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Die Welt, und damit unser Leben, ist ein dynamisches, veränderliches Muster.
Kolumne: Eine großartige, neue Sicht auf die Welt
Gert Scobels Gedanken zu "Muster des Lebens"
Vielleicht ist es kein Zufall, dass ein universal gelehrter Mensch wie Goethe immer wieder auf das Studium von Mustern zurückkam. Ein gutes Beispiel dafür sind seine Schriften zur Morphologie, die man vielleicht als Wissenschaft von den Mustern und der Musterbildung bezeichnen könnte.
Goethe war einerseits Schriftsteller und Dichter, sozusagen Musterproduzent, andererseits aber auch Beamter - und damit Verwalter von etablierten sozialen Mustern - wie auch Naturwissenschaftler. Von Goethe stammen frühe, erstaunlich an Darwin erinnernde Studien zur Entwicklung von Tieren und Pflanzen. Unter anderem wies Goethe nach, dass der Mensch einen Zwischenknochen des Kiefers mit anderen Tieren gemeinsam hat. Abstammungslehre und Botanik, die Suche nach Bildungsprinzipien organischer Formen - all das faszinierte Goethe, der ein guter Beobachter war, ein Leben lang. Für ihn war die Morphologie mehr als nur eine Lehre der Gestaltungen, der Bildung und Umbildung von Mustern in organischen Körpern. Auch das geistige Leben, das für ihn über die Naturgeschichte hinaus ging, sah Goethe als einen lebendigen, dynamischen Prozess von Musterbildungen unterschiedlichster Art.

Wie ist ein Blatt aufgebaut, wie ein Knochen?
Wer sich heute mit Naturwissenschaften gleich welcher Art, zugleich aber auch mit den Künsten und Geisteswissenschaften befasst, wird bald darauf stoßen, dass es immer wieder um Muster geht. Wie ist ein Blatt aufgebaut, wie ein Knochen? Wie bildet sich aus einzelnen Ameisen eine Ameisenkolonie? Wie bilden sich komplexe, selbstorganisierende Muster im Gehirn, im Internet oder in den Finanzsystemen? Und was sind die Strukturen und formgebenden Prinzipien, die hinter der Bildung des Weltalls, schließlich der Galaxien, Planeten und des Lebens stehen?

Wissenschaften als eine Art von "Musterkunde"
Wenn man es sehr allgemein und wissenschaftstheoretisch fassen will, dann sind die Wissenschaften nichts anderes als eine Art von "Musterkunde". Nicht nur weil Wissenschaftler bis heute von der Beschreibung der Natur leben und damit das, was sie in der Welt finden, was Welt ist - ihre Formen und Muster - "übersetzen" in die Muster von Begriffen und Formeln. Wissenschaftler arbeiten auch als Produzenten von Mustern und immer neuen Formen, weil sie die Daten, das, was von der Wirklichkeit in der Abstraktion übrig bleibt, "In-Form" bringen. Information ist ihre Währung. Und Mustergebung ist das Grundprinzip wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeitens.

Der Versuch, Muster zu verstehen
Wenn man erst einmal verstanden hat, dass alles, wirklich alles, was uns begegnet, bereits In-Formation ist, dass die Welt und wir also immer auch In-Form gebrachte Strukturen von etwas sind, kurz Muster, dann eröffnet sich eine großartige, neue Sicht auf die Welt. Mit einem Schlag wird die Verwandtschaft aller ansonst getrennten Dinge und Disziplinen sichtbar. So machen die Geisteswissenschaften im Grunde nichts anders als die Naturwissenschaften: sie versuchen Muster zu verstehen, zu interpretieren, zu erklären. Und genau das machen auch die Künste, die darüber hinaus vor allem bestrebt sind, neue Muster schaffen - was auf ihre Weise auch Geistes- und Naturwissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tun.

Es ist nur ein kleiner Sprung, sich zu überlegen, dass auch unser Leben bestimmten Mustern folgt – sozialen, psychologischen, weltanschaulichen. Manche dieser Muster legen uns fest und frieren uns buchstäblich ein - andere geben uns eine Stabilität, die wir brauchen, um überhaupt lebensfähig zu sein. Bleibt die Frage, wie es möglich ist Lebensmuster zu verändern, wenn es nötig wird. Therapien lassen sich verstehen als Versuche, festgefahrene Muster, die unser Verhalten, Denken und Empfinden steuern, durch andere, "gesündere" Muster zu ersetzen. Psychologie als Musterkunde, Therapie als Muster-Produktion: Das ist eines der Themen der Sendung am 15. Oktober 2015, die Aspekte eines universalen Themas behandelt, das vielleicht das allgemeinste von allen ist. Die Welt, und damit auch unser Leben, ist ein dynamisches, veränderliches Muster. Nicht mehr, nicht weniger.

Sendung zum Thema
Muster des Lebens
Wie Muster das Denken, Emotionen
und Verhalten steuern
Innenansichten
© ZDF_Kerstin_BänschNoch mehr Kolumnen
Warum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was ist genau an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Gedanken dazu niedergeschrieben.