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Lupe
Rino Aita erklärt sein selbst entwickeltes Selbstverteidigungssystem
Selbstverteidigung - Lernen, sich zu wehren
Interview mit dem Kampfsporttrainer Rino Aita
Rino Aita arbeitet seit vielen Jahren sehr erfolgreich mit einem selbst entwickelten Selbstverteidigungssystem. Ziel ist es, das Selbstbewusstsein schon bei Kindern systematisch über das Kampfsporttraining zu steigern.
Seit die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen für Frauen massiv gestiegen ist, bietet Aita Kurse an, in denen Frauen wirksame Kniffe und Tricks lernen, um sich in einer Gefahrensituation selbst zu helfen. Sich zu befreien und zurückzuschlagen – oder wie Rino Aita es formuliert: "Vom Opfer zur Gegnerin" zu werden! Rino Aita ist Diplomsportlehrer, Diplomsportmanager und Leiter einer Kampfsportschule in der Nähe von Mainz. Er ist zudem Großmeister in zwei Kampfsportarten und internationaler Teak Won Do Champion.

Rino Aitas Selbstverteidigungssystem in Bildern

Erste Vorbereitungen  <br />Knieschoner und....LupeErste Vorbereitungen
Knieschoner und....
Boxhandschuhe für das <br />Vollkontakt TrainingLupeBoxhandschuhe für das
Vollkontakt Training



Welche Strategie ist bei einem Angriff die bessere: Stillhalten oder sich wehren?
Rino Aita: Bei einem Angriff ist sich wehren die bessere Strategie. Das belegen alle Statistiken, die besagen, dass Frauen, die sich gewehrt haben, gut damit weg kommen. Es gibt eine große Statistik aus den USA, die ist schon ein bisschen älter - aber immer noch aussagekräftig - die besagt, dass weniger als 9 Prozent der Frauen, die sich gewehrt haben, ernsthafte Verletzungen davon getragen haben, höchstens ein paar blaue Flecken oder Kratzer. Die Frauen, die sich nicht gewehrt haben, sind Opfer einer Gewalttat geworden.

Kann Selbstverteidigung kurzfristig erlernt werden?
Rino Aita: Es ist wie bei allen Sachen, die man kurzfristig erlernt, natürlich eine unsichere Sache. Kurzfristig sollte man nie weniger als zehn Stunden in einem Kompaktkurs sein. 15 Stunden wären besser, aber regelmäßiges Training ist eigentlich unabdingbar, wenn man wirklich gut lernen will, sich selbst zu verteidigen. Es ist wie beim Autofahren, man lernt es erst nach einer gewissen Zeit, einer Praxis und nicht nach zwei oder drei Stunden. Natürlich kann man mit einem kurzfristigen Training sein Verhalten ein bisschen ändern, indem man Wissen erlangt über gefährliche Situationen, darüber, wer Täter und wer Opfer ist. Es ist besser als gar nichts zu tun. Man hat seine Chancen zumindest ein wenig verbessert.

Was kann langfristig getan werden?
RiRino Aita: Wenn Frauen sich mit dem Thema Selbstverteidigung ernsthaft befassen wollen, dann ist ein regelmäßiges Training unabdingbar. Es ist sehr schwierig Verhaltensmodifikationen in einen begrenzten Kurs rein zu packen, sodass diese auch nachhaltig wirksam sind. Regelmäßiges Training - das ist mein Tipp!

Geht es mehr um die physischen Komponenten oder auch um die Psyche?
Sowohl als auch. Man muss auf der psychischen Seite darüber Wissen erlangen, wer Opfer wird und wer nicht und wie man sich durch sein eigenes Verhalten schützen kann. Wie kann man ein Selbstbewusstsein aufbauen? Allein durch die Tatsache, dass man weiß, worum es geht. Denn nur, wer die Gefahr kennt, kann ihr begegnen. Auf der physischen Seite ist es unabdingbar, bestimmte Techniken zu lernen, die man in einer Situation anwenden kann, in der man überfallen wird – und zwar mit physischer Gewalt. Da hilft Selbstbehauptung allein nicht mehr. Da muss man Tricks und Kniffe gelernt und regelmäßig trainiert haben, um aus so einer Situation als "Sieger" raus zu gehen.

