Donnerstags, um 21.00 Uhr
Kalender
August 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
Sendungsvorschau
Rasante Veränderungen
Der Mensch und die Erde
Ist der Mensch dabei, die Natur abzuschaffen? Thema der Sendung am 8. September.
Navigationselement
Lupe
Cannabis enthält weitgehend unerforschte Potentiale, die im Sinne einer Gesundheitsförderung im Krankheitsfall eingesetzt werden können.
Kolumne: Wir machen einen Bogen um Cannabis
Gert Scobels Gedanken zum Thema der Sendung
Eine wissenschaftliche Fachzeitschrift wie "Nature" ist überaus vorsichtig, wenn es darum geht, über ein politisch und moralisch vermintes Thema wie Cannabis zu berichten. Wer noch Zweifel hatte an der Bedeutung und auch an den Möglichkeiten der medizinischen Verwendung der alten Kulturpflanze dürfte nach der Lektüre der Sonderseiten bei "Nature" (Vol 525, No. 7570, Ausgabe vom 24.9.2015) einen völlig neuen Eindruck haben.
Zweifel bestehen nun nicht mehr an den medizinischen Einsatzmöglichkeiten, sondern vielmehr an der bisherigen Forschungspolitik, insbesondere in Deutschland. Es ist kaum zu verstehen, dass unser (Säugetier-)Körper, wie auch der vieler anderer Tiere, darunter Weichtiere, ein komplexes Endocannabinoid-System entwickelt hat, das weitreichende Wirkung auf das Immunsystem und andere Körpersysteme hat, aber weitgehend unbekannt ist. Das System selbst reicht rund 600 Millionen Jahre in die Evolution zurück. Entstanden ist es vermutlich durch die erfolgreiche Interaktion von Tieren mit Hanfpflanzen, d.h. durch eine Koevolution, von der wir heute profitieren.

545 Komponenten von Cannabis unerforscht
© dpa Lupe
Cannabis in der Medizin - ein immer noch umstrittenes Thema
Es ist symptomatisch, dass das weit verzweigte und komplexe Endocannabinoid-System erst 1988 entdeckt wurde. Viele der Details sind immer noch unklar - wie auch die pharmakologischen Wirkungen der meisten der 545 Komponenten von Cannabis gänzlich unerforscht geblieben sind. Zweifel bestehen also nicht an der generellen Wirksamkeit, sondern an unserem eigenen Forschungs- und Therapieverhalten, das einen weiten Bogen um Cannabis macht. Das ist insofern schwer zu verstehen, als dass das Endocannabinoid-System vom Körper dazu benutzt wird, eine Vielzahl biologischer Vorgänge homöostatisch zu regulieren.

Solche selbstregulierenden Gleichgewichts-Vorgänge sind in jedem Körper von entscheidender Bedeutung, weil sie Ungleichgewichten entgegen wirken, die durch Krankheiten verursacht sind. Wer diese Mechanismen versteht, hält einen Schlüssel in der Hand, der die bislang verschlossene Türe zu einer Reihe von Krankheiten aufschließen könnte.

Die Natur nutzt Cannabinoid-Rezeptoren offensichtlich im großen Stil - anders als unsere Forschung und unser Gesundheitssystem. Überhaupt fällt auf, dass viele Gesellschaften sich Alkohol gegenüber weitaus laxer verhalten, als Cannabis gegenüber, das im Unterschied zu Alkohol therapeutisch eingesetzt werden kann.

Cannabis offenbar weniger gefährlich als Alkohol
Laut Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung gehört der Konsum von Alkohol zu den fünf wichtigsten vermeidbaren Risikofaktoren für Krankheit und frühzeitliche Sterblichkeit. 9,5 Mio. Menschen in Deutschland konsumieren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,3 Millionen Menschen sind Alkoholiker. Pro Jahr sterben nachweislich etwa 74.000 Menschen an den direkten Folgen von Alkohol - zum Teil in Kombination mit anderem. Der Alkoholschaden für die Volkswirtschaft: etwa 26,7 Milliarden Euro, davon allein 7,4 Milliarden direkte Kosten für das Gesundheitssystem.

