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Scobels Kolumne: Das Ende der Freiheiten
"Wissenschaften" - Gedanken von Gert Scobel
Eine Frage, die mich lange schon beschäftigt, lautet: Befinden sich die Wissenschaften - allen voran Physik, Kosmologie, Biologie und Neurowissenschaften – in einer Krise? Löcher im Wissen zu stopfen gehört zum Alltagsgeschäft der Wissenschaften - ebenso wie die Aufgabe mit bestehenden Widersprüchen und Paradoxien umzugehen.
So weit so gut. Was aber, wenn die Theorien buchstäblich in Blöcke zerfallen wie in der Quanten- und Relativitätstheorie, von denen der eine die Welt im Kleinen, der andere die im Großen behandelt? Was, wenn eine Wissenschaft "Leitwissenschaft" wird und gründlich andere Disziplinen wie Psychologie, Soziologie oder auch Ökonomie durcheinanderschüttelt wie die Neurowissenschaften, ohne jedoch eine klare, das Ganze ihres Forschungsobjektes betreffende einheitliche Theorie vorlegen zu können und darüber hinaus Versprechungen zu machen ("wir werden bald Alzheimer und Parkinson heilen können"), aber weiter denn je davon entfernt zu sein?

Was, wenn eine Wissenschaft wie die Biologie verspricht, mit der Entschlüsselung des Genoms Krebs bald heilen zu können (und nun entdeckt dass alles viel komplexer ist als gedacht)? Und was, wenn wir 96 % dessen, was wir bislang im Weltraum betrachteten und dachten verstehen zu können, nicht verstehen (dunkle Materie und dunkle Energie)?

Eine These, viele Argumente
Vielleicht wird all das erst zum Problem, wenn man einen Gedanken voraussetzt, der maßgeblich war für den weltweiten Erfolg der deutschen Universitäten bis zur Naziherrschaft: die Humboldt’sche Idee der Einheit des Wissens. Mir scheint, dass wir die Arbeit an der Integration der Disziplinen und der Kohärenz des Wissens weitgehend aufgeben haben.

Wissenschaft ist heute fragmentierter denn je. Das liegt jedoch nicht nur an den unterschiedlichen Methoden der einzelnen Disziplinen, sondern mindestens ebenso an den Punkt für Punkt feststehenden Prüfungsordnungen, die keinerlei Freiheit mehr für Studenten und Lehrende lassen.

Wenn man ins Detail geht wie das beispielsweise Reinhard Brandt in seinem Buch "Wozu noch Universitäten?" oder Mark Roche in "Was die deutschen Universitäten von den amerikanischen lernen können und was sie vermeiden sollten" machen, dann versteht man kaum noch, warum die deutschen Universitäten ihre Vorreiterrolle verspielt haben und in vielen Aspekten so schlecht wurden, wie sie heute sind.

Sicher: Hohe Studentenzahlen schaffen Geldprobleme. Aber das ist nicht alles. Wer mit Blick auf die Verwertbarkeit nur Forschung will und Lehre für weitgehend überflüssig hält, der gefährdet das System ebenso, wie derjenige, der den Wechsel zwischen den Hochschulen, der einer der großen Vorteile des deutschen Systems war, durch engmaschige Prüfungsordnungen unmöglich macht und obendrein für ein heute ausgeprägtes Schmalspurdenken sorgt, das jeden Blick über den Tellerrand erschwert.

Allein schon die räumliche Trennung der Fakultäten, auf den nicht selten weit verstreuten Universitätsgeländen, könnte ein Sinnbild dafür sein, wie wenig Interdisziplinarität wirklich in der Ausbildung und zuweilen auch in der Forschung existieren.

Sie ahnen in welche Richtungen die Frage nach einer Krise der Wissenschaften weist. Erstens ist die Frage, ob es eine Krise des wissenschaftlichen Weltbildes gibt (etwa mit Blick auf seine zunehmende Fragmentierung oder die Frage, ob der gegenwärtige Reduktionismus als Leitidee noch zu halten ist). Zweitens kann man von einer Krise mit Blick auf die jeweilige Lage der Einzelwissenschaften sprechen, sowie drittens von einer Krise in Bezug auf die Grundlagen und Bedingungen, die gesellschaftlich, kulturell, politisch und ökonomisch Wissenschaft erst möglich machen. Diese Frage betrifft vor allem die Hochschulen und Universitäten.

Gibt es also eine Krise der Wissenschaften? Mir scheint, dass es für diese These eine Reihe von Argumenten gibt. Falls das stimmt, dann lautet die nächste Frage: Wie können wir so mit dieser Krise umgehen, dass wir nicht nur nachhaltig Wissen fördern und die Widersprüche lösen, sondern auch für ein Bildungssystem sorgen, das Bedeutung hat und pathetisch formuliert eine heilsame Rolle bei der Lösung von dringenden Problemen im Bereich Kultur, Gesellschaft, Politik, Natur und Wirtschaft spielt?



Sendung zum Thema
© colourbox.deKrise in den Wissenschaften?
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© ZDF_Kerstin_BänschWarum werden in "scobel" bestimmte Themen aufgegriffen und was genau ist an diesen besonders faszinierend? Gert Scobel hat seine Gedanken dazu niedergeschrieben.