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Versuch es doch mal mit Yoga
Früher sektenverdächtig, heute schick
Als ich etwa 14 Jahre alt war und nach Übungen gegen meine Rückenprobleme suchte, riet mir eine damals bereits betagte Nachbarin, es doch einmal mit Yoga zu versuchen. Tatsächlich habe ich dann begonnen Hatha-Yoga zu üben - und das noch vor der Zeit, in der Kareen Zebroff im Fernsehen auftrat und Yoga erstmals einer großen Öffentlichkeit vorstellte.
Abgesehen von den vielen Indien-Reisenden der 1960er und 1970er Jahre war Yoga in Deutschland eher unbekannt. Es galt, vorsichtig formuliert, als esoterisch und in hohem Maße sektenverdächtig. Lehrer, geschweige denn zertifizierte Lehrer, die heute beispielsweise im BDY, dem Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland, organisiert sind, gab es so gut wie nicht. Es blieb also nur das Selbststudium.

Gelernt habe ich die wenigen aber wirkungsvollen Übungen ohne Lehrer mit Hilfe des anschaulichen Klassikers des belgischen Yogalehrers André van Lysebeth. Sein Buch "Yoga für Menschen von heute" erscheint nun mit seinen Schwarzweißfotos und seinem Sprachduktus antiquiert. Ich habe es dennoch auf unserer Internetseite besprochen, weil es ein überaus brauchbarer Klassiker geblieben ist und nach wie vor eine der besten Anleitungen für das Selbststudium darstellt.

Aufs Ich acht geben ist das Wichtigste
Ich glaube, dass man nicht allzu viel falsch machen kann, wenn man vorsichtig und mit Verstand übt, statt die Asanas (Yoga-Haltungen) gleich in Extremformen zu praktizieren. Der Amerikaner William J. Broad hat im vergangenen Jahr in seinem viel diskutierten Buch "The Science of Yoga. The Risks and the Rewards" auf die fatalen, krankmachenden Wirkungen von Yoga aufmerksam gemacht. Tatsächlich stimmt der Satz "Yoga tut gut", wie alle Sätze dieser Art, natürlich nur unter der Bedingung, dass man richtig übt, d.h. unter bestimmten individuellen Bedingungen, die voraussetzen, dass man seinen Körper kennt und einigermaßen weiß, was man tut. Schließlich würde auch niemand nach den ersten erfolgreichen Skistunden versuchen, eine schwarze Piste hinunter zu fahren.

Durch die Körperübungen, die damals noch nicht mit Fitness assoziiert wurden (aber durchaus fit machten), wurde ich neugieriger und stieß allmählich auf den Kontext dieser Übungen: die weit in die Geschichte zurückreichenden, vielfältigen, zuweilen widersprüchlichen Yoga-Traditionen und Meditationstechniken. Yoga begann mich über die Körperübungen hinaus zu interessieren. Schließlich habe ich mit Meditation begonnen, die mich jedoch bald vom Yoga weg und hin zu buddhistischen Übungen brachte. Zu meditieren galt damals eher als anrüchig. Es klang nach antichristlichen Sekten, Drogen und weltfremdem Totalausstieg.

Positive Effekte sind wissenschaftlich bestätigt
Dennoch erlebte ich die unterschiedlichen Effekte der Konzentrations- und Meditationsübungen als weitgehend überaus positiv. Es dauerte aber noch Jahrzehnte, bis die allmählich einsetzende Neuroforschung sich dem Gebiet der Meditation zuwandte und die Effekte empirisch bestätigte. Die Entwicklung der spirituellen Traditionen hin zur empirischen Wissenschaft und damit zur Untersuchung der Auswirkungen von Meditation ist vor allem der engagierten Zusammenarbeit zwischen dem Biologen und Neurowissenschaftler Francisco Varela und dem Dalai Lama zu verdanken. Aus dieser Zusammenarbeit ging das Mind and Life Institute mit seinen Forschungsvorhaben hervor, das ein entscheidender Motor für den Dialog zwischen westlichen Naturwissenschaften und östlicher Psychologie und Meditationskultur war und ist.

Inzwischen sind die vielen Effekte von Meditation und insbesondere von Yoga-Übungen durch eine Reihe von sorgfältigen Studien belegt. Wer sich für die wissenschaftlichen Details interessiert: Einen guten Überblick gibt eine Meta-Studie, die die gegenwärtige Evidenz der auf Gesundheit bezogenen Effekte von Yoga untersucht und vieles zusammenfasst: "Effects of Yoga on Mental and Physical Health: A short Summary of Reviews, in: Evidence.-Based Complementary and Alternative Medicine, Volume 2012 von Arndt Büssing, Andreas Michalsen, u.a.

Ein Riesengeschäft, bei dem Alle mitmachen
Heute ist Yoga nicht nur überall bekannt, es ist auch zu "McYoga" geworden. Yoga und Yogaprodukte erreichen weltweit einen Umsatz von geschätzten 35 Milliarden Euro. Tendenz steigend. Zuweilen sind Yoga und Leistungssport kaum noch voneinander zu unterscheiden. Yoga ist zu einem lukrativen Geschäft geworden. Dennoch sollte man sich von der Tatsache, dass es Yoga für Hunde und vermutlich auch für andere Kleintiere gibt, nicht davon abhalten lassen, zu prüfen, was Yoga tatsächlich zu bieten hat. Man sollte seine Erwartungen dabei nicht überstrapazieren.

Yoga dient auch nicht dem Zweck, sich selbst noch effizienter zu optimieren um noch besser, noch fitter und stromlinienförmiger in den Arbeitsmarkt zu passen. Man sollte Yoga üben, weil es ein möglicher Weg ist, seinen Körper besser kennen zu lernen und mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Yoga kann helfen, wacher, klarer und gelassener zu werden. Warum Yoga heilen und vielfältig-positive Wirkungen auf Körper und Geist haben kann - darum geht es in der Sendung, die sich auch kritisch mit dem Yoga-Boom befasst.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
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