Cannabis hingegen gehört zwar in Deutschland wie weltweit zur am häufigsten konsumierte illegalen Droge. Ein Viertel aller 12- bis 25-Jährigen haben Cannabis mindestens einmal im Leben probiert. Aber nur 2,9 Prozent der Personen dieser Altersgruppe konsumieren regelmäßig. Angaben über Tote gibt es nicht. Cannabis ist offenbar deutlich weniger gefährlich als Alkohol. Was nicht bedeutet, dass es überhaupt keine Gefahren gibt.

Grasverkauf entwickelt sich zum Jobmotor
Es sind diese Gefahren, die zu einem tatsächlichen Krieg der US-amerikanischen Geheimdienste, Drogenbehörden, der US-Polizei und des Militärs gegen Drogenkartelle in lateinamerikanischen Länder führten. Mehrfach jedoch war die US-amerikanische Politik selbst tief in die Drogengeschäfte verstrickt. Eines von vielen Beispielen ist die sogenannte Iran-Contra-Affaire. Das US-Militär finanzierte damals Todesschwadrone gegen Nicaraguas Regierung durch Waffen- und Drogenhandel. Die Geheimdienste stecken bis heute tief im Sumpf mit drin.

Es ist daher seltsam zu sehen, dass seit der Legalisierung von Cannabis in einigen US-Bundesstaaten die mexikanischen Drogenkartelle zum ersten Mal seit bald 40 Jahren ernsthaft in Bedrängnis geraten. Die US-Kunden kaufen jetzt indirekt beim Staat. Das schaltet die Begleitkriminalität aus und bringt Steuereinnahmen. Der Grasverkauf entwickelt sich zum Jobmotor. Was wären die möglichen Folgen einer solchen Entwicklung in Deutschland? Fachleute sind sich in drei Punkten relativ einig:
1. Es würde erstens einen heftigen Gewinneinbruch bei der Pharmaindustrie geben - Stichwort Joint statt Schlafmittel oder Antidepressivum.
2. Allen Kriminellen, die von Cannabis plus Begleitgeschäft leben, würden weitgehend die Geldquelle entzogen.
3. Der Staat würde Steuern kassieren, die beispielsweise ins Gesundheitssystem fließen könnten.

Was hinter dem Krieg gegen die Drogen steckt, macht einer unserer Filmberichte mit einem Zitat von Harry J. Anslinger deutlich, das die geheimen Quellen des Cannabis-Wahns aufdeckt: Profitgier und Rassismus. "Es gibt 100.000 Marihuanaraucher in den USA, die meisten sind Neger, Hispanics, Filipinos und Unterhaltungskünstler. Ihre Teufelsmusik, Jazz und Swing, sind das Ergebnis ihres Marihuanakonsums. Marihuana bringt weiße Frauen dazu, sexuelle Beziehungen mit Negern, Entertainern und anderen einzugehen. Der Hauptgrund Marihuana zu verbieten, ist sein Effekt auf die degenerierten Rassen...”

Ich überlasse es Ihnen, sich eine eigene Meinung zu bilden
Es scheint jedoch, dass das Bild, das so häufig vermittelt wird, weder in den Berichten der Bundesregierung zu finden ist, noch in den wissenschaftlichen Untersuchungen. Diese mögen im Detail hier und da widersprüchlich sein - doch die große Tendenz ist klar: Cannabis enthält weitgehend unerforschte Potentiale, die im Sinne einer Gesundheitsförderung im Krankheitsfall eingesetzt werden können. Es wäre wünschenswert, darüber zu sprechen - ohne die möglichen Gefahren des Cannabis-Konsums gerade in der Pubertät, in der sich die Chemie des Gehirns grundlegend ändert, außer acht zu lassen.

Sendung zum Thema
© reuters Cannabis - Medizin oder Droge?
Ist das Verbot nach wie vor sinnvoll?
Innenansichten
Noch mehr Kolumnen
Warum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was ist genau an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Gedanken dazu niedergeschrieben.