© ap
Schwerkranke Patienten sollen Cannabis auf Rezept bekommen können.
Schwerkranke Patienten sollen Cannabis auf Rezept bekommen können.
Medizin-Cannabis auf dem Vormarsch
Zwischen Euphorie und Vorsicht
Im Frühjahr 2017 wurde die Nutzung von Cannabis für medizinische Zwecke liberalisiert, die Zahl der Therapien steigt rasant. Dabei ist der Wirkstoff nicht völlig erforscht. Während Anbieter große Chancen wittern, hakt es noch gehörig im System mit Krankenkassen und Ärzten.
Mitte März 2017: Cannabis auf Rezept - ein historischer Schritt auf dem deutschen Arzneimarkt. Schwerkranke können den Wirkstoff endlich in der Apotheke bekommen, ohne Sondererlaubnis. Und während viele die Blüten bisher selbst bezahlen mussten, sind die Krankenkassen nun verpflichtet, die Therapiekosten zu übernehmen.

Oktober 2017: Die Bilanz gut ein halbes Jahr später fällt gemischt aus. Bei etlichen Cannabis-Firmen herrscht zwar Goldgräberstimmung. Aber so mancher Arzt fühlt sich allein gelassen mit den neuen Ansätzen, und die Kassen sehen immense Zusatzausgaben auf sich zukommen.

Derzeit wird laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) medizinisches Cannabis vor allem aus den Niederlanden und Kanada importiert. Dabei soll es nicht bleiben. Deutschland hat Anfang März 2017 eine staatliche Cannabis-Agentur unter dem Dach des BfArM gegründet, um die Versorgung von Patienten sicherzustellen. Sie soll Hanf aber nicht selbst anbauen, sondern schreibt Aufträge EU-weit an Firmen aus, die sich dann um die deutschen Plantagen kümmern. Mit der ersten Ernte unter staatlicher Aufsicht rechnet das BfArM 2019.

Eines der Unternehmen, die hierzulande Cannabis-Wirkstoffe erforschen und verkaufen, ist Bionorica. Die Bayern verzeichnen ein anziehendes Geschäft. Aber auch ausländische Anbieter drängen auf den Markt. Die aus Kanada stammende Tilray mit etwa 11.000 versorgten Patienten weltweit willCannabis nach Deutschland importieren.

Bei den Krankenkassen hält sich die Begeisterung angesichts hoher Kosten in Grenzen. Eine Cannabis-Therapie kostet im Monat im Schnitt 540 Euro - so wird es im neuen Gesetz veranschlagt. Bei der Bewilligung der Anträge allerdings noch.

In den ersten zwei Monaten nach der Liberalisierung sei eine "mittlere vierstellige Zahl» von Anträgen für Cannabinoide eingegangen, erklärt der GKV-Spitzenverband. "Deutlich über die Hälfte konnten positiv beschieden werden, da die gesetzlichen Anforderungen als erfüllt anzusehen waren." Einige Kassen bemängeln, dass Anträge nicht vollständig oder fehlerhaft seien. Oft gebe es keinen Nachweis, dass andere Behandlungsmethoden ausgeschöpft seien. Die Kassen würden bei jedem zugelassenen verschreibungspflichtigen Medikament die Kosten übernehmen, betont der GKV. Anders als bei üblichen Medikamenten habe Cannabis aber nicht vorab über Studien nachweisen müssen, dass es sicher wirke. Auch verlässliche Daten zu möglichen Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Substanzen fehlten.

Cannabis-Firmen wie THC Pharm aus Frankfurt sehen die Entwicklung differenziert. "Die Liberalisierung bedeutet einen großen Schritt nach vorn", sagt Holger Rönitz, Direktor für Geschäftsentwicklung. "Aber es gibt auch viele neue Firmen, die das große Geschäft wittern und mit unhaltbaren Heilsversprechungen werben." Teils kursieren zudem halbseidene Studien. "Man kann auch nicht jeden Krebs mit medizinischem Cannabis lindern, wie manche behaupten." Wichtig aber ist, dass Schwerkranke Zugang zu schmerzlinderndem Cannabis oder den pharmazeutisch geprüften Inhaltsstoffen der Pflanze bekommen.

Sendung zum Thema
Cannabis - Medizin oder Droge?