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© dpa Lupe
"Beratertreffen" und "Anwendungsbeobachtungen" sind lukrativ.
Korruptives Verhalten
Wie manche Ärzte Kasse machen
Niedergelassene Ärzte agieren irgendwo zwischen freiem Unternehmertum und planwirtschaftlichem Korsett, in das die Gesundheitspolitik sie presst. Zu ausufernden Arbeitszeiten und Überbürokratisierung kommen immer härtere Restriktionen bei den Abrechnungsmöglichkeiten. Einige Facharztbereiche verzeichnen dadurch gravierende Umsatzeinbußen. Deshalb sucht so mancher Arzt nach Schlupflöchern.
53.000 Fälle von Abrechnungsbetrug ermittelten die Kassen in den Jahren 2010 und 2011. 41 Millionen Euro mussten Ärzte daraufhin zurückzahlen. Betrug ist strafbar. Korruptives Verhalten aber bislang nicht. 2012 entschied der Bundesgerichtshof, dass niedergelassene Ärzte als selbstständig gelten und nicht juristisch belangt werden können, wenn sie sich durch Zuwendungen durch die Pharmaindustrie korrumpieren lassen. Und das ist durchaus üblich: regelmäßig werden Ärzte von rund 20.000 Pharmavertreter besucht. Mit einem Budget von rund drei Milliarden Euro finanzieren diese ihnen neue Handys, Computersoftware oder 5-Gänge-Menüs als schickes Begleitprogramm zur Fortbildung.

Ein Klassiker aus der Vergangenheit: die Fortbildung in der Südsee. Zu der auch der Partner auf Kosten des Veranstalters eingeladen ist. Heute ist eher die Teilnahme an einem "Beratertreffen" einer Pharmafirma" lukrativ. Sie wird mit durchschnittlich 7000 Euro mehr als anständig honoriert. Oder die sogenannte "Anwendungsbeobachtung". Ärzte erhalten für das Ausfüllen von Patientenfragebögen bis zu 2500 Euro pro Kopf. Eine Datenerhebung ohne jede wissenschaftliche Relevanz, die nur dazu dient, den Arzt dafür zu "belohnen", dass er ein neues Medikament an den Patienten bringt. Mehr als 1,5 Milliarden Euro stecken Arzneimittelhersteller - laut der Anti-Korruptions-Initiative Transparency International - jährlich in die Weiterbildung deutscher Ärzte.

Schaden in Milliardenhöhe
Auch für die Überweisung an einen ganz bestimmten Fachkollegen oder Therapeuten kann es Gegenleistungen geben. So lassen sich zum Beispiel Orthopäden gerne dafür belohnen, dass sie ihre Verschreibungen direkt an Produzenten und Anbieter aus dem Sanitätsbereich weiterleiten. Das nennt sich dann "Kooperationsvertrag". Durch derlei korruptives Verhalten entsteht den Krankenkassen - und somit der Solidargemeinschaft - ein Schaden von bis zu 18 Milliarden Euro jährlich.

Laut einer Umfrage halten sich 61 Prozent der Mediziner für nicht beeinflusst durch „die Geschenke“ der Pharmaindustrie. Doch nur 16 Prozent ihrer Kollegen halten sie für genauso unbestechlich. Natürlich sind nicht alle Ärzte schwarze Schafe. Mezis - das ist die Abkürzung für "Mein Essen zahl ich selbst" - ist eine 2006 gegründete Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte. Über 450 Mitglieder zählt der Verein. Die Mezis-Ärzte lehnen Geschenke von Pharmaherstellern oder als Fortbildung getarnte Werbeveranstaltungen ab. Oder empfangen keine Pharmavertreter mehr. Die Politik ist aufgerufen. Der Bundesgesundheitsminister arbeitet zur Zeit an Ideen zur gezielten Bekämpfung korruptiven Verhaltens in der Medizin.

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