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© Rowohlt Lupe
Michel Houellebecqs "Die Möglichkeit einer Insel"
Von Klonen, wilden Horden und Kannibalen
Es ist nicht nur der Name der Sekte der "Elohimiten", die in Michel Houellebecqs umstrittenem Roman an der Verbesserung des Menschen durch Klonversuche arbeiten, die eine Brücke aus dem Jahr 2005 zurück zu H. G. Wells Klassiker "Die Zeitmaschine" von 1895 schlagen.
Auch Houellebecq versucht sich an einer Dystopie, die aus der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts auf Zustände ungefähr 2000 Jahre später schließt: auf eine durch Atomkriege und ökologische Katastrophen verseuchte Welt; auf Restbestände der Menschheit, von der nur einige wenige wilde Horden von Kannibalen übriggeblieben sind; auf ein paar hochgezüchtete Klone, die zumeist vereinzelt mit den Mitteln ausgefeilter Techniken überleben und in immer neuen Generationen gezüchtet werden.

Eine Geschichte der Degeneration
Houellebecq interessiert sich wie H. G. Wells vor mehr als einhundert Jahren nur in bescheidenem Masse für die Details naturwissenschaftlicher oder technischer Entwicklungen - das war schon in seinem zum Klassiker der Moderne aufgerückten Roman "Elementarteilchen" nicht anders. Das Klonen ist sozusagen "state of the art" der Gegenwart, auf die er sich bezieht - konkreter noch war das beim Schreiben des Buches seine Beschäftigung mit den Zielen der Sekte der Raelianern, die das Klonen geradezu propagierte -, auch er versucht sich letztlich an einer Geschichte, die vom Umschlagen kultureller und soziologischer Entwicklungen in Degeneration oder genetische Machbarkeitsvisionen handelt.

Für die Wilden, die wandernden Horden, interessiert er sich dabei ebenfalls kaum, der Punkt, aus dem heraus er seinen Fiktionen entwickelt, ist wie in allen seinen Büchern, die Verquickung von unglücklichem Bewusstsein und totaler Freiheit, die er als zentrales Kennzeichen der westlichen Lebenswelt seiner Generation ansieht. Während H. G. Wells sich in seinem ersten Roman vor allem als pessimistischer Prophet zeigt, ist Michel Houellebecq immer ein düsterer Romantiker.

Ewiges Leben mit ewigen Qualen
Die bedingungslose und ungehemmte Lust von heute, Sex und Freiheiten dargestellt am Beispiel eines Medienstars namens Daniel schlägt um in die Qualen der Erinnerung bei den vereinsamten Klonen, die aus seinem Erbmaterial hervorgezaubert worden sind. Optimale Überlebensmaschinen einerseits, die auch unter schrecklichsten Umständen lange durchhalten können; und andererseits auch hochgezüchtete Geisteswesen, die nichts vergessen können, die alles durchschauen, aber nichts retten können.

"Wer von euch verdient das ewige Leben?" steht als Frage über diesem Roman - und die Antwort ist eindeutig: eigentlich keiner. Aber die Klone, und vor allem Daniel.25, der vom letzten Teil dieser Menschheitsdämmerung berichtet, weiß noch mehr - die Ewigkeit wäre gleichbedeutend mit ewiger Bewusstseins-Qual. Das Glück ist kein möglicher Horizont für diese ultimativ optimierten Lebewesen, der Endpunkt der Evolution, die ihn hervorgebracht ist, ist sein Wunsch, alles Denken zu vermeiden, um alles Leiden zu vermeiden. Zugespitzt gesagt: Er ersehnt die Regression auf den Bewusstseinsstand einer Amöbe, den Rücksturz auf eine Entwicklungsstufe zum Anbeginn allen Lebens.

Sendedaten
"scobel"
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© apPaläoanthropologie
Wer uns in den Genen steckt
Info
Die Möglichkeit einer Insel
Michel Houellebecq
Rowohlt 2007
ISBN-13: 978-3499243387