scobel
Kalender
Mai 2019
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
Grafik
Wann ist eine Entscheidung die richtige?
Kolumne: Entscheidungen in komplexen Systemen
Gedanken zur Sendung von Gert Scobel
Eines der großen strukturellen Probleme unserer Zeit ist keineswegs neu, sondern im Gegenteil uralt. Immer schon hat uns die Vielfalt und Komplexität der Welt überfordert und vor schier unlösbare Probleme gestellt.
Mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden hoffen wir, dieser Vielfalt - etwa der Vernetzung von Gehirnzellen, den komplexen Wechselwirkungen im Genom oder den Ordnungsprinzipien klimatischer Gleichgewichte und ihrer komplexen Vernetzung - besser auf die Spur kommen zu können. Andererseits zeigt sich immer wieder, dass es grundsätzliche, unüberwindbare Grenzen im Verstehen und in der Steuerung von komplexen Systemen gibt.

Menschen handeln nicht vorhersehbar
Dummerweise handelt es sich bei politischen Fragen oft um derartige komplexe Probleme. Denn unsere Gesellschaft und ihre Teilsysteme sind komplexe Systeme - ein Umstand, auf den der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann bereits vor Jahrzehnten aufmerksam machte.

Wirtschaft, Kunst, Medien - all diese und andere Systeme sind komplex und interagieren miteinander auf eine häufig nicht vorhersehbare Weise. Für die Politik besteht genau darin eines ihrer Hauptprobleme. Die Interaktion der vielen einzelnen Menschen ist nicht nur unübersichtlich, sondern nicht linear: Sie ist nicht deterministisch und damit nicht reduzierbar auf einen einfachen (linearen) Algorithmus.

Entsprechend unvorhersehbar sind auch die Effekte, die sich aus den Interaktionen vieler Menschen ergeben und die sich durch die vielen, zunächst oft kleinen Schwankungen, nicht selten zu großen Umbrüchen im System aufaddieren können (sogenannte Bifurkationen oder Kipppunkte, die sich nicht zuletzt immer wieder als Konflikte und Revolutionen entladen).

Die Welt in Statistiken zusammen gefasst
Die Politik versucht diesem Problem durch einen einfachen Kniff zu entgehen: Sie sieht die Welt statistisch. Im Großen und Ganzen kommt es darauf an, die Herde zu besänftigen, zu füttern und weitgehend für Ruhe im Stall zu sorgen. Also werden in großem Stil Umfragen in Auftrag gegeben, um herauszufinden, was der Wille der Herde ist. So erwartbar und durchaus verständlich dieses Vorgehen auch ist, so erstaunlich ist doch, welche Mühe der grüne Bundestagsabgeordnete Malte Spitz mit seinem Antrag auf Offenlegung dieser Untersuchungen aus dem Bundeskanzleramt hatte.

Monatelang wehrte sich das Bundespresseamt gegen eine Herausgabe der Daten. Erst vor Gericht konnte Spitz durchsetzen, dass zumindest die Ergebnisse bis 2012 offen gelegt werden mussten. Die aktuellen durchschnittlich drei Umfragen pro Woche aber, die der Steuerzahler samt wissenschaftlicher Auswertung finanziert, kennt nur das Kanzleramt - und arbeitet damit. Einige Beispiele aus der Zeit vor 2012: die Einstellung der Deutschen zur Energiepolitik und Kernenergie, zu Steuersenkungen, Pflegeversicherung oder die Einstellung türkischstämmiger Deutscher der Regierung gegenüber.

Politik als Kunst und weises Handeln
Nicht wenige Bereiche unseres Zusammenlebens bergen Risiken und Gefahren in sich, nicht nur der Umgang mit der Umwelt oder mit anderen Menschen wie den Flüchtlingen. Riskant ist - mit Blick auf die Konsequenzen - die Weise unserer Energiegewinnung oder der Umgang mit chemischen Substanzen wie Düngemitteln, Hormonen oder Antibiotika , mit zum Teil dramatischen Folgen.

Der Weg, den die Politik einschlägt, nämlich zu ermitteln, was das Volk will, macht auf den ersten Blick einen äußerst guten Eindruck. Ganz im Sinne demokratischer Ideale, findet man heraus, was der "volonté general“ will. Zudem kann man sagen, dass man Prinzipien moderner Wissenschaften folge.

Doch daraus wird leider noch keine Politik. Wer einfach nur so handelt, wie die Mehrheit es will, wer sich also einfach nach Umfragen richtet, um anerkannt, beliebt und später wiedergewählt zu werden, trifft im Zweifelsfall genau die falschen Entscheidungen. Politisch zu handeln bedeutet zuweilen auch, gegen den Strom der Mehrheit zu entscheiden - nicht diktatorisch, versteht sich, sondern im Rahmen demokratischer und gesetzlicher Regeln. Politik als normativer Faktor sollte Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur formen und nicht einfach weiter den Kurs einschlagen lassen, den die Mehrheit bereits eingeschlagen hat (ohne dass sie über ihr eigenes Wollen so gut informiert wäre, wie die Politiker im Bundeskanzleramt).

Politisch zu handeln bedeutet, die Gesellschaft dorthin zu steuern, wohin sie steuern sollte, aber vielleicht im Moment gar nicht hin steuern will. Soll und Ist, also angestrebtes Ziel und faktisch vollzogener Kurs, müssen keineswegs identisch sein. Im Gegenteil: Politik als Kunst und weises Handeln scheint erst da auf, wo über den Widerspruch zwischen beiden Welten entschieden werden muss.

Objektive Entscheidungen
Dass Entscheidungen in komplexen Systemen äußerst schwierig sind, ist zweifellos richtig. Eine der am meisten vernachlässigten Konsequenzen aus diesem Umstand ist die Einsicht, keine Entscheidungen zu treffen, die nicht revidiert werden könnten. Die grundlegende Frage jedoch bleibt. Wie können gute, nachhaltige Entscheidungen in Situationen getroffen werden können, in denen wir unwissend sind und unsicher, weil wir weder über genügend Fakten noch über genügend Zeit verfügen, um die Sache "objektiv“ zu klären (falls das überhaupt möglich ist)? Vermutlich ist die Antwort auf diese Frage weder einfach noch trivial.

Sendung zum Thema
Entscheidung und Risiko
Ist alles berechenbar?
Archiv: Zum Stöbern
© ZDF_Kerstin_BänschNoch mehr Kolumnen
Warum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was ist genau an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Ansichten dazu niedergeschrieben.