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© ZDF Lupe
Es ist kaum möglich Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen oder zu erkennen, was bewusst nicht gesagt wird.
Gefilterte Wirklichkeit
Wie können wir beurteilen, was wir sehen?
Die Bilder vom Irakkrieg 2003 waren in allen Nachrichten zu sehen. Aber was sahen wir? Was war wirklich - und was gefiltert und zensiert? Häufig blieben die Einschränkungen der Kriegsberichterstattung im Ungewissen. In fast allen Fällen bestimmte die Armee die Drehorte und kontrollierte Filmaufnahmen und Inhalte. Der Zuschauer hat kaum die Möglichkeit, das zu durchschauen.
Oft standen "eingebettete Journalisten" im Zentrum der Berichterstattung. Zwar durften sie die Soldaten begleiten, waren aber unfrei in dem, was sie berichten durften. Aus neutralen Beobachtern wurden mediale Mitkämpfer, Komplizen der militärischen Propaganda. Selbst wenn eigene Recherchen in einem solchen System möglich waren, durften die Ergebnisse nicht berichtet werden.

Medien sind ein gutes Beispiel dafür, dass Wirklichkeit immer nur eine mehr oder minder gefilterte Wirklichkeit ist. Mal wird dieser Umstand selbst hervorgehoben und die mediale Interpretation ist transparent - mal wird sie absichtlich verschleiert. Beide Seiten setzten die Medien als Waffe ein. Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit - und das gefährdet die Objektivität der Medien.

Ein ebenfalls großes Medienereignis war die Flutkatastrophe an der Elbe 2002. Hier wurden die Bilder zu Werbeträgern für den Wahlkampf. Die Katastrophen-Berichterstattung sorgte für einen Quotenerfolg. Auch hier waren es Journalisten, die die Sensationslust der Zuschauer befriedigten: mit unzähligen Beiträgen über Zerstörungen, Rettungsaktionen, Verluste und persönliche Schicksale.

Bilder wecken Emotionen
Es ist kein Wunder, dass Politiker aller Parteien die Medien als die wichtigste Bühne benutzen, um sich für den Bundestagswahlkampf zu präsentieren. Medien schaffen Öffentlichkeit. Sie prägen die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit, beeinflussen und lenken den Zuschauer in die gewollte Richtung. Emotionen steuern das Interesse. "Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien", schrieb der Soziologe Niklas Luhmann. Massenmedien informieren nicht über die vorgegebene Realität, sondern erzeugen und konstruieren eine eigene Medienrealität, so Luhmann.

Auch ein Ereignis wie die Deutsche Wiedervereinigung geht durch den Filter medialer Berichterstattung. Wie das Fernsehen setzen Museen auf Objekte mit großer Wirkung, um Geschichte zu rekonstruieren. Die Ausstellungsstücke sind zwar Artefakte, prägen aber unsere Vorstellung von der Welt. Carola Jüllig vom Deutschen Historischen Museum in Berlin sagt: "Das Problem ist, dass man am Anfang 1000 mögliche Ausstellungsobjekte hat und am Ende etwa 300 zeigt. Es ist ein bischen, wie wenn man eine gute Soße kocht. Mit vielen Zutaten, die ganz lange köcheln, und am Ende bleibt eine Essenz. So ist auch die Planung einer Ausstellung. Ich habe eine Anzahl von Objekten zu einem Thema oder Themenbereich, die ich vergleiche, um dann zu entscheiden, welches Objekt die Aussage, die ich damit machen möchte, am besten vermittelt."

Objekte transportieren Botschaften
Je mehr Informationen und Gefühle ein Gegenstand bündelt kann, desto größer wird die Chance, dass er viele Menschen interessiert. Objekte dienen der Herstellung von Identität. Folglich werden symbolträchtige Objekte in allen öffentlichen Sammlungen und Museen bevorzugt ausgestellt. Carola Jüllig sagt: "Leitfossilien sind Objekte, an denen man ganze Geschichten erzählen kann, weil jeder sofort etwas damit assoziiiert. Jeder der einen VW-Käfer sieht, weiß wofür er steht. Für die Bundesrepublik, das Wirtschaftswunder, die Motorisierung, den autogerechten Umbau der deutschen Städte nach dem Krieg. Ein Exportschlager und Synonym für "wir sind wieder wer". In der DDR war es der Trabant, der für das nachgeholte Wirtschaftswunder der 1960er Jahre stand und den Wunsch nach Aufholen, mit dem Westen gleichziehen.“

Häufig findet man in Museen personalisierte Geschichten, die dem Betrachter einen vereinfachten Zugang zum Thema verschaffen sollen. Ein Objekt, wie ein Kinderwagen, erhält eine veränderte Bedeutung, wenn man weiß, dass die RAF ihn für ein Attentat benutzte. Der Reiz der Objekte besteht darin, dass ihnen etwas Echtes nachgesagt wird.

Wie man Geschichte verständlich macht
Das allein reicht aber nicht aus, um Geschichte zu verstehen. Die Objekte müssen daher gefiltert und arrangiert werden. "Die Politiker, die uns bezahlen, erwarten von uns, dass wir korrekt arbeiten. Die Historiker erwarten von uns, dass wir die neusten Forschungsergebnisse berücksichtigen. Die Besucher erwarten, dass wir ihnen Wissen vermitteln, dass sie leicht begreifen können, und zwar sowohl die Schüler aus der sechsten Klasse, als auch der chinesische Tourist. Das ist das Spannungsfeld, das müssen wir alles bedienen", so Jüllig.

Museen sind, wie Medien, Archive dessen, was wir erwarten und als wirklich, echt und bedeutend empfinden. So prägt das, was wir hervorgebracht haben durch die Wiederspiegelung in den Medien unsere Sicht der Welt. Artefakte und Medien formen und festigen das kollektive Gedächtnis - und damit unser Gehirn. Ist am Ende also das Gehirn selbst ein Konstrukt der Kultur?

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© mevDas getäuschte GehirnSehen, Erkennen, Zauberei