Wie groß ist das Zeitfenster, das eine Frau hat, um sich zu verteidigen, und wie wichtig ist der Überraschungsmoment?
Rino Aita: Es kommt auf den Angriff an. Der Überraschungseffekt ist ja schon gegeben, denn wenn ein Täter ein vermeintliches "Opfer" angreift, rechnet er nicht mit Gegenwehr. Sonst würde er ja nicht angreifen. Wenn sein vermeintliches "Opfer" dann aber plötzlich mit einer vernünftigen Technik an einer empfindlichen Stelle des Täters trifft, Hals oder Genitalbereich dann ist der Überraschungsmoment sehr wichtig und auch effektiv.

Wie wichtig ist Training mit Vollkontakt in einem Selbstverteidigungskurs?
Rino Aita: Wenn man Menschen beibringen will, sich auf der Straße zu verteidigen, dann bringt man ihnen bei, auf der Straße zu kämpfen, denn eine Selbstverteidigungssituation ist immer eine Kampfsituation. Die wird man aber nicht meistern, wenn man nie selbst gekämpft hat, sei es im Ring oder auf der Kampffläche, wenn man nie vorher gespürt hat, wie es ist, wenn Hormone ausgeschüttet werden, wenn man nie die Anfangsängste überwunden hat, wenn man nie gefühlt hat, wie es ist, wenn man einen Schlag abkriegt, wie es ist, wenn man austeilt (…). Ohne Kontakt zu üben bringt gar nichts! Nur so lernt man, wie der eigene Körper und somit auch man selbst in einer Gefahrensituation reagiert. Denn es passiert in so einem Moment so viel im Körper, was man aus normalen Alltagssituationen nicht kennt. Schlagworte wie "Fluchtreflex", das Nutzen von "autonom geschützten Reserven" des Körpers usw.. Ein guter Trainer und ein entsprechendes Training können da einiges bewegen.

Ist Selbstbehauptung die Grundvoraussetzung für die Selbstverteidigung?
Rino Aita: Das wird oftmals behauptet, es werden ja auch viele Kurse angeboten, in denen es nur um Selbstbehauptung geht. Meiner Meinung nach ist es genau umgekehrt. Aufgrund der Tatsache, dass man weiß, wie man sich physisch verteidigen kann, dass man Griffe, Techniken gelernt hat, kann man sich dann automatisch auch selbst behaupten. Eine reine Selbstbehauptung, ohne physische Techniken zu lernen, finde ich sehr gefährlich. In einer Situation, in der der Gegner physisch wird, reicht Selbstbehauptung nicht mehr aus.Wenn man dann kein Repertoire an Techniken hat, dem zu begegnen, dann finde ich das sehr gefährlich. Es gibt ja hinlänglich Beispiele aus der nahen Vergangenheit, wo sowas fatale Folgen hatte. Man muss Wissen was man tut und es auch können.

Wie kann man sich bei der Flut an Angeboten an Selbstverteidigungskursen orientieren?
Rino Aita: Man muss zunächst einmal differenzieren zwischen Kampfsportarten und Selbstverteidigungssystemen. Kampfsportarten sind nicht immer geeignet für die Ziele, die die Selbstverteidigung hat. Das Problem ist, dass Kampfsportarten, wie der Name schon sagt, zum Sport zählen. Da gibt es Regeln. Es geht darum, den Gegner nach Punkten in einem fairen Wettkampf zu besiegen. Dieser faire Wettkampf, der findet natürlich auf der Straße nicht statt, wenn man überfallen wird. Da gibt es plötzlich keine Regeln mehr, da kommt Angst ins Spiel, die man aus der Wettkampfsituation so nicht kennt. Deshalb sollte man erst mal schauen, wo gibt es ein adäquates Selbstverteidigungsangebot, mit entsprechend ausgebildeten Trainern.

