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Unterliegt die Wissenschaft dem Inszenierungstrend?
Kolumne: Hier das Sein, dort der Schein
Gedanken von Gert Scobel
Man kann daran zweifeln - und ich persönlich halte das für klug - dass die Welt so aufgebaut ist, dass es "Substanzen" gibt, die sich dann mit Eigenschaften, mit Beiläufigem (die philosophische Tradition des Mittelalters sprach von Akzidenzien) umgeben: oder wie man heute sagen würde "von Schein".
Hier also das Sein, dort der Schein. Beginnt man aber den angeblichen Schein vom Sein zu trennen, und die Zwiebel zu häuten, stellt man bald fest, dass man nichts mehr in der Hand hält. Was wir von den Dingen haben, bemerkte Nietzsche einmal sinngemäß, ist gerade ihre Oberfläche. Nicht sie ist das Falsche, sondern der Glaube an eine Hinterwelt, eine Welt hinter den Dingen.

Ist jede Theorie inszeniert?
Ich gebe zu dass das eine Menge Holz ist, über die man heftig debattieren, aber auch gute philosophische Lagerfeuer entfachen kann. Ich muss gestehen dass es mich befremdet hat zu sehen, in welchem Ausmaß Gutachten vor Gericht unzuverlässig und nicht selten auch falsch sind. Einer der Gründe dafür ist, dass die Gutachter nicht wirklich qualifiziert sind und keine wissenschaftlichen Methoden anwenden.

Dennoch haben sie Erfolg und ihre (falschen) Gutachten weiterhin große (und fatale) Wirkung. Warum? Weil sie es verstehen, Kompetenz zu simulieren und Wissenschaftlichkeit zu inszenieren. Genau dieser Umstand war der Ausgangspunkt für die Frage, wie es um Denken, Theorien und Wissenschaft mit Blick auf Inszenierung steht. Im Kino, in Literatur und Theater genießen wir den Umstand, dass etwas inszeniert ist. Doch die immer deutlicher zu erkennende, von den Amerikanern abgeschaute Inszenierung von Parteitagen erregt Misstrauen. Gleiches gilt für die zunehmende Inszenierung von Wissenschaft - ein Trend, der nicht zu trennen ist von einer deutlichen Zunahme an wissenschaftlichen Fakes und Betrugsskandalen.

Ist am Ende nicht jede Theorie inszeniert - allein schon deshalb, weil hinter ihr notwendig eine Theoriearchitektur, ein Theoriedesign steckt? Der Vorschlag, hier die Spreu vom Weizen zu trennen, indem man die Inszenierung sozusagen aus der Sache selbst herausnimmt, führt nicht weiter. Es gibt keine Sache "für sich“. Und jede andere Formierung der Sache ist eben nur eine weitere Form - aber keine Formlosigkeit. Bleibt also nur, zwischen guten (unbemerkten?) und schlechten Inszenierungen zu unterscheiden? Vielleicht ist das etwas wenig, wenn es wie bei gerichtlichen oder medizinischen Gutachten um das Leben von Menschen geht.

Welche Kriterien gelten für Erfolg?
Deshalb gehen wir in der Sendung der Frage nach, welchen Stellenwert Inszenierungen heute haben - und ob nicht tatsächlich, wie Mathias Binswanger in seinem Buch "Sinnlose Wettbewerbe“ zeigte, auch die Wissenschaft und mit ihr die Idee der Wahrheit längst vereinnahmt worden ist von einem unaufhaltbaren Inszenierungstrend. Viele der Wettbewerbe, die im "Land der Ideen“ und in Exzellenzclustern stattfinden, sind ebenso künstlich wie die Kennzahlen, die als inzwischen als einzig verlässliches Kriterien für den "Erfolg“ eines Wissenschaftlers bzw. einer Wissenschaftlerin gelten.

Die richtige Form der Inszenierung
Wie Nietzsche in Götzendämmerung bemerkte: "Die wahre Welt haben wir abgeschafft. Welche Welt blieb übrig? Die scheinbare vielleicht?“ Nietzsches Frage dürfte nicht jedem schmecken. Und erst recht nicht seine Antwort. Denn Nietzsche war der Meinung, dass wir mit der wahren Welt auch die scheinbare - nämlich die Unterscheidung zwiwschen beiden - abgeschafft haben. Es handelt sich bei der Vorstellung, dass es eine Wahrheit oder uninszenierte Gedanken überhaupt gebe um eine Idee, die laut Nietzsche zu nichts mehr nütze ist. "Eine überflüssig gewordene Idee, eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!“. Die Frage lautet: Hat Nietzsche recht? Können wir das? Und falls nein – geht es dann nur noch darum, sich für die eine oder die andere Form der Inszenierung zu entscheiden (falls man das wie in der Politik überhaupt kann)?


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Vom Spiel der Inszenierung
wissenschaftlicher Forschung
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Warum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was ist genau an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Ansichten dazu niedergeschrieben.
Mediathek: Literatur
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"Sinnlose Wettbewerbe: Warum wir immer mehr Unsinn produzieren"von Mathias Binswanger