weltweite Flucht und Migration beruht, andererseits aber auf der Akzeptanz humanistischer Werte, ist politisch wenig beliebt und führt bei vielen Menschen zu zum Teil heftigen Gegenreaktionen. Vielleicht hilft es, dabei an ein anderes Land zu denken, das eine ähnliche Entwicklung genommen hat und von vielen bis heute sehr bewundert wird: das High-Tech Land Kalifornien. Seine weiße Bevölkerung ist inzwischen deutlich in der Minderzahl - was jedoch für das Leben im Staat Kalifornien und auch für die Kreativität keine Minderung bedeutet. Im Gegenteil.

Wie wollen wir künftig miteinander leben
Langfristig wird vieles in Deutschland davon abhängen, wie wir miteinander leben wollen - und kooperieren. Dass der Umgang mit Fremden nicht unproblematisch ist, wissen viele aus eigener Erfahrung. Dass insbesondere der Kontakt mit traumatisierten Menschen schwierig und nicht selten hoch problematisch ist, wissen viele der Menschen, die ehrenamtlich halfen und zuweilen bis an die Grenze ihrer eigenen Leistungsfähigkeit gingen. Der Umgang mit traumatisierten Menschen erfordert Supervision und den Rat von Fachleuten.

Es spricht Bände, dass Angela Merkel vor wenigen Tagen bedauerte, dass sie und viele andere Politiker im gesamten Parteienspektrum in den letzten Jahren nicht - oder viel zu spät - reagiert haben. Statt sich vorzubereiten wurde abgeschottet. Vor allem Dublin III war ein politisches Verfahren, dass die zentral gelegenen Länder Europas zu schützen und die Probleme an die Grenzen zu verlagern half. Einem konstruktiven, kooperativen Umgang mit Menschen in Not hat das nicht gedient. Dies gilt insbesondere für traumatisierte Menschen.

Traumata begleiten uns ein Leben lang
Traumatisierungen hinterlassen im Denken und Verhalten Spuren. Traumatische Erfahrungen stellen Momente äußerster Überforderung, Ohnmacht und Hilflosigkeit dar - eine Situation, aus der es kein Entrinnen gibt. Es findet eine buchstäblich gewaltige Überflutung von außen statt, die zu einem völligen Zusammenbruch der gesamten Inneren, der psychischen Organisation des Ichs führt. Diese erfasst beispielsweise auch das Gedächtnis: Filmriss heißt es in der Umgangssprache.

Opfer einer Vergewaltigung haben den Täter zwar Stunden lang gesehen - können sich aber nicht an sein Aussehen erinnern. Auslöser für solche Phänomene sind völlig unkontrollierbare Erfahrungen, die zu einem Riss im Ich, zu einem Bruch mit all dem führen, was das Ich, seine Identität und die gewohnte Umwelt bis dahin ausmachte. Die normale, bislang praktizierte Verarbeitung eines Geschehens ist nach einem Trauma nicht mehr möglich. Erschwert wird eine solche Verarbeitung zusätzlich noch in einer Situation wie Flucht oder Krieg, in der sich täglich weitere traumatische Erlebnisse ereignen. Es gibt keine Chance, zur Ruhe zu finden und sich neu zu sammeln.

Schnelle Behandlung und Hilfe sind nötig
Um sich ansatzweise in die Lage mancher Flüchtlinge (insbesondere der unbegleiteten Jugendlichen) hineinzuversetzen, muss man sich nur vorstellen, die meisten all der Menschen, mit denen man lebte und die man geliebt hat, wären durch Bomben, Folter und gezielte Ermordung getötet worden. Es macht einen Unterschied, ob die kleinen Kinder, die friedlich miteinander spielen, von ihren Müttern gewollt oder ein Resultat systematischer Vergewaltigung sind. Wer sich mit traumatisierten Menschen, aber auch mit dem wissenschaftlich-therapeutischen Erkenntnissen der Traumaforschung befasst, wird bald erkennen, wie notwendig es ist, rechtzeitig mit der Behandlung zu beginnen und Hilfe zu leisten.

Ziel der Sendung "Nach dem Trauma" ist es, aufzuklären über traumatische Erfahrungen, ihre Entstehung, ihre Behandlung und die Art und Weise, wie sie über die Grenzen der Generationen hinweg weitergegeben werden. Auch wenn vieles schwierig und manches sehr schwierig ist: wir stehen auch dieser Aufgabe nicht hilflos gegenüber. Wir können es gemeinsam, wie in vielen anderen Bereichen auch, durchaus schaffen, die bestehenden Zustände zu verbessern. Wenn wir unsere Lage heute rational betrachten, dann ist es das beste, wenn alle, die hier leben, wenn wir also, so früh wie möglich in Beziehung miteinander treten, um gut zusammenzuleben. Denn wir werden zusammenleben und sollten allmählich lernen, gemeinsam in der Realität anzukommen.

Sendedaten
scobel
Wissenschaftsmagazin - immer donnerstags
um 21.00 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
© ap Nach dem Trauma
Die Behandlung von Betroffenen ist meist langwierig
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© ZDF_Kerstin_BänschNoch mehr Kolumnen
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