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© dpa Lupe
Gehirn und selektive Wahrnehmung
Wie unser Denkorgan das Sehen beeinflusst
Ein Viertel unseres Gehirns ist allein mit dem Sehen beschäftigt. In jedem Augenblick lösen unzählige Lichtimpulse eine Reaktion aus. Wie wir die Welt wahrnehmen, hängt davon ab, wie unser Gehirn diese Informationen verarbeitet und interpretiert.
Zuerst gelangt der Impuls an einen Rezeptor auf der Netzhaut des Auges. Hier wird der Lichtreiz umgerechnet in einen Nervenreiz. Dieser wird dann weitergeleitet an den Thalamus, wo eine erste Sortierung stattfindet. Vom Thalamus geht es dann zum primären visuellen Cortex am Hinterkopf. Hier wird das Signal analysiert und an übergeordnete visuelle Zentren weitergeleitet, wo dann letztlich die Wahrnehmung entsteht. Dabei unterscheidet man zwischen dem Wo- oder dorsalen Pfad und dem Was- oder ventralen Pfad.

Unterscheidung zwischen Wo- und Was-Pfad
Der Biopsychologe Erhan Genc sagt: "Bei Schädigungen in den visuellen Zentren, die eher oben im dorsalen Pfad liegen, kommt es zu Schwierigkeiten mit der Bewegungswahrnehmung oder mit der Wahrnehmung, wie bestimmte Objekte zueinander im Raum stehen. Das ist der Wo-Pfad. Dagegen haben Leute bei Gesichtsblindheit eher Schädigungen im ventralen Pfad, in den unteren visualen temporalen Bereichen. Diese Leute hatten eher Probleme damit, bestimmte Objekte zu benennen oder sie wussten nicht, um was für ein Objekt es sich handelt."

Wie die Gehirnarchitektur unsere Wahrnehmung bestimmt, zeigt das Phänomen der Scheinbewegung. Zwei abwechselnd aufblinkende Quadrate werden als Bewegung eines einzigen Quadrates wahrgenommen. Unser Auge erkennt dabei keine Bewegung. Die Illusion entsteht allein im Gehirn. Zwischen den Punkten, die auf die beiden Quadrate reagieren, werden auch Hirnregionen aktiviert, die überhaupt keine optischen Impulse erhalten haben.

Preferenz der vertikalen Bewegung
Stellt man vier blinkende Quadrate in gleichem Abstand zueinander, können Menschen sowohl eine vertikale, als auch eine horizontale Bewegung wahrnehmen. "Im Raum sind die Punkte zwar ähnlich weit voneinander entfernt, aber im Cortex sind sie unterschiedlich weit voneinander entfernt. Das heißt die vertikale Distanz bleibt bei 1 im Cortex. Dagegen erhöht sich für die horizontale Wahrnehmung die Distanz. Beide Hirnhemisphären müssen miteinander arbeiten, damit Sie eine horizontale Bewegung sehen. Das ist einfach viel aufwendiger, als wenn man nur die vertikale Bewegung sieht. Deswegen preferiert man im Schnitt mehr die vertikale Bewegung, so dass 80 Prozent der Leute eine vertikale Bewegung oder vermehrt eine vertikale Bewegung wahrnehmen", so Genc.

Die Hirnhemisphären sind durch einen Balken verbunden. Je stärker jene Fasern ausgebildet sind, die visuelle Bewegungen weiterleiten, desto eher nimmt man eine horizontale Bewegung wahr. Eine Erklärung wäre der Schutz vor Gefahren, denn Tiere und Menschen müssen einen Feind auch dann noch als anwesend erkennen, wenn er kurzeitig verdeckt wird. Menschen unterscheiden sich in der Größe des visuellen Cortex, die unter anderem die Größenwahrnehmung von Gegenständen beeinflusst. Die Anatomie des Gehirns ist aber nur eines von drei Elementen, die unsere Wahrnehmung konstruieren.

Unser Gehirn zeigt uns eine passende Welt
"Weitere Elemente sind der anatomische Bau, wie die Zellen, die Neuronen, zueinander stehen. Bei dem anatomischen Faktor wäre es zum Beispiel die Oberfläche oder die Dicke von bestimmten Arealen. Wichtig ist auch, wie die Neurotransmitterzusammensetzung ist, mit der diese Neuronen oder diese Zellen miteinander kommunizieren. Wie ist das Areal mit anderen Arealen vernetzt?", so der Biopsychologe.

Bei uns Menschen beeinflussen die visuellen Wahrnehmungen die übergeordneten Areale der Gefühle, Erinnerungen und Erwartungen. Sie lenken unsere Blicke, ohne dass es uns bewusst ist. Eine Frau, die gerade ein Kind erwartet, wird zum Beispiel in einer Menschenmenge ungewöhnlich viele Kinderwagen entdecken, obwohl ihre Zahl vom Normalwert gar nicht abweicht. Das Gehirn filtert und zeigt uns die Welt, wie sie gerade zu uns passt.

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