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Auf der Suche nach der Wahrheit
Hinterfragen, statt einfach Schlucken
Zuweilen erweisen sich die scheinbar absurdesten Behauptungen als wahr: Es gab Filme militärischer Aufklärungsflugzeuge - und vertrauenswürdige Politiker wie Colin Powell, General, Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister der Vereinigten Staaten. Am Ende brachte der Krieg selbst die Wahrheit an den Tag: Er war durch eine krude Lüge begründet - die Lüge, dass der Irak im Besitz von Atomwaffen sei.
Gerade weil etwas, das als sicher galt, sich am Ende als Lüge heraus gestellt hat, scheint es legitim zu sein, auch andere Dinge anzuweifeln. Waren die Amerikaner je auf dem Mond? Kann ein einzelner Täter und mittelmäßiger Schütze wie Lee Harvey Oswald - der zwei Tage nach seinem angeblichen Attentat auf John F. Kennedy erschossen wurde, noch bevor es eine offizielle Anklage gegen ihn gab - tatsächlich den Präsidenten der Vereinigten Staaten im Alleingang ermorden? War der Tod von Kennedys Geliebter, der Schauspielerin Marilyn Monroe, die angeblich mehrfach vor ihrem Tod von Staatsgeheimnissen sprach, Folge einer Überdosis oder eines Mordes, in den (wie bei Kennedy ein Jahr später) neben der Politik möglicherweise die Mafia verstrickt war?

Manchmal hilft auch die eigene Beobachtung nicht
Beispiele wie diese lassen sich zahllos finden: angefangen von dem Attentat auf das World Trade Center bis hin zur Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg. Man sollte meinen, eigenes, kritisches Denken führe in solchen Fällen weiter. Dieser Überzeugung liegen jedoch zahlreiche Annahmen zugrunde, die nicht unbedingt alle stimmen müssen. Immer wieder gibt es gefälschte, aber auch verschwundene Evidenzen. Es gibt "offizielle" Lügen - wie auch "offizielle" Wahrheiten, die tatsächlich wahr sind, auch wenn sie wie erfunden wirken. Gerade komplexe Ereignisse haben häufig viele Ursachen, die alle verstanden werden müssen, um das Zustandekommen des Ergebnisses zu verstehen.

In meinem Buch über Weisheit schildere ich ein Erlebnis, das ich als Teenager hatte. Es zeigte mir eindrucksvoll, wie etwas mit eigenen Augen genau beobachtet und doch nicht oder falsch verstanden werden kann. Ich hatte nachts einige Sternschnuppen beobachten können. Ich wollte gerade den kalten Wald verlassen, als plötzlich weithin sichtbar und mit großer Helligkeit eine Sternschnuppe vom einen Ende des Horizonts quer über den Himmel fast bis zu seinem anderen Ende flog - und dann wieder zum Ausgangspunkt zurück. Diese Zickzack-Bewegung wiederholte sich in einer unglaublich schnellen Folge mehrmals, bis die Leuchtkraft der Sternschnuppe nachließ und sie irgendwo verglühte und vermutlich weit von mir entfernt in tausend Teilen zu Boden fiel.

Zickzack-Kurs der Sternschnuppe unmöglich
Was mich daran so aus der Fassung brachte, war die Helligkeit und damit Klarheit der Erscheinung - vor allem aber der schnelle Zickzack-Kurs. Nach allen Regeln der Schulphysik hätte ein sich auf diese Weise bewegender Himmelskörper immer wieder zunächst langsamer und dann schneller werden müssen. Das zweite Newton’sche Axiom, ein Grundprinzip der Dynamik, lautet: "Die Änderung der Bewegung einer Masse ist der Einwirkung der bewegenden Kraft proportional und geschieht nach der Richtung derjenigen geraden Linie, nach welcher jene Kraft wirkt." Körper verharren aufgrund des Trägheitsgesetzes im Zustand einer gleichförmigen Bewegung - es sei denn, sie werden durch eine andere Kraft abgebremst oder beschleunigt. Wie hätte aber ein Meteor aus eigener Kraft zunächst abbremsen und dann beschleunigen können?

Die Erklärung fand ich erst einige Zeit später. In Wahrheit hatte es sich bei der Bewegung gar nicht um einen Zickzack-Kurs gehandelt, obwohl es so aussah. Des Rätsels Lösung dieser Erscheinung, die wie ein Ufo wirkte, war eine gleichförmige Kreisbewegung. "Allerdings sah ich diese Bewegung nicht von der Seite, also in all ihren drei Dimensionen, sondern einzig und allein aus einer Ebene heraus, von unten, von der Erde aus. Auf diese Weise waren mir nur zwei Dimensionen zugänglich. Der Wegfall einer Dimension führte dazu, dass ich nur die Projektion der gesamten dreidimensionalen Kreisbewegung auf eine Ebene wahrnahm, nicht aber die Kreisbewegung selbst. Was ich gesehen hatte, war eine Bewegung in zwei, nicht in drei Dimensionen. Die Welt hatte sich für mich perspektivisch verengt - und mir damit ein Rätsel aufgegeben, das mich zunächst an meinen eigenen Sinnen zweifeln ließ."

Perspektivische Verengung auf kollektiver Ebene
Genau diese perspektivische Verengung gibt es auch auf kollektiver Ebene. Eine Dimension eines komplexen Geschehens wird nicht gesehen (oder, im Gegenteil einfach hinzu erfunden). Und schon stimmt die gesamte Wahrnehmung nicht mehr. Es ist überaus schwer, Verschwörungstheorien zu widerlegen - ähnlich wie es schwer ist, geheime Operationen des Militär nachzuweisen, die eben per Definition geheim sind und nicht nachprüfbar sein sollen. Dennoch gibt es bestimmte Merkmale von Verschwörungstheorien, denen ich auf den Grund gehen will. Leider sind sie kein untrügliches Kennzeichen für die Wahrheit. Denn allzu oft haben sich als Lüge bezeichnete Aussagen (Colin Powell habe die Unwahrheit gesagt und die Bilder von angeblichen irakischen Atomwaffen seien Fälschungen) am Ende eben doch als wahr erwiesen.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© dpaMythos Verschwörung?