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Lupe
Aberglaube und radikale Entzauberung der Welt
Warum wir noch abergläubig sind
Warum sind wir in der (einigermaßen) aufgeklärten (westlichen) Welt (immer noch) abergläubisch? Sicher ist ein Motiv in der für viele zu drastischen und zu radikalen Entzauberung der Welt zu sehen. Viele Menschen sehnen sich nach einer Wieder-Verzauberung, nach einem Geheimnis, einer verborgenen Macht, die sie nach Möglichkeit jedoch weitgehend erkennen und im Idealfall sogar beeinflussen können.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich mit dem Erfolg der "neuen" Wissenschaften zugleich immer auch eine starke Strömung beobachten lässt, die sich mit okkulten Phänomenen befasst. Spiritistische und esoterische Gesellschaften waren Bollwerke gegen die fortschreitende Entzauberung der Welt. Und heute? Eine gute Antwort liefert in meinen Augen ausgerechnet ein nahezu 500 Jahre alter Text: Luthers 1529 veröffentlichte Befassung mit dem ersten Gebot im "Großen Katechismus".

"Was heißt: einen Gott haben?"
Die Frage, die Martin Luther sich stellt, lautet: "Was heißt, einen Gott haben oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott."

Vertrauen und "Zuversicht des Herzens" - all das sind Einstellungen und Regungen, die notwendig auch zum Leben eines modernen Menschen gehören. Ohne Vertrauen kann niemand leben; und ohne eine einigermaßen passable Deutung der Welt ebenfalls nicht. Wir Menschen suchen nach Sinn und Ordnung - ein Hang, der sich zweifellos der Funktionsweise unseres Gehirns verdankt, dass neben der Evolution selbst die größte Musterproduktionsmaschinerie ist, die wir kennen. Doch Aberglaube ist noch mehr als Suche nach Verstehen und Orientierung: Aberglaube hat mit der Suche nach etwas zu tun, dem wir vertrauen können und das uns hilft, die Welt in unserem Sinne freundlicher zu gestalten.

Rituale sollen undurchsichtige Kräfte beeinflussen
Mit Hilfe von Ritualen versuchen wir, die Kräfte zu beeinflussen, die offensichtlich am Werke sind, ohne dass wir sie wirklich verstehen. Doch worauf ist wirklich Verlass in Glück und Not, wie Luther schreibt? Im Grunde kann man als Antwort auf diese Frage beginnen, die gesamte uns bekannt Welt abzusuchen. "Es ist mancher, der meint, er habe Gott und alles genug, wenn er Geld und Gut hat" schreibt Luther. So jemand "verlässt und brüstet sich darauf so steif und sicher, dass er auf niemand etwas gibt. Siehe, dieser hat auch einen Gott, der heißt Mammon, das ist Geld und Gut, darauf er all sein Herz setzt, welches auch der allergewöhnlichste Abgott ist auf Erden. Wer Geld und Gut hat, der weiß sich sicher, ist fröhlich und unerschrocken, als sitze er mitten im Paradies; und wiederum, wer keins hat, der verzweifelt und verzagt, als wisse er von keinem Gott. Denn man wird ihrer gar wenig finden, die guten Mutes sind, nicht trauern noch klagen, wenn sie den Mammon nicht haben; es klebt und hängt der Natur an bis in die Grube. Also auch, wer darauf traut und trotzt, dass er große Kunst, Klugheit, Gewalt, Gunst, Freundschaft und Ehre hat, der hat auch einen Gott, aber nicht diesen rechten, einigen Gott."

Was macht den rechten Gott aus - und unterscheidet den Glauben an ihn von Aberglauben? Vermutlich lässt sich diese Frage nur im Dauertest beantworten: Es ist nicht vorab klar, was halten wird und sich bewährt. Aberglaube ist am Ende eine Kulturtechnik, die im Laufe der Evolution entstanden ist. Mit Hilfe dieser Technik - die meist ein komplexes Theoriegebäude und Rituale beinhaltet - soll es uns gelingen, der Komplexität der Welt Herr zu werden, indem wir sie verstehen und zu steuern in der Lage sind. Wie schlecht uns das selbst mit High Tech gelingt, zeigt der Unfall im Atomkraftwerk in Fukushima und all die ähnlichen Fälle.

Kaum eine Aberglauben-freie Zone
Fazit: Man kann sich über das Thema leicht lustig machen. Den eigenen Aberglauben zu erkennen und ihn aus dem Lebens-, Erklärungs- und Stabilisierungszusammenhang chirurgisch so sauber zu entfernen, dass keine weiteren Infektionen erfolgen, bleibt eine hohe Kunst, in deren Ausführung nur wenige wirklich Meister sind. Die Welt der meisten Menschen ist keine Aberglauben-freie Zone.

Sendedaten
scobeldonnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
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