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© mev Lupe
Im Sinne einer Gruppe handeln bringt dem Menschen Vorteile.
Vorteil Kooperation
Wie der Homo sapiens zum Erfolgsmodell wurde
Der klassische Darwinismus kennt nur zwei Faktoren: Mutation und Selektion. Genetische Vielfalt führt dazu, dass die am besten Angepassten überleben und sich bevorzugt fortpflanzen. Deshalb deutete man die Geschichte des Lebens oft als einen vom Egoismus geprägten Überlebenskampf. Doch eine wesentliche Gestaltungskraft des Überlebens wurde schlicht übersehen: die Kooperation.
Das sagt der an der Harvard University lehrende österreichische Biologe und Mathematiker Martin A. Nowak und sorgt damit für Aufregung. Für ihn ist die Kooperation sogar der Motor der Evolution: "Die Frage ist, warum gelingt es der Natur aus einfachen Strukturen immer kompliziertere hervorzubringen. Von Einzellern zu Vielzellern, zu komplizierten Organismen, von Tieren zu menschlichen Gesellschaften und menschlicher Sprache - warum wird Leben in den Milliarden von Jahren immer komplizierter? Wo ist in der Evolution die Kraft, die die Richtung vorgibt, mehr und mehr Komplexität aufzubauen? Das ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn man Kooperation ins Spiel bringt."

Kooperation ist deshalb überraschend, weil sie bedeutet: Ich stelle meine Fähigkeiten in den Dienst anderer. Nach Nowak setzt der Mensch sogar mehrere Strategien ein, um Kooperation zu erreichen. Das klassische Prinzip ist das der Gegenseitigkeit oder der "direkten Reziprozität". "Weil du mir hilfst, helfe ich dir. Noch wichtiger ist jedoch die "indirekte Reziprozität": "Bei der indirekten Reziprozität spielt die Reputation eine entscheidende Rolle. Die Idee ist, es kostet zu kooperieren, aber man bekommt dafür die Reputation als wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Auch Sprache spielt eine große Rolle, weil man nicht alles, was vorgeht, beobachten kann, ist man darauf angewiesen, es erzählt zu bekommen", so Nowak.

Handeln im Sinne der Sache oder für Verwandte
Für eine "direkte Reziprozität" braucht man also ein Gesicht, für "indirekte" bloß einen Namen. Wer anderen hilft, gewinnt einen guten Ruf und qualifiziert sich für Unterstützung. Wer einen Ruf als Egoist erworben hat, provoziert in der Regel Ablehnung. Ein weiterer Mechanismus des kooperativen Verhaltens ist die Unterstützung von Verwandten. Nowak sagt: "Man nennt das Kin-Selektion, also Verwandtschaft. Man hilft nahen Verwandten, das ist eine Art von Nepotismus - ich riskiere etwas, aber der, der einen Nutzen davon hat, ist z.B. mein Bruder."

Auf der Ebene der Evolution bedeutet das, dass jene Individuen einen Vorteil erhalten, die möglichst ähnliche Gene wie der sich aufopfernde Wohltäter besitzen. Je enger die Verwandtschaft, desto stärker der Effekt. Zum evolutionären Erfolg verhalf dem Menschen die Gruppenselektion. Schon Charles Darwin vermutete, dass der Mensch Moral zum Gruppenerhalt entwickelte. Es braucht Gemeinsinn, um eine Gruppe als Kollektiv überleben zu lassen. Im Vergleich sind Gruppen, die den Eigennutz von Einzelnen zulassen, instabiler.

Zusammenwirken auf allen Ebenen
Dieses Prinzip überträgt Martin Nowak auch auf den menschlichen Körper. Die Vorgänge im Körper funktionieren nur wegen der vielfältigen Kooperationen von Organen. Nur wenn die einzelnen Teile wirklich zusammenarbeiten, können wir überleben. Wenn nicht, wird es für unseren Körper gefährlich: "Vielzeller bestehen aus kooperierenden Zellen. Diese Zellen sind nicht selbstbezogen, sie teilen sich, wenn es von Nutzen oder notwendig für den Organismus ist. Mutieren Zellen, vermehren sie sich unaufhaltsam. Das führt dann zur Zerstörung des Organismus. Krebs ist ein Zusammenbruch der Kooperation."

Für Martin Nowak ist der Mensch ein "Supercooperator", da bei ihm alle Ebenen und Mechanismen der Kooperation wirksam sind. Das macht ihn auch zum Erfolgsmodell der Evolution - mit einer gewissen Einschränkung: "Die schnelle Evolutionsgeschwindigkeit, ist sehr zerstörerisch, d.h. sie kann sehr schnell das Ökosystem an einen Punkt bringen, wo es für ein intelligentes Leben nicht mehr stabil ist." Das wäre fatal. In Zeiten globaler Probleme gilt es deshalb, global zu kooperieren und nicht nur die Interessen einzelner Nationen, Gruppen oder Lobbys durchzusetzen.

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