Beiträge, Umfrage, BuchtippsBeiträge, Umfrage, Buchtipps
Gert Scobel diskutiert mit seinen Gästen über Ursachen, Folgen und Muster von Fehlentscheidungen.
Aus Fehlern lernen?
Ursachen, Folgen, Muster von Fehlentscheidungen
Aus Fehlern wird man klug, lautet eine gängige Redensart. Doch diese Form des Lernens ist meist sehr schwierig. Denn wer einen Fehler gemacht hat, denkt nur ungern darüber nach und möchte eigentlich auch nicht darüber reden.
<b>Wie kann man aus Fehlern lernen?</b> © ap
Wie kann man aus Fehlern lernen?
<b>Behandlungsfehler - Fehler in der Medizin</b> © dpa
Behandlungsfehler - Fehler in der Medizin
<b>Fehleinschätzungen <br />der WHO</b> © dpa
Fehleinschätzungen
der WHO
<b>Finanzkrise - Modelle und Realität</b>
Finanzkrise - Modelle und Realität

Fehler lösen Ängste und Schamgefühle aus
Je schwerwiegender die Folgen von Fehlern sind, desto mehr werden die Fehlentscheidungen ignoriert, geleugnet und verdrängt. Solche Abwehrmechanismen sind sowohl bei Individuen als auch Gruppen und Nationen zu beobachten. Aber was passiert, wenn Fehler nicht reflektiert und korrigiert werden? In der Regel wiederholen sie sich dann solange, bis die Widerstände derart groß werden, dass das jeweilige System nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Manchmal geschieht so ein Bruch in Form schnell, beispielsweise in Form einer Revolution. Manchmal aber kann Jahrzehnte dauern, bis ein unerwartetes Ereignis das Fass zum Überlaufen bringt und dann erst die längst notwendige Veränderung bewirkt.

Vom Umgang mit falschen Entscheidungen

Fehler sind menschlich
Kinder erkunden die Welt im Spiel, ein ständiger Wechsel von Versuch und Irrtum. Für Erwachsene gilt das nicht mehr. Einen Fehlkauf kann der Mensch meist noch rückgängig machen, aber es gibt auch viele schwerwiegende Entscheidungen, die, einmal getroffen, ein ganzes Leben zum Guten oder Schlechten verändern.

Der falsche Partner, eine unglückliche Berufswahl oder auch eine Straftat - Fehlermachen ist etwas zutiefst menschliches. Doch wie gehen wir mit diesen Fehlern um? Der Historiker Joachim Radkau sagt: "Ich möchte Bismarck zitieren, was ich sonst selten tue: 'Dummköpfe sagen, Erfahrung macht klug. Ich lerne lieber aus den Erfahrungen anderer'. Es fällt uns leichter, aus den Fehlern anderer zu lernen, als aus unseren eigenen. Unserer Narzissmus, unsere Eigenliebe ist sehr mächtig und wir geben ungern eigene Fehler zu, obwohl es interessant wäre, wenn wir mehr über uns reflektierten."

Einzelne sind lernfähiger als ein Kollektiv
Besonders schambesetzt sind Fehlentscheidungen, die ein ganzes Kollektiv begeht, vor allem wenn es um Verbrechen geht, für die es keine Wiedergutmachung gibt. Der Einzelne kann sich zwar hinter dem Kollektiv verstecken, aber die bohrende Frage für jeden einzelnen bleibt: Warum hast du mitgemacht? "Unserem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss ist unendlich oft, durchaus mit Recht, vorgeworfen worden, dass er 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Dabei ist positiv, dass Heuss darüber nachgedacht hat. Seine Antwort darauf war, dass wir von unserer ganzen bürgerlichen Erziehung her nicht fähig gewesen sind, uns das systematische Verbrechen von Seiten eines Staates vorzustellen. Das nehme ich ihm ab. Trotzdem hat er auch versucht, das Ganze zu bagatellisieren. Unsere Eigenliebe ist eben doch sehr mächtig", so Joachim Radkau.

Eine kollektive Aufarbeitung ist schwierig.
Dass eine Nation aus ihren Fehlern lernt hält Radkau daher auch nur eingeschränkt für möglich: "Lernfähig sind Individuen oder auch kleinere Gruppen und aus beidem zusammen kann sich schon so etwas wie eine Lernfähigkeit der Nation ergeben. Irgendwie hat sich so etwas nach 1945 in unserem Land schon vollzogen, allerdings mit allen möglichen Einschränkungen.“

Eine andere kollektive Fehlentscheidung war die AtompolitikbR> Auf den Kriegsschock der Atombombe folgte Wiedergutmachung: die friedliche Nutzung der Kernenergie. Dabei wurden jedoch Fehler und Risiken jahrzehntelang ignoriert und die Atomenergie zu einem Mythos, zu einer "ideologiegetriebenen Technologie".

