Donnerstags, um 21.00 Uhr
Kalender
Oktober 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
© ap Lupe
Frühmenschen: Es gab mehr Arten und Vermischungen als bislang gedacht.
Pluralität der Frühmenschen
Forschungen weisen auf mehr Vermischungen im Erbgut hin, als bisher angenommen
Erst vor 150 Jahren begannen wir unsere überzwei Millionen Jahre alte Geschichte zu ergründen. Sie nahm ihren Anfang in Afrika und ist noch längst nicht vollständig erforscht. Neueste Forschungen aus den letzten 600.000 Jahren ergaben: Es gab mehr frühmenschliche Arten als bisher bekannt, zudem vermischten sich sich. Für die Forscher eine spektakuläre Erkenntnis.
Unser Vorfahre Homo sapiens traf nach seiner Auswanderung aus Afrika vor rund 100.000 Jahren auf den Neandertaler, eine Menschenart, die sich schon lange vor ihm ebenfalls aus Afrika kommend, in Europa angesiedelt hatte. Homo Sapiens verdrängte den körperlich überlegenen Konkurrenten. Ein Prozess von einigen 10.000 Jahren, in dessen Verlauf sich beide Arten kulturell beeinflussten und vermischten.

Erbgutanalyse gibt Aufschluss
Jetzt ist bewiesen, es gab auch noch andere Arten, mit denen sich unser Vorfahr vermischte. Eine ist der "Denisova-Mensch", benannt nach einer sibirischen Höhle, in der man diese Spezies erst vor wenigen Jahren entdeckte. Sie existierte zeitlich parallel zum Neandertaler und zum frühen Homo sapiens, der damals im mittleren Osten und im mediteranen Raum lebte.

Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gelang es zusammen mit internationalen Kollegen, das Erbgut des Denisova-Menschen zu entschlüsseln. Eine neue DNA-Sequenzierungssmethode lieferte aus einem winzigen, 10 Gramm leichten Fingerknochen und zwei Backenzähnen eine Fülle bedeutender neuer Informationen zur menschlichen Evolution: Vergleiche mit dem Erbgut von Menschen aus Südostasien zeigen Übereinstimmungen mit dem Denisova-Genom. Menschen aus Papua Neuguinea und auch Aborigines besitzen drei Prozent des Denisova-Erbgutes. Homo sapiens muss sich also auf seinen Wegen um die Welt mit anderen Menschenarten vermischt haben.

Out-of-Africa-Theorie auf dem Prüfstand
Für Christopher Stringer eine mehr als interessante Entdeckung. Der Brite gehört zu den anerkanntesten Paläntologen der Welt. Er leitet die Abteilung zur Erforschung der Herkunft des Menschen am Natural History Museum in London und ist Mitglied der Royal Society. Schon sehr früh vertrat er die Out-of-Africa-Theorie, die heute allgemein akzeptiert ist: "Die menschliche Evolution ist ein sehr komplexer Prozess. Es gab eine Vielzahl von Spezies und besonders in den letzten 500.000 Jahren können wir die Hauptlinien erkennen: den Zweig des Homo heidelbergensis, den Neandertaler-Zweig und den modernen Menschen. Und wir entdeckten durch DNA-Analyse eine neuen Zweig: die Denisova-Menschen in Fernost. Diese Zweige spielen die Hauptrolle in der Geschichte unserer Ursprünge."

Weiter sagt er: "Bis vor kurzem glaubte ich, dass sie sich voneinander getrennt entwickelten und dass der moderne Mensch die anderen dominierte und verdrängte. Durch die DNA-Analyse wissen wir heute, dass es komplexer war. Es gab kleine Vermischungen und viele Menschen tragen die Spuren dieser Vermischung in sich. Europäer, Chinesen, australische Aborigines, die amerikanischen Ureinwohner haben rund ein Prozent des Neandertaler Genoms in sich. Das ist komplett neu und überraschend. Das bedeutend: Es gab nicht einen einzigen afrikanischen Ursprung, sondern es gab ein Out-of-Africa-Ereignis mit Vermischungen."

Fest steht, dass die Vermischung der Arten nicht an einem einzigen Ort stattfand: "Wir tendierten dazu, unsere afrikanische Vergangenheit zu vereinfachen. Man dachte, dass es einen einzigen Ort in Afrika gab, an dem der moderne Mensch entstand. Tatsächlich denke ich aber, dass sich das Zentrum der Evolution, wenn es denn eines gab, bewegte. Auf dem Gebiet der heutigen Sahara, konnte man in Zeiten, in denen das Gebiet gewässert, also feucht war, jedesmal größere menschliche Populationen in der gesamten Region beobachten. Trocknete das Gebiet wieder aus, starben diese wieder aus. Veränderungen fanden statt, wo es die größten Populationen gab. Es gab also keine spezifische Stelle, an der wir unsere gesamte Evolution festmachen können", so Stringer.

Stammbaum des Menschen erweitert sich stetig
Auch in den frühen Anfängen bereits muss der Stammbaum des Menschen um einige Äste erweitert werden. Das ergab die Untersuchung der neuesten fossilen Funde aus Kenia: Am Turkana See wurden im Rahmen eines Forschungsprojektes ein Unterkiefer und ein Gesichtsschädel ausgegraben. Geschätztes Alter: rund zwei Millionen Jahre. Damit ist das Geheimnis eines vor 40 Jahren dort gefundenen Fossils gelüftet und bewiesen: Neben Homo erectus gab es mindestens noch zwei weitere frühe Vertreter der Gattung Homo, so das Ergebnis der im vergangenen August veröffentlichten Studie des Max-Planck-Instituts in Leipzig.

Und mit jedem neuen Fund, steigt die Wahrscheinlichkeit, eine weitere neue Art zu entdecken. Stringer sagt: "Wir haben nur aus wenigen Teilen Afrikas fossile Funde. Aus 50 Prozent des afrikanischen Kontinents gibt es Steinwerkzeuge, aber wir wissen noch nicht, wer sie herstellte. Wir haben keine Fossilien früherer Populationen aus Zentral- oder Westafrika. Daten und Fakten können nur auf Funden basieren. Wir arbeiten an einem umfangreicheren Bild." Bislang steht fest: Ganz gleich wie viele Verästelungen unseres Stammbaums noch entdeckt werden: Alle Menschen sind verwandt und alle Menschen sind Afrikaner.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© apPaläoanthropologie
Wer uns in den Genen steckt
Mediathek
© ZDFVideoIm Gespräch
Wir haben mit dem britischen Wissenschaftler Professor Christopher Stringer über die Evolutionsgeschichte des Menschen gesprochen. (engl.)
Links
mehr zum Thema