Fehler machen wir auch, um uns weiter zu entwickeln
Fehler machen wir auch, um uns weiter zu entwickeln
Kolumne: Was uns fehlt, ist eine gute Fehlerkultur
Gedanken von Gert Scobel zum Thema "Aus Fehlern lernen?
Fehler macht niemand gerne. Und doch können wir nicht anders. Wer versucht, Fehler um jeden Preis zu vermeiden, wird nicht nur rigide und unnahbar, sondern in aller Konsequenz unmenschlich. Es ist - wenn überhaupt - nur Maschinen möglich, keine Fehler zu machen: und das auch nur in Bereichen und mit einer Software, die sich überblicken lässt.
Soziale Beziehungen stellen nur ein Beispiel für die Vielzahl von komplexen Systemen dar, die unter anderem eine zentrale Eigenschaft aufweisen: Ihre Zukunft lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit vorhersagen.

Wenn Fehler natürlich sind: Warum stellen wir uns dann so an? Eine Antwort darauf lautet: "Weil unsere Kultur eben so mit Fehlern umgeht, dass man sich zu schämen, dann in Schockstarre und am Ende in den Erdboden zu versinken hat.“ So richtig diese Antwort sein mag – sie zeigt, dass wir mit Fehlern auch anders umgehen können. Wir sind keineswegs auf ein einziges Fehlermanagement festgelegt. Und das ist gut so.

Von Behandlungsfehlern bis Justizirrtümern
Wie notwendig ein anderer Umgang mit Fehlern wird, zeigt sich insbesondere, wenn man sich mit Behandlungsfehlern in der Medizin - oder mit den vielen Justizirrtümern - befasst. Laut des Krankenhaus-Reports der AOK von 2014 kommt es in rund 188.000 Fällen zu Behandlungsfehlern. Jährlich sterben etwa 19.000 Menschen durch Fehler in deutschen Krankenhäusern. Das sind fünfmal so viele Todesfälle wie im Straßenverkehr.

Ähnliches in der Justiz: Nach Schätzungen von Experten könnten ein Viertel aller Urteile falsch sein. Dass dies nicht weiter bekannt ist, liegt daran, dass die Revisionsmöglichkeiten in Deutschland auf eine kaum nachvollziehbare Weise eingeschränkt werden. Rund 90 Prozent aller Revisionsanträge werden von den Richtern als unzulässig verworfen: Es kommt überhaupt nicht zu einer Verhandlung. Dabei können einem gerade die Schicksale von Menschen, die völlig unschuldig oft Jahrzehnte im Gefängnis sitzen, zu Recht nahegehen. Abgesehen von den für mich völlig unverständlichen Schwierigkeiten, das Unrecht wenigstens wirtschaftlich zu kompensieren, stellt sich die Frage, ob die seelischen Schäden überhaupt heilbar sind?

Fehler gehören zum Leben
Durch mein Leben in den USA bin ich früh auf die Folgen aufmerksam geworden, die eine andere Fehlerkultur haben kann. Dass die USA als innovativer und freier gelten hängt zu einem wesentlichen Teil mit dieser Fehlerkultur zusammen. Bei uns werden Fehler stark geächtet. In den USA ist es, bei aller Kritik, die man sonst haben mag, durchaus gut möglich, eine Idee zu haben, bald darauf mit einer Investition für Neugründungen ein Unternehmen zu gründen - und dann richtig zu scheitern. Und doch schreibt man all das ganz offen und selbstbewusst in seinen Lebenslauf. Bei uns ist man mit einem derartigen "Fehler“ im Lebenslauf tot. Dabei gehören Fehler zu den Erfolgsgeschichten. Es ist so einfach wie banal: Man lernt dadurch, dass man immer wieder Fehler macht. Und man verbessert sich, indem man darauf achtet, diese Fehler beim nächsten mal zu vermeiden. Was uns fehlt, ist eine gute Fehlerkultur.

Fehler machen, um daraus zu lernen
Man kann es nicht oft genug sagen: In einer komplexen Welt ist es natürlich, und deshalb unvermeidbar, Fehler zu machen. Es kann durchaus sein, dass ein Fehler ein Unternehmen oder auch uns zerstört. Es kann auch sein, dass wir Fehler falsch analysieren. Und doch ist es wichtiger, als blind und zwanghaft und damit irgendwann auch rücksichtslos Vorgaben und Regeln zu folgen, stattdessen flexibel zu bleiben und darauf zu achten, was man aus Fehlern lernen kann. Unser wirkliches Verhalten oszilliert im Alltag zwischen richtig und falsch. Deshalb ist es so wichtig Fehler zu erkennen, einzuschätzen, uns darüber auszutauschen - und daraus zu lernen. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht. Zumal keiner von uns sicher sein kann, alle relevanten Fehler bereits gemacht zu haben und deshalb mit dem Fehlermanagement abschließen zu können.

Sendung zum Thema
Aus Fehlern lernen?
Ursachen, Folgen und Muster von Fehlentscheidungen