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Wo genau sitzt das "Gottes-Gen"?
Gott im Gehirn
Religiöse Gefühle als evolutionärer Vorteil?
Gott ist überall. Im Menschen und um ihn herum - wenn er zweifelt, trauert oder hofft, und wenn er betet oder meditiert. Lässt das Gemeinsame der Weltreligionen, Gott als der perspektivische Mittelpunkt des jeweils eigenen, beschränkten Welthorizonts, auf einen gemeinsamen subjektiven Ursprung schließen? Ist Gott dort, wo der Gläubige und seine Sehnsucht nach Welterklärung ihn vermuten? Welche Rolle spielt unser Gehirn?

Gene - biologische Grundlage spiritueller Erfahrungen?
In unserer genetischen Natur will der Krebsforscher Dean Hamer ein "Gottes-Gen" entdeckt haben. Bei der Untersuchung von rund tausend gleichgeschlechtlichen Geschwistern für eine Raucherstudie, stieß Hamer bei einem Vergleich ihres Erbgutes auf eine Variante des Gens VMAT2, das für die Produktion von Botenstoffen wie Adrenalin oder Dopamin zuständig ist. Stoffe, die Emotionen auslösen und damit möglicherweise auch Grenzüberschreitungen zwischen Ich und Nicht-Ich. Hamer meint, die Gene bestimmen darüber, dass wir glauben, aber nicht, was wir glauben. Mittels Kernspin-Tomograph untersuchte Andrew Newberg die Gehirne Meditierender verschiedenster Richtungen und Religionen und stellte bei allen Probanden eine nachlassende Durchblutung der Großhirnrinde und eine Deaktivierung der Region, die normalerweise die Orientierung steuert, fest. "Während der Meditation nimmt die neuronale Aktivität in diesem Bereich dramatisch ab. Es ist der Teil des Gehirns, der dafür sorgt, dass ein Ich-Gefühl entsteht und die Grenze zwischen dem Ich und der Welt bestimmt wird. Dadurch, dass die Aktivität in diesem Bereich reduziert wird, verliert der Meditierende dieses Ich-Gefühl und hat den Eindruck, mit dem Gegenstand der Meditation zu verschmelzen", erklärt Newberg. Seiner Meinung nach fördert das Gehirn die Sehnsucht, eins zu werden mit etwas Größerem.

Religion als vernünftige Notwendigkeit
Alle Informationen passierten vor der Großhirnrinde, der Hüterin der Logik, im Limbischen System, der Verwaltungszentrale für Gefühle und zugleich emotionales Gedächtnis. "Man kann die Forschungsergebnisse so deuten, dass Gott nicht existiert, dass sich alles nur im Kopf abspielt, und dass es nichts gibt, worauf sich die Gotteserfahrung bezieht", so Newberg. "Doch wenn man das so interpretiert, ignoriert man einige wichtige und interessante Punkte: Ist religiöser Glaube ein Artefakt des Gehirns, eine Sache der Nerven und der Schläfenlappen?" So denkt zum Beispiel der Neurowissenschaftler Michael Persinger, der das Gehirn in langjährigen Versuchen künstlichen Magnetfeldern aussetzte, vergleichbar den elektrischen Gewittern eines epileptischen Anfalls. Danach glaubten über 80 Prozent der Probanden, innere Stimmen zu hören oder ein "fremdes Ego" zu spüren. Selbst bei Skeptikern und Atheisten stellte sich ein Präsenz-Gefühl ein. Wissenschaftler halten eine Art religiöser Schaltkreise im Gehirn für möglich, eine Art "Gottes Modul", als Sitz religiöser Gefühle im Gehirn. Tatsächlich könnten sich mystische Erfahrungen in der Evolution des Menschen als günstig erwiesen haben. Das Gefühl der Einheit könnte notwendig sein, um die widersprüchliche Komplexität des Lebens zu bewältigen. Und unabhängig davon, scheint unser Gehirn gut für spirituelle Erfahrungen eingerichtet zu sein. Ob sie nur einer Funktion des Gehirns ist, ist damit nicht entschieden und bleibt vorerst weiter eine Sache des Glaubens.

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