Wer trainiert hauptsächlich bei Dir?
Rino Aita: Wir trainieren Frauen, Kinder, Jugendliche, aber auch Männer. Eigentlich alle. Menschen jeden Alters kommen zu uns. Überwiegend sind es allerdings Kinder, zunehmend aber auch Frauen, die einen Weg suchen, sich auf der Straße, zuhause oder wo auch immer, sicherer zu fühlen. Dann kommt es drauf an, mit welcher Intension sie kommen. Bei den Kindern sind es oftmals die Eltern die den ersten Schritt machen, die wollen, dass die Kinder sich bewegen, dass sie Disziplin und Höflichkeit lernen. Aber auch, dass sie am besten noch selbstbewusster werden und lernen sich zu wehren. Auf der anderen Seite kommen auch Eltern, wo das Kind zu viel Selbstbewusstsein hat und sich überschätzt. Und das kann man bei uns und im Kampfsport allgemein ganz gut steuern, weil es eine sehr disziplinbehaftete Sportart ist. Das ist der Sport, den wir hier anbieten. Dann haben wir das Selbstverteidigungssystem, ein an der Realität angelehntes Sicherheitstraing. Ganz wie in der Realität können wir natürlich nicht trainieren. Wir versuchen aber nah an der Realität dran zu bleiben und versuchen den Frauen, den Menschen, zu vermitteln was sie machen können, um nicht zum Opfer zu werden.

Was ist, wenn ein Übergriff durch Bekannte oder Freunde stattfindet. Wie kann eine Frau sich darauf vorbereiten?
Rino Aita: Das ist sehr, sehr schwierig, wenn man vom Partner, einem nahen Verwandten oder Bekannten in eine solche Situation gebracht wird, denn damit rechnet man ja nicht. (…) Vielleicht hat sich da ja auch schon im Vorfeld schon mal so was angebahnt, da ist es dann wichtig, auch auf seinen Instinkt zu hören (…) Frauen sollten Stärkesignale setzen, damit der Mann weiß, sie ist kein Opfer, sondern ein Gegner.

Wie geht man mit seiner Angst um?
Rino Aita: Wenn man regelmäßig trainiert, lernt man seine Angst zu kontrollieren. In Kampfsituationen darf immer auch ein bisschen Zorn mit reinkommen, das ist gar nicht so schlecht. Es darf aber nicht so sein, das der Zorn einen die Kontrolle verlieren lässt. Angst ist nicht negativ zu sehen. Sie macht einen vorsichtig und aufmerksam.

Wie findet man einen seriösen Anbieter?
Rino Aita: Das ist schwierig. In der Regel kommt man ja als Laie in eine Sportschule oder in ein Selbstverteidigungszentrum. Da hängen dann ein Haufen Urkunden an der Wand, wo man auf den ersten Blick gar nicht nachvollziehen kann, wo die herkommen. Davon sollte man sich nicht blenden lassen, denn die zählen im Selbstverteidigungsbereich oft gar nichts. Auch der schwarze Gürtel sagt erst einmal nur, wie lange derjenige schon trainiert. Ich würde jedem raten den verantwortlichen Trainer zu fragen, welche Berufsausbildung er hat, ob er überhaupt eine berufliche Ausbildung im Bereich "Sport", "Pädagogik" oder "Kampfsport" hat. Hat er seine Zertifizierung bei einem staatlich anerkannten Institut erworben? Ist er vielleicht sogar studierter Lehrer und hat sich danach spezialisiert? Dadurch dass der Bereich Kampfsport/Selbstverteidigung boomt, gibt es zurzeit sehr viele unseriöse Anbieter auf dem Markt.

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