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© reuters Lupe
Wie riskant sind Humanbiobanken?
Spagat zwischen Vernetzung und Datenschutz
Menschliche Blut-, Urin- und Gewebeproben sind eine Schatzkammer voller genetischer Informationen. Humanbiobanken haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Materialien langfristig zu sammeln und der Forschung zur Verfügung zu stellen. Eine der größten nationalen Biobanken entsteht zurzeit am Universitätsklinikum Würzburg.
"Bislang wurden die Proben immer gezielt für einen bestimmten Forschungszweck gesammelt. Wir haben einen 'open consent'. Das heisst, wir holen uns die Einwilligung der Patienten zur Spende in die Biobank in einem sehr offenen Kontext ein. Die Patienten bekommen also gesagt, dass wir ihre Proben für die medizinische Forschung im Allgemeinen brauchen. Das heißt, dass sich erst in zukünftigen Settings die Fragestellungen ergeben, für die dann diese Proben unter Umständen interessant werden", so Michael Neumann von der Biomaterial- und Datenbank Würzburg.

Rückschlüsse zwischen Daten und Lebensgeschichte
Von elementarer Bedeutung ist dabei die Verbindung des Biomaterials mit den Daten des Spenders. Sie umfassen je nach Fall Alter und Geschlecht bis hin zur kompletten Lebens- und Krankengeschichte eines Patienten. Je umfangreicher die persönlichen Daten, desto genauere Reihenuntersuchungen sind später einmal möglich. Umso besser kann man herausfinden, welche genetischen Risikofaktoren in der Bevölkerung verbreitet sind und welche Lebensumstände sie beeinflussen.

Die Kernfrage jeder Humanbiodatenbank muss daher lauten: Wie lassen sich die Persönlichkeitsrechte schützen, ohne die medizinische Forschung zu behindern? In der Biobank in Würzburg gilt der Grundsatz, dass alle Daten pseudonymisiert verarbeitet werden. Das bedeutet, das die Identität des jeweiligen Spenders verschleiert und in der Biobank nicht ersichtlich ist. Sie kann nur über einen Datentreuhänder wieder aufgelöst werden. Pseudonymisierung bedeutet, dass das Kennzeichen des jeweiligen Spenders wieder entschlüsselt werden kann.

Biobankgeheimnis beinhaltet Schweigepflicht
1,2 Millionen Proben sollen einmal in Würzburg eingelagert werden. Bei zirka minus 80 Grad Celsius werden sie mit Hilfe eines Roboters eingelagert und wieder hervorgeholt. Bei ihrer Arbeit orientieren sich die Würzburger an dem 5-Säulen-Modell, das der Deutsche Ethikrat für Biodatenbanken entwickelt hat. Es empfiehlt eine genaue Festlegung der Nutzung, die Einbeziehung von Ethikkommissionen, eine Qualitätssicherung und Transparenz. An erster Stelle steht jedoch das Biobankgeheimnis, das unter anderem eine Schweigepflicht aller Beteiligten umfasst.

"Es sollte nicht passieren, dass die Daten eines Patienten ohne dessen Wissen in einem Kontext verwendet werden, den er nicht für gut hält und dem er niemals zustimmen würde. Das betrifft Versicherungen, Arbeitgeber, die Polizei und die Staatsanwaltschaft. Niemand sollte wegen seiner Daten irgendwelche Nachteile erleiden. Es sei denn, er willigt wissentlich in die Verwendung seiner Daten ein. Hier müssen wir höchstmögliche Maßstäbe ansetzen", so Michael Neumann.

Datenmissbrauch befürchtet
Ein abschreckendes Beispiel sind kommerzielle Biobanken. In Island wollte die Firma Decode Genetics das Erbgut aller Inselbewohner entschlüsseln. Ein Gericht untersagte jedoch das Sammeln von Daten ohne Einwilligung der Beteiligten. Inzwischen geht die Firma einen Schritt weiter. Mit bioinformatischen Methoden will sie die Daten, die sie bisher durch Einwilligung erhielt, auf die gesamte Bevölkerung hochrechnen. Ein neuer Rechtsstreit ist entbrannt. Der Missbrauch von Daten beschränkt sich aber nicht nur auf Island.

"In anderen Ländern gelten andere Regeln. In England oder den USA wird Datenschutz in einer ganz anderen Weise als in Deutschland gehandhabt. Biobanken gehen möglicherweise auch gezielt ins Ausland, um andere Datenschutzbestimmungen vorzufinden. Das ist mit Deutschland in keiner Weise vergleichbar", so Michael Neumann. Eine große Gefahr entsteht auch aus der Vernetzung der Biodatenbanken. Denn wer garantiert, dass die Standards von Würzburg überall in Deutschland eingehalten werden? Und wie reagiert man auf Anfragen aus dem Ausland? Der Datenspender ist dabei in der schwächsten Position. Die Bioinformatik kann seine Proben immer perfekter analysieren und die dazu passenden Medizindaten lassen sich an vielen Orten finden.

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