Politik kann gefährlich behäbig sein

Der politische Apparat entwickelte eine gefährliche Trägheit und Expertengläubigkeit, die erst durch die Bürgerbewegung der 1970er Jahre aufgebrochen wurde. "Man muss immer damit rechnen, dass Entscheidungen, die man auch aus vernünftigen Gründen fällt, sich auf die Dauer doch als irreführend und falsch erweisen, weil man bestimmte Aspekte, die zunächst marginal wirkten, zu wenig beachtet hat. Das ist auch in der Politik der entscheidende Punkt. Es ist wichtig einen Politikstil zu entwickeln, der fähig ist zum Überdenken und zur Revision gefällter Entscheidungen. Sich einbetonieren in bestimmten Positionen kann verhängnisvoll sein", sagt Radkau.

Fehler und Risiken einschätzen - Die Rolle von Intuition und Verstand

Viele Entscheidungen treffen wir aus dem Bauch heraus. Das ist oft nicht die schlechteste Variante, denn wir entscheiden dann auf Basis einer Mischung von Verstand, Erfahrung und Gefühl. Allerdings funktioniert das nicht immer. Durch unzureichende Informationen oder Panikmache der Medien geraten wir in Situationen, in denen wir, von diffusen Ängsten getrieben, plötzlich völlig irrational entscheiden. Hinzu kommen oft mangelnde Statistikkenntnisse, was eine kompetente Entscheidung zusätzlich erschwert.

Ein gutes Beispiel ist der 11. September
Der Terroranschlag versetzte die Menschen weltweit in Flugangst. Viele Amerikaner sagten anschließend ihre Flugreisen ab und fuhren lieber mit dem Auto. In den ersten Monaten nach den Anschlägen nahm der Verkehr auf amerikanischen Straßen um fünf Prozent zu und über 1500 Amerikaner mehr kamen ums Leben. Eine kollektive Fehlentscheidung also, denn der Straßenverkehr ist viel riskanter als der Flugverkehr.

Viele Informationen werden falsch eingeordnet
In Europa löste BSE eine enorme Angstwelle aus. Der Verkauf von Rindfleisch ging drastisch zurück, obwohl europaweit in den letzten 25 Jahren nur 140 Menschen an dem Erreger starben. Auch der Ausbruch der Schweinegrippe machte vielen Angst, zumal Experten vor einer nie dagewesenen Pandemie warnten. Es wurde Impfstoff für Millionen produziert, der später ungenutzt entsorgt werden musste. Für den Psychologen Gerd Gigerenzer sind dies gute Belege für unseren irrationalen Umgang mit Risiken. Viele Menschen können Verhältnismäßigkeiten nicht abschätzen, überschätzen die langfristigen Auswirkungen und entscheiden deshalb falsch.

Ein weiterer Grund für falsche Entscheidungen liegt auch im Umgang mit Statistiken. Denn diese werden nicht nur von Laien, sondern auch von Fachleuten selbst oft falsch interpretiert und entsprechend falsch weitervermittelt. Beispiel Wetterbericht: Eine Regenwahrscheinlichkeit von 30 Prozent bedeutet, dass es an 30 von 100 Tagen dieser Wetterlage regnet. Kaum einer weiß das.

Kaum einer kann Statistiken richtig deuten
Besonders deutlich zeigt sich der falsche Umgang mit Statistiken aber bei der medizinischen Vorsorge. Befürworter von Reihenuntersuchungen zur Feststellung von Brustkrebs werben mit einer um 25 Prozent verringerten Sterblichkeit. Das klingt erstmal gut. Liest man die Statistik genauer, sterben drei von tausend Frauen, die regelmäßig an einem Mammographie-Screening teilnehmen. Von tausend Frauen, die nicht zu einem Screening gehen, sterben vier. Nur eine von tausend Frauen profitiert also von der Reihenuntersuchung.

Doch in einer ungewissen Welt wie der unseren reichen oft auch Vernunft und statistisches Denken nicht aus. Viele Entscheidungen laufen unbewusst ab und beruhen auf Prozessen, die nichts mit Logik zu tun haben: Bauchgefühle und Intuition. Menschen treffen gerade in komplexen Situationen oft bessere und schnellere Entscheidungen mit einfachen Regeln.

Erfolgreiches wird wiederholt
Diese Faustregeln nennt Gerd Gigerenzer Heuristiken. "Wähle, was du kennst" lautet das erste heuristische Gesetz. Wenn von zwei Objekten das eine bekannt ist und das andere nicht, wählen die meisten Menschen oft automatisch das bekannte, und liegen damit nicht selten auch richtig. Das Unterbewusstsein ordnet unsere Einfälle, je nachdem wie erfolgreich sie in der Vergangenheit waren. Faustregel: "Wähle beim nächsten Mal die zuletzt erfolgreich angewandte Denkstrategie." Heuristik bedeutet auch: Konzentriere dich auf die eine oder die wenigen Informationen und lasse die anderen außer Acht. Zu viele Informationen sind nicht immer hilfreich und können Ursache von Fehlentscheidungen sein.

Am besten funktionieren intuitive Entscheidungen, wenn sie auf viel Erfahrung basieren. Erfahrene Manager verlassen sich zu 50 Prozent auf Ihr Bauchgefühl, auch wenn sie es nicht zugeben, weil sie genug berufliches Wissen verinnerlicht haben. Und das Bauchgefühl hat erstaunlich oft recht. Die Kunst ist es also, die richtige Balance zwischen Intuition und Verstand für seine Entscheidungen zu finden - und das ist und bleibt gar nicht so einfach.



Nachgefragt: Versuchen Sie aus Fehlern zu lernen?
UmfrageUmfrage
"Ja, ich versuche rauszufinden, wodurch die Fehler passiert sind und dann probiere ich sie beim nächsten Mal zu eliminieren." Das ist nur eine der Antworten, die uns Mainzer Passanten auf die Frage gegeben haben.
Umfrage ansehen


Leseecke

Get Scobels Empfehlungen
<b>"Der Fall Mollath" / "Der Richter und sein Opfer"</b><bR>In beiden Büchern zeichnet sich ein erschütterndes Bild unseres Rechtssystems ab.
Buchtipp
"Der Fall Mollath" / "Der Richter und sein Opfer"
In beiden Büchern zeichnet sich ein erschütterndes Bild unseres Rechtssystems ab.
<b>"Organisation und Störung" </b><bR>Ein starkes Buch von Dirk Baecker, das die behäbige Ordnung erheblich stört.  © Suhrkamp
Buchtipp
"Organisation und Störung"
Ein starkes Buch von Dirk Baecker, das die behäbige Ordnung erheblich stört.

<b>"Models. Behaving. Badly"</b><br /> Emanuel Derman weiß genau, wovon er schreibt.  Ein absolut lesenswertes Buch. © Hoffmann und Campe
Buchtipp
"Models. Behaving. Badly"
Emanuel Derman weiß genau, wovon er schreibt. Ein absolut lesenswertes Buch.
<b>"Fatale Fehler"</b><br />Jan Hagen zeigt anhand von Beispielen, warum Organisationen ein Fehlermanagement brauchen. © springer
Buchtipp
"Fatale Fehler"
Jan Hagen zeigt anhand von Beispielen, warum Organisationen ein Fehlermanagement brauchen.

Rezensionen

Auch interessant ...

Was ist die Wahrheit wert?
© dapd
Von Galileo Galilei bis zu Edward Snowden - gibt es die eine objektive, absolute Wahrheit? Welche Bedeutung hat die Wahrheit für unser Leben?
Schwerpunkt lesen

Sendedaten
scobel
Aus Fehlern lernen?
scobel am Donnerstag,
18. Mai 2017, um 21.00 Uhr
(Erstsendung 18. Juni 2015)
Wissenschaft am Donnerstag
Die Cholesterin-Lüge
Dokumentation um 20.15 Uhr
Kolumne
Was uns fehlt, ist
eine gute Fehlerkultur.

Gedanken von Gert Scobel
zum Thema der Sendung.
Gäste der Sendung
Wie kann ein konstruktiver Umgang mit Fehlentscheidungen aussehen? Über Handlungsalternativen und deren Revidierbarkeit diskutiert Gert Scobel mit seinen Gästen.

Dirk Baecker
Soziologe
Dieter Frey
Sozialpsychologe
Andreas Geipe
Rechtsanwalt