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Wie können wir unsere neue Arbeitswelt mitgestalten? Gert Scobel diskutiert mit seinen Gästen.
Unsere neue Arbeitswelt
Das visionäre Zauberwort lautet zurzeit "Industrie 4.0"
Während die einen für Arbeitnehmer neue Entlassungswellen prophezeien, reden die anderen von neuen Erwerbsmöglichkeiten und Berufsbildern. Unter Experten sind die Folgen der bestehenden, aber auch der kommenden technologischen Entwicklung umstritten.
  • Wie lassen sich unterschiedliche Interessen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern regeln?
  • Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist einer der stärksten Einflussfaktoren auf Arbeit, Identität und Konsumverhalten der Menschen weltweit - mit der Folge, dass unmenschliche Arbeitsbedingungen in anderen Ländern zum "normalen Geschäft" gehören. Doch muss dies so sein?
  • Lassen sich die Entwicklungen überhaupt einschätzen? Nach welchen Kriterien lassen sie sich beurteilen?

Arbeitswelten - Fakten und Wünsche

Mit dem Anstieg von Minijobs und Zeitverträgen sowie wachsender globaler Konkurrenz wuchsen bei den Arbeitnehmern auch Ängste und Sorgen. Nichts Geringeres als die Existenz steht auf dem Spiel. Arbeitsplätze finden und erhalten ist daher ein zentrales Anliegen jeder Gesellschaft und nicht nur das Ziel von Arbeitslosen und prekär Beschäftigten.

Ist die Arbeitswelt vertraglich abgesichert, wünschen sich Arbeitnehmer schnell mehr Freiräume, flache Hierarchien und größere Eigenverantwortung. Doch wie lassen sich diese Wünsche mit Blick auf Betriebsklima und Arbeitszufriedenheit, aber auch hinsichtlich Rentabilität, Gewinn und Kostenreduktion verwirklichen? Stellen Wünsche und Realität nicht Widersprüche dar? Hinzu kommt die Frage, wie sich unterschiedliche Interessen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in einer zukünftigen Arbeitswelt regeln lassen. Welche Organisationsmöglichkeiten bieten die neuen Technologien - und welche neuen Gefahrenen rufen sie hervor?

Arbeit - Fluch oder Segen?

Im Alten Testament gilt die Arbeit als Fluch und Strafe für den Sündenfall. Im Schweiße ihres Angesichts müssen sich die Menschen ihr Brot verdienen. Und auch in der Antike gehört Arbeit in niedere Sphären und ist des gebildeten Mannes unwürdig. "Arbeit und Tugend schließen einander aus", sagt Aristoteles. Die ideale Lebensform ist die vita contemplativa: Die Muße gilt als Vorraussetzung fürs hochgeschätzte Philosophieren.

Das ändert sich anderthalb Jahrtausende später radikal. Die Theologen der Reformation verstehen die Arbeit zunehmend als Gottesdienst und damit als Pflicht für jeden Christenmenschen. Vor allem der französische Reformator Johannes Calvin mit seiner Prädestinationslehre. Nach Calvin hat Gott von Anfang an entschieden, welche Menschen erwählt und welche verdammt werden. Gottes Entscheidung ist vom Handeln des Menschen völlig unabhängig.

Da der Gläubige bis zum Jüngsten Gericht unsicher über seine Bestimmung bleibt, sucht er in seiner Welt nach Indizien, ob er im Stand der Gottes Gnade ist. In der Strebsamkeit und der fleißigen Arbeit sieht der Mensch ein Gottesdienst. Resultiert wirtschaftlicher Erfolg daraus, konnte das als Indiz gewertet werden, von Gott außerwählt zu sein. Der in Armut Verharrte dagegen musste annehmen, zu den Verdammten zu gehören. So gelangt erfolgreiche Arbeit zu theologischen Würden.

Müßiggang - aller Laster Anfang
Die Kehrseite dieser Arbeitsaufwertung ist die Abwertung aller Formen von Muße: Müßiggang gilt als bevorzugtes Einfallstor des Teufels und als aller Laster Anfang. Beten, arbeiten und sparen gelten als der einzige Weg zur Seligkeit - und werden zur idealen Voraussetzung für Kapital- und Wirtschaftswachstum. Deshalb erklärt der deutsche Soziologe Max Weber 1907 in seiner berühmtesten Schrift die "innerweltliche Askese" des protestantischen Arbeitsethos zur Wiege des westlichen Kapitalismus.

Faulheit ist schlecht, der Mensch soll erfolgreich arbeiten
Dieses Erbe prägt uns bis heute. Denn immer noch ist Arbeit ein zentraler Fixpunkt unserer Existenz: sie bedeutet Sinnerfüllung und Selbstverwirklichung, schafft Selbstbewusstsein und macht den Arbeitenden frei und selbstständig. Wer Arbeit verliert, bleibt dagegen wirtschaftlich und sozial auf der Strecke und verliert mitunter sogar seine Identität. Doch aufgrund des technologischen Fortschritts ist immer weniger Arbeit vorhanden. Ein guter Grund, den Arbeitsethos unserer Gesellschaft mal zu überdenken.



Projekt "Industrie 4.0"
Ziel dieses Projekts der deutschen Regierung und der Industrie ist die Vernetzung von digitalen Produktionsprozessen in "intelligenten" Fabriken. Dabei soll nicht nur die Automatisierung in Produktionsstätten voranschreiten, sondern es sollen auch flexiblere Produktionsweisen entstehen. Technische Grundlage hierfür sind intelligente und digital vernetzte Systeme.

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Dokumentation am Donnerstag,
3. November 2016, um 20.15 Uhr
Kolumne
Die Welt in der
Phase "Industrie 4.0"

Gert Scobels Gedanken zum Thema
Gäste der Sendung
Christian Scholz
Wirtschaftswissenschaftler
Kerstin Jürgens
Arbeitssoziologin
Dieter Zapf
Arbeitspsychologe