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© colourbox Lupe
Entscheidungskompetenz befähigt zur Führung.
Verlust der Entscheidungsfähigkeit
Erfahrung, Wissen und Intuition werden ersetzt
Der Mensch braucht Entscheidungen. Sich zu entscheiden bedeutet, sich an ständig verändernde Lebensumstände anzupassen und neue zu gestalten. Beim Klettern in einer Steilwand ist jeder Griff und jeder Schritt entscheidend. Dazu bedarf es einer profunden Kenntnis des Felsens, der körperlichen Kräfte und der Ausrüstung. Alternativen müssen auf ihre möglichen Konsequenzen geprüft werden.
Als Reaktion auf Entscheidungen müssen auch Rückschritte in Kauf genommen werden, die es ermöglichen, Lehren für künftige Entscheidungen zu ziehen. Jede Entscheidung basiert auf Intuition und Berechnung. Der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer bezeichnet Intuition als "eine Form unbewusster Intelligenz". Ihr Gegenteil ist Berechnung. Doch beide sind wichtig. Intuition wird zu Unrecht meist als evolutionär veraltete Struktur diffamiert. Tatsächlich basiert sie auf viel Erfahrung, die im Unbewussten verborgen liegt und unsere Entscheidungen wesentlich prägt.
"Wenn der Mensch seine Entscheidungsautonomie abgibt, ist sein Menschsein bedroht."

Software ersetzt Entscheidungsfindung
Das Internet der Dinge ersetzt Erfahrung, Wissen und Intuition durch eine Software, die auf Statistiken und Wahrscheinlichkeits-berechnungen basiert. Diese ersetzt dann menschliche Entscheidungen. Auf die Automatisierung der menschlichen Arbeit folgt die "Automatisierung des Geistes". Auf die Optimierung der Produktion folgt die Optimierung des Menschen. Das Internet der Dinge will die Ungewissheit menschlicher Entscheidungen in eine Welt des berechenbaren Risikos übersetzen. Doch gerade die Suche nach Sicherheit stellt das größte Hindernis auf dem Weg zur Risikokompetenz dar.

Todlangweilige Zukunft
Je mehr Entscheidungen von Computerprogrammen übernommen werden, desto größer die Desensibilisierung des Menschen in Hinsicht auf Problemlagen. So schwindet seine Fähigkeit, mit komplexen Situationen umzugehen und die Welt bewusst zu gestalten. Diese Schwächung der Entscheidungsfähigkeit führt zu einem Verlust an Verantwortung und Freiheit - und damit auch zu einem Verlust an Moral. Kann es eine völlige Gewissheit über die Welt, wie sie die Technologie vorgaukelt, geben? Wäre dies überhaupt wünschenswert? Der Mensch fände kaum noch Anlass für Freude oder Schmerz. Die Welt wäre todlangweilig.

Die schleichende Enteignung der individuellen Entscheidungsautonomie verändert auch unsere Gesellschaft. Menschliche Intuition ist unentbehrlich in einer Welt der Komplexität. Die Logik des Internets der Dinge dagegen kennt nur eine Welt der Gewissheiten. Die Annahme, dass alle Risiken bekannt sind, ist eine Gewissheitsillusion. Die Risiken im Straßenverkehr sind nicht vollständig berechenbar, und die Risiken für die Gesellschaft erst recht nicht.

Entscheidungskompetenz notwendig
Entscheidungskompetenz ist eine wichtige Voraussetzung für Entschiedenheit und befähigt zur Führung. Nichtentscheiden ist die Entscheidung, eine Entscheidung anderen zu überlassen. Je mehr Bürger in eine solche Unmündigkeit gedrängt werden, desto größer wird das Gefälle zwischen Mächtigen und Ohnmächtigen, zwischen Arm und Reich. Keine Risiken einzugehen und keine Fehler zu machen, bedeutet auch, unfähig zur Innovation zu sein. So wie der Einzelne muss auch eine Gesellschaft aus Fehlern lernen und dieses Wissen kommunizieren. Und das ist unverzichtbar für unsere Demokratie, für Meinungsbildung, Zielfindung und soziale Kontakte. Unsere geistigen Fähigkeiten und unsere Technologien bilden ein zusammenhängendes System. Der Mensch muss sein Verhältnis zu den von ihm geschaffenen Technologien ständig neu gestalten. Das heißt, er muss sich entscheiden.

Sendung zum Thema
Internet der Dinge