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Wissenschaft am Donnerstag
Um 20.15 Uhr sehen Sie die Dokumentation:
Lupe
Meditierende können das Jetzt länger und intensiver erleben.
Leben im Zeitparadoxon
Mal will sie nicht vergehen, dann rast sie wieder
Die Zeit ist immer gegenwärtig und taktet unser gesamtes Leben. Seit Albert Einstein wissen wir, dass Zeit relativ ist, relativ zu Geschwindigkeit und Materie. Deshalb kann sie unterschiedlich langsam oder schnell vergehen.
Je schneller wir uns bewegen, desto langsamer verläuft die Zeit. Wären wir in einem Raumschiff unterwegs, das sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt, würden wir im Verhältnis zu anderen langsamer altern. Die Zeit verläuft umso langsamer, je größer die Anziehungskraft eines Planeten oder Sterns ist. Gravitation verlangsamt die Zeit. Die massereichsten Objekte im Weltraum sind die schwarzen Löcher. Dort gibt es keinen Raum und deshalb auch keine Zeit.

Unabhängig davon, was die Uhren anzeigen, haben Menschen ein persönliches Zeitempfinden, das sich von Mensch zu Mensch stark unterscheiden kann. Wenn wir lange warten müssen, will die Zeit nicht vergehen: Uns ist langweilig und die Zeit kommt uns unendlich lang vor. Die gleichsam leere Zeit erscheint uns später, in der Erinnerung, als sei sie rasch und spurlos verflogen. Dieses Phänomen bezeichnen Forscher als Zeitparadoxon.

Informationsverarbeitung im Gehirn
Genau umgekehrt ist es, wenn alle unsere Sinne gefordert sind und wir innerhalb von Sekunden verschiedene Reize bearbeiten müssen. Dann rast die Zeit nur so dahin. Doch im Rückblick kommt uns dieser Zeitraum dann viel länger vor. Ob die Zeit rast oder sich in die Länge zieht, hängt auch vom Lebensalter ab. Ältere Menschen klagen darüber, dass die Zeit viel zu schnell vergeht. Sie erleben oft nicht mehr viel Neues. Der Alltag, der aus Routine des Immergleichen besteht, wirkt im Nachhinein wie nicht gelebt und hinterlässt den Eindruck von kurzer Dauer. Kinder dagegen sind ständig in Bewegung und erleben alles neu. Ein Tag ist voll neuer Erfahrungen und kommt ihnen wie eine Ewigkeit vor.

Wir besitzen kein Sinnesorgan, mit dem wir Zeit direkt wahrnehmen können. Dass wir sie aber so unterschiedlich empfinden, hängt mit der Informationsverarbeitung unseres Gehirns zusammen. Die Sinnesorgane liefern dem Gehirn dauernd Informationen über die Außenwelt. Diese Datenfülle muss das Gehirn verarbeiten und ordnen. Um die Ereignisse ordnen zu können, benötigt die menschliche Wahrnehmung einen zeitlichen Rahmen, der im Gehirn konstruiert wird. Das Gehirn vermittelt unserem Bewusstsein die Illusion, dass die Zeit kontinuierlich in eine Richtung fließt und dass es eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt.

Bei Nahtoderfahrungen friert die Zeit ein
Die Informationen über die Außenwelt gelangen zum Teil gleichzeitig, zum Teil versetzt ins Gehirn. Forscher entdeckten, dass unsere Sinnesorgane zwei Reize dann nur zeitlich unterscheiden können, wenn sie mehr als 30 Millisekunden auseinander liegen. Was als Gegenwart existiert, das Jetzt also, liegt zwischen mindesten 30 Millisekunden und drei Sekunden. Bei Nahtoderfahrungen beispielsweise verdichten sich Zeitspannen von Stunden, Tagen und gar Jahren zu Augenblicken von wenigen Sekunden. Viele Betroffene berichten, dass sie alles auf einmal und in einem einzigen Zeitpunkt erleben. Die Zeit friert ein.

Obwohl der Mensch keinen eigentlichen Zeitsinn hat, nimmt er Zeit wahr und hat ein Gefühl für die Dauer von Ereignissen. Die aktuelle Forschung zeigt, dass Körpervorgänge für unser Gefühl von Zeit sorgen. Demnach können der Herzschlag oder die Atmung einen inneren Takt darstellen, an dem zeitliche Muster der Außenwelt gemessen werden. Der Körper funktioniert als innere Uhr für unseren Zeitsinn - den wir mitunter beeinflussen können: Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen mit langer Meditations- oder Achtsamkeitserfahrung den Moment, das Jetzt, ein wenig länger genießen können.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© colourboxDiktatur der